Gewalterfahrung im Lokaljournalismus

Rechte Demo

Gewalt gegen Journalist*innen. Grafik: ver.di

In Deutschland hat sich die Zahl der gewalttätigen Übergriffe auf Journalist*innen deutlich erhöht. Viele der Übergriffe finden am Rande von Demonstrationen statt. Der Thüringer Journalist Fabian Klaus recherchiert zu Rechtsextremismus und wird deshalb bedroht. Mit M sprach er über zunehmende Bedrohungslagen im Lokaljournalismus und die Unterstützung aus den Redaktionen.

M | Sie sind seit vielen Jahren Reporter der Funke Mediengruppe in Thüringen. Im Frühjahr 2023 wurden Sie von einem Teilnehmer einer AfD-Demonstration in Erfurt angegriffen. Ende vergangenen Jahres zeigte der Ostthüringer Rechtsextremist Christian Klar in Gera ein Plakat mit einer diffamierenden Darstellung von Ihnen auf einer Demonstration. Die Polizei hat diesbezüglich Ermittlungen wegen Beleidigung aufgenommen. Was gibt Ihnen als Journalist angesichts solcher Erfahrungen Rückhalt?

 

Aschermittwoch von rechts

Auch in diesem Jahr fand der Aschermittwoch des rechtsextremen Vereins „Aufbruch Gera“ in der städtischen Veranstaltungshalle in Ronneburg statt. Die CDU-Bürgermeisterin Kriemhild Leutloff (CDU) nannte datenschutzrechtliche Vorgaben als Begründung, die Namen derjenigen nicht nennen zu können, denen die Halle vermietet wurde.

Ich habe eine Chefredaktion hinter mir, die mir Sicherheit gibt bei dem, was ich tue. Ich übe schließlich meinen Beruf aus, wenn ich berichterstatte. Es war nicht das erste Mal, dass ich attackiert wurde. Es musste hier nicht erst körperlich werden. Ein anderer Fall war eine Veranstaltung unter dem Titel „Patriotischer Aschermittwoch – deutsch und frei“ in Ronneburg im vergangenen Jahr. Hier war der Ort lange geheim gehalten worden. Dass die CDU-Bürgermeisterin die Vermietung der Halle erlaubt hatte, wurde im Nachhinein von deren Ortsverband damit gerechtfertigt, dass sie reingelegt worden sei, wie es hieß.

Ich war an dem Abend zwar selbst nicht im Saal, hatte vor der Veranstaltung den Rechtsextremisten aber einen Strich durch die Rechnung gemacht und mit einer Berichterstattung in der Ostthüringer Zeitung die Geheimniskrämerei um den Veranstaltungsort beendet. Das veranlasste den Veranstalter dann, mich an dem Abend von der Bühne aus zu beleidigen und anzukündigen, ich gehöre auf ein sogenanntes Schuldig-Plakat. Einige Monate und ein paar Berichterstattungen später hat er das dann umgesetzt.

Sie sind als Journalist schon viele Jahre mit dem Thema Rechtsextremismus in Thüringen befasst. Hat sich Ihrer Meinung nach der Umgang mit Gewalt oder deren Androhung gegen Pressevertreter*innen verändert?

Ich bin als sehr junger Journalist ohne viel Erfahrung mit 19 Jahren nach Fretterode geschickt worden. Dort lebt seit 1999 der militante deutsche Neonazi Thorsten Heise in einem ehemals als Pflegeheim genutzten Gehöft. Man hat mir damals gesagt: Mach doch mal was zu Heise. Und das habe ich damals auch gemacht. Im Eichsfeld wusste ja niemand wirklich, um wen es sich bei Heise handelt, auch ich nicht.

So wurde ich dann mit einer der ersten Geschichten relativ unbedarft mit dem Thema gewaltbereite Neonazis konfrontiert. Aber auch wenn Redaktionspraktikanten zu mutmaßlich schweren Verkehrsunfällen geschickt werden, ist das eine sehr fragliche Entscheidung. Es kommt immer auf die Person an, inwieweit die sich mit bestimmten Themen auch befassen will. Aber so ohne Weiteres darf das nicht passieren. Es gibt im Lokaljournalismus auch sehr viele gute Themen. Oft wird aber auf das Thema gesetzt, das gute Zahlen verspricht. Gerade Kolleginnen und Kollegen mit wenig Erfahrung sollten diese vielleicht doch eher in anderen, ebenso wichtigen Bereichen sammeln.

Es gibt also nach wie vor Bedarf, in Redaktionen stärker dafür zu sensibilisieren, Probleme potenzieller Traumatisierung nicht bei den einzelnen Journalist*innen zu lassen? Nach dem Motto: „Wenn du da nicht hart genug bist, dann bist du falsch im Beruf.“

Auf jeden Fall. Umgang mit Gewalt oder Gewalterfahrung fängt ja nicht erst bei Kriegsberichterstattung an. Die Funke Mediengruppe ist für mich da ein sehr positives Beispiel. Hier gibt es in den Chefetagen eine deutlich spürbare Sensibilität. Dennoch gibt es gerade in kleineren Redaktionen vermutlich weniger Ressourcen und Kapazitäten, vielleicht auch weniger Bewusstsein, dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Man kann immer besser werden.

 

 

 

 

 

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