Einsamkeit: Kein rein digitales Phänomen

Macht uns die digitale Kommunikation einsamer oder hilft sie sogar, weniger einsam zu sein? Es kommt darauf an. Foto: 123rf

Digitale Kommunikation, wie beispielsweise über Social Media, ist ein Treiber für zunehmende Vereinsamung in unserer Gesellschaft. So lautet eine gern verbreitete These. Doch wie viel Wahrheit steckt dahinter? Darüber diskutierten die Teilnehmenden des Online-Forums „Digitalisierung und Einsamkeit“ des Weizenbaum-Instituts in Berlin.

Der Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Einsamkeit ist nicht so eindeutig, wie viele Menschen glauben. Die Beurteilung fällt komplex aus. Vor allem braucht es viel mehr Forschung über die Auswirkungen digitaler Kommunikation, äußerten die drei Referenten in ihren Vorträgen einmütig.

Der Kontext der Nutzung ist wichtig

Unter Forschenden gibt es zwei Strömungen: Die Ersatz-Hypothese und die Stimulations-Hypothese. Die erste Theorie geht von der Annahme aus, Menschen nutzen Online-Gespräche als Ersatz für echte soziale Kontakte. Demnach sei digitale Kommunikation ein Treiber von Vereinsamung. Das genaue Gegenteil behauptet die zweite Theorie. Demnach sei digitale Kommunikation ein guter Weg, um neue Kontakte zu knüpfen und diese im besten Falle in der realen Welt fortzuführen und intensiv zu pflegen.

„Die Theorien allein liefern nur wenig Anhaltspunkte über die Wirkweise digitaler Technologien, denn es kommt auf den jeweiligen Kontext an“, erklärt Henning-Vincent Krause, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Weizenbaum-Institut. Erste Erkenntnisse würden nur zeigen, dass eine bereits bestehende Einsamkeit  durch die Nutzung sozialer Medien beeinflusst werde.

Viel interessanter sei hingegen ein anderes gesichertes Ergebnis. „Vor allem ältere Menschen können durch die Kommunikation über Social Media profitieren“, berichtet der Wissenschaftler vom Weizenbaum-Institut. Weil die realen sozialen Kontakte mit zunehmendem Alter immer weiter abnehmen würden, seien digitale Gespräche eine einfache Möglichkeit, um sich beispielsweise über gemeinsame Hobbies oder Themen mit anderen auszutauschen.

Digitale „Gesprächspartner“ als Sprungbrett

„Deswegen können digitale Technologien auch als Sprungbrett dienen, um wieder zurück in soziale Strukturen zu gelangen“, wirft Aike Horstmann ein. Sie beschäftigt sich an der Uni Duisburg-Essen mit künstlichen Aktionspartnern wie KI-Chatbots oder interaktiven Robotern. Menschen neigten dazu, solche „Gesprächspartner“ als qualitativ minderwertig anzusehen.

„Künstliche Gesprächspartner bieten einen sicheren Raum, werten nicht und sind jederzeit verfügbar“, zählt die Expertin einige Vorzüge auf und ergänzt: „Dadurch reduziert sich der soziale Druck und die Angst vor Verurteilung oder Bloßstellung.“ Kommunikation in der digitalen Welt helfe daher möglicherweise, die eigene soziale und emotionale Kompetenz zu trainieren. Auf diese Weise kann Online-Kommunikation reale Gespräche sogar befördern.

Digitale Kommunikation besitzt eigene Qualität

„Deswegen sollte digitale Kommunikation nicht immer als eine Art Gegenpol zu menschlicher Kommunikation betrachtet werden, als gäbe es bei der qualitativen Einordnung nur ein ‚entweder/oder‘“, meint Lukas Spahlinger, Referent für Arbeit & Soziales, Umwelt & Digitale Welt am Zentrum für Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN).

Menschliche Umarmungen seien selbstverständlich immer noch enorm wichtig, „wir sollten allerdings nicht ständig nur in den Kategorien ‚gut‘ oder ’schlecht‘ denken. Digitale Freundschaften besitzen einfach eine andere Qualität, die reale menschliche Kontakte gar nicht haben können, beispielsweise im Hinblick auf Verlässlichkeit.“ Zudem seien digitale Gesprächspartner in der Regel niemals toxisch.

Selbstverständlich habe das Aufkommen von KI dazu geführt, digitale Kommunikation gänzlich neu zu betrachten. „Deswegen sollte künftig nicht nur die Medienkompetenz, sondern vor allem auch die KI-Kompetenz gesellschaftlich stärker in den Fokus rücken“, plädiert Spahlinger. Das gelte im Übrigen nicht nur für junge Menschen, sondern für alle Altersgruppen.

Es bleibt schwierig. Doch am Ende der Online-Diskussion herrscht dann zumindest bei einer Thematik absolute Einigkeit unter den drei Referenten. Jugendlichen den Zugang zur digitalen Welt zu verbieten, sei nur eine Scheinlösung. Eine selbstbestimmte Teilnahme am digitalen Austausch sei die beste Chance, um die eigene Medienkompetenz zu trainieren, unterstreicht Henning-Vincent Krause vom Weizenbaum-Institut. Es spiele keine Rolle, wo sich jemand mit anderen austausche. In der realen Welt oder digital, jede Form der Kommunikation fördere das demokratische Bewusstsein und Verständnis.

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