Geschichte gegen Rechts

Immer wieder werden historische Fakten von rechten Akteuren in Frage gestellt und verdreht. Die Webseite „Geschichte statt Mythen“ der Universität Jena und der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora macht genau darauf aufmerksam. Sie informiert über Geschichtsrevisionismus und sammelt aktuelle Versuche, Geschichte umzudeuten. Das Ergebnis sind vor allem wiederkehrende Begegnungen mit der AfD. Weil deren politische Strategie zum Ziel hat, nationalsozialistische Verbrechen zu entkriminalisieren, ist eine faktenbasierte Auseinandersetzung mit Geschichte dringend nötig.

Wenn AfD-Kanzlerkandidatin Alice Weidel im Gespräch mit dem Tech-Milliardär Elon Musk behauptet, Hitler sei ein Kommunist gewesen, dann ist das nicht nur Blödsinn. Es ist auch Geschichtsrevisionismus wie aus dem Bilderbuch. Damit versucht die Vorsitzende einer rechtsextremen Partei den deutschen Diktator aus der rechten Ecke herauszuholen und die Geschichtsschreibung um „180 Grad“ zu wenden. Die Bösen, das waren die Linken, wäre dann die logische Schlussfolgerung.

Faktenchecks versus Mythen

Dass Alice Weidel damit grundfalsch liegt, haben Faktenchecks bereits aufgearbeitet. Weidel und ihre Partei stehen mit ihrem Vorhaben, die Geschichte umzudeuten aber nicht allein da. „Der Mythos der linken Nationalsozialisten wird schon seit Jahrzehnten immer wieder hervorgeholt.

Wahr ist stattdessen, dass Kommunist*innen offen durch die NSDAP verfolgt wurden und die Nazis bis 1945 circa 20.000 KPD-Mitglieder in Konzentrationslagern ermordet haben“, sagt Jakob Schergaut von der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Gespräch mit M. Der Sozialwissenschaftler betreut die Webseite „Geschichte statt Mythen“ mit der er unter anderem solche Äußerungen mit wissenschaftlichen Fakten widerlegt. „Debunking“ nennt sich das. Dafür durchforstet er das Internet und macht darauf aufmerksam, wenn Geschichte im Sinne des Geschichtsrevisionismus umgedeutet wird.

Das Projekt ist am Lehrstuhl für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit am historischen Institut der Universität Jena angesiedelt und arbeitet eng mit den Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora zusammen. Es entstand gewissermaßen in Reaktion auf geschichtsrevisionistische Äußerungen in Bezug auf die Gedenkstätten, die Jörg Prophet, AfD-Oberbürgermeister-Kandidat im thüringischen Nordhausen, auf der Homepage seines Ortsverbands äußerte.

Geschichtsrevisionismus – Angriff auf die Erinnerungskultur

Auch in der Geschichtswissenschaft wird Geschichte immer wieder umgeschrieben, sagt Jakob Schergaut. Das ist der Fall, wenn sich Quellenlagen verändern und dadurch ein anderes Bild historischer Sachlagen entsteht. Dann würden Historiker*innen auch das bisher angenommene Bild der Geschichte revidieren. Bei Geschichtsrevisionismus verhalte sich das aber anders: Hier soll aufgrund einer Ideologie die Geschichte umgedeutet werden. Dabei werde nicht wissenschaftlich gearbeitet, weil Quellen nicht nach wissenschaftlichen Standards geprüft würden.

Stattdessen würden willkürlich Quellen herangezogen, um die eigene Erzählung zu stützen – mitunter auch ganz frei erfunden. Dabei geht es in den meisten Fällen darum, den Nationalsozialismus und dessen Ideologie als eine denkbare Alternative zur aktuellen Demokratie darzustellen. „Dahinter steckt ganz klar das Interesse, den historischen Nationalsozialismus zu enttabuisieren und zu entkriminalisieren. Deswegen ist es auch wichtig, dass wir die Pseudo-Geschichtswissenschaft entlarven“, so Schergaut. Denn insbesondere über TikTok und andere Soziale Medien verbreiten sich die Inhalte weiter und gelangen so – auch dank der AfD – in die Mitte der Gesellschaft.

Über die Jahre habe sich die Strategie der Geschichtsrevisionisten geändert, sagt Jakob Schergaut. Holocaustleugnung etwa werde auch aufgrund der Strafbarkeit nicht mehr so häufig betrieben. Stattdessen würden Geschichtsrevisionisten direkt angreifen, wie die Gesellschaft über die NS-Vergangenheit denkt und an die Opfer der Nationalsozialisten erinnert. „Geschichtsrevisionismus ist ein Angriff auf unsere Erinnerungskultur“, sagt Jakob Schergaut.

Geschichte umdeuten: Strategie der AfD

Bei seiner Arbeit stößt der Sozialwissenschaftler immer wieder auf Tweets, Reden und Äußerungen der AfD. Beispielsweise vom thüringischen AfD-Chef Björn Höcke, der unter anderem die Mobilmachung in der Ukraine mit dem Volkssturm der Nationalsozialisten vergleicht. Laut Schergaut ist das nicht verwunderlich: „Die AfD hat sich mittlerweile zum parlamentarischen Arm des Geschichtsrevisionismus entwickelt.“ Ein Blick auf die „Geschichte statt Mythen“-Webseite zeigt das gut: Immer wieder fallen AfD-Politiker*innen unter anderem damit auf, dass sie völkische Vordenker des Nationalsozialismus für ihre eigene Politik nutzen.

Oder indem sie sogenanntes „Heldengedenken“ verteidigen, bei dem Neonazis gefallenen Wehrmachtsoldaten gedenken. Je mehr die Partei ihr bürgerliches Image ablegt, desto mehr bediene sie sich an Geschichtsrevisionismus. „Der zwar formal aufgelöste völkische Flügel der Partei hat sich im Zuge der Selbstradikalisierung durchgesetzt. Er ist der Nukleus der AfD“, sagt Jakob Schergaut. Für ihn ist klar: Der Geschichtsrevisionismus hat sich als Strategie der AfD verfestigt.

Im Osten versucht die Partei die nostalgischen Gefühle gegenüber der DDR zu bespielen. Das macht beispielsweise Björn Höcke, der an positive Dinge wie Kinderbetreuung und günstige Mieten erinnert. Den sozialistischen Staat deutet er aber als ein völkisches Konstrukt um, dass in seiner Wahrnehmung von einem „deutschen Volk“ bewohnt wurde. Den Überwachungsapparat der DDR lässt Höcke dabei nicht unerwähnt. Aber alle negativen Aspekte werden in Geschichtsumkehr auf die Jetzt-Zeit gelegt. „So wird der Verfassungsschutz zur Stasi 2.0, die deutsche Parteienlandschaft zur Blockpartei und die freie Presselandschaft zur gelenkten Presse“, sagt Jakob Schergaut. Geschichte, wie sie der eigenen Erzählung passt.

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