Klimawandel in Nahost kaum medial beachtet

Journalistin Lee Yaron ist eine der Gründerinnen des Projekts "Musag Yarok". Foto: The Green Idea

Wenn im Sommer die Temperaturen in die Höhe schießen, dann sind auch die deutschen Medien voll von Meldungen über Waldbrände, Belastungen durch die Hitze oder über Wege, wie es sich unter diesen extremen Bedingungen im Alltag leben lässt. Es wäre plausibel anzunehmen, dass über den Klimawandel besonders intensiv auch in jenen Regionen der Welt berichtet wird, die sich am stärksten erwärmen. So wie im Nahen Osten, der ein Hotspot des Klimawandels ist. Dort wurden im August dieses Jahres an zahlreichen Orten Rekordtemperaturen von etwa 50 Grad gemessen.

Auch in Israel war das in den letzten Jahren regelmäßig der Fall. „In unseren Medien war der Klimawandel lange Zeit aber kaum Thema“, sagt die Journalistin Lee Yaron. Für sie ist sein geringer Stellenwert in israelischen Medien auch Ausdruck einer weitverbreiteten Haltung in der Bevölkerung: „Aufgrund der schon immer angespannten Sicherheitslage gehen viele Menschen davon aus, es gebe Wichtigeres, als sich mit der Bedrohung durch den Klimawandel zu beschäftigen. Viele leben im Hier-und-Jetzt und interessieren sich kaum für die Entwicklungen der kommenden Jahrzehnte.“

Kostenlose Schulungen

Lee Yaron arbeitet seit vielen Jahren wie für linksliberale Zeitung Haaretz. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen Armut, Migration und andere Themen in Verbindung mit sozialer Gerechtigkeit. „Der Klimawandel trifft die schwächsten am stärksten und führt alle unsere socialjustice-Kämpfe zusammen,“ sagt die 31-jährige. Um israelische Journalist*innen stärker für den Klimawandel zu sensibilisieren und das Thema in der Berichterstattung vor Ort zu verankern, hat Yaron 2021 eine kostenlose Journalistenschulung ins Leben gerufen. „Musag Yarok“ (dt. Die grüne Idee) ist das erste Programm dieser Art im gesamten Nahen Osten.

Zusammen mit Kolleg*innen verschiedener Medienhäuser startete Yaron zunächst  eine landesweite Mobilisierungskampagne, für die sie prominente Kollegen*innen wie die Ikone des Investigativjournalismus Ilana Dayan gewinnen konnte. „Musag Yarok“ reicht weit über das linksliberale Milieu von Haaretz hinaus.  In Zusammenarbeit mit der Universität Tel Aviv und der israelischen Journalistenunion ließen sich insgesamt 400 der 2000 in Israel arbeitenden Journalist*innen dafür begeistern, nach Feierabend an den Kursen von „Musag Yarok“ teilzunehmen.

Von 2021 bis 2023 organisierten Yaron und ihre Mitstreiter*innen ehrenamtlich über 30 Zoom-Sessions, in denen Wissenschaftler*innen mit Journalist*innen zu ausgewählten Themen sprachen. „Besonders gefallen hat mir die Sitzung zur Psychologie der Klimawandel-Leugnung“, sagt Michal Kadosh, die damals für die Zeitung Maariv schrieb und heute für den Radiosender 103.FM arbeitet. Als junge Journalistin hat sie es als empowernd wahrgenommen, auf Kolleg*innen zu treffen, die den Kampf gegen den Klimawandel ebenfalls als Teil ihres journalistischen Selbstverständnisses begreifen.

Klimajournalismus mit Storytelling

Netta Ahituv, die Hintergrundgeschichten und Portraits in Haaretz veröffentlicht, hat sich für „Musag Yarok“ zusammen mit einem Professor der Tel Aviv University mit der Geopolitik und dem Image von Erdöl beschäftigt. Wichtig war es für Ahituv, den Teilnehmenden auch von ihren Erfahrungen im Storytelling zu erzählen. „Wir können nichts erreichen, wenn wir den Leser*innen bei umweltpolitischen Themen bloß schlechte, dramatische Botschaften vermitteln, die sie meist überfordern und dafür sorgen, dass sie sich hilflos fühlen“, sagt Ahituv.

So erzählte sie zum Beispiel vom Beobachten von Vögeln, was sich in Israel großer Beliebtheit erfreut: „Viele Vögel leben zwischen Israel, Jordanien und Ägypten – zeigt das nicht auch, dass gute Lebensbedingungen von ganz vielen Faktoren in der gesamten Region abhängen“, fragt Ahituv rhetorisch. Die regionale Seite des Klimawandels betonten bei „Musag Yarok“ gerade auch die eingeladenen Speaker von Think Tanks, NGOs sowie des israelischen Militärs, das als eine der ersten staatlichen Organisationen vor Jahren schon den Klimawandel als nationale Sicherheitsbedrohung eingestuft hatte.

Hoffnung auf Weiterbildungs-Projekt

In einer zweiten Phase richtete sich das Programm an Künstler*innen, Musiker*innen und andere einflussreiche Personen des öffentlichen Lebens. In Zusammenarbeit mit der israelischen Journalstenunion versuchte Yaron im Anschluss, „Musag Yarok“ als ein dauerhaftes Weiterbildungs-Projekt mit einem festen, bezahlten Team zu etablieren. Doch dann kamen der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023, der andauernde Gaza-Krieg und die militärischen Auseinandersetzungen mit dem Iran und der Hisbollah im Libanon.

„Seit dem 7.Oktober und allem, was danach geschah, ist der Klimawandel in den israelischen Medien überhaupt kein Thema mehr. Das Land befindet sich im Ausnahmenzustand, und alle sind müde, voller Trauer und Wut“, sagt Yaron. „Doch die Umwelt wartet nicht darauf, dass wir unsere Kriege beenden“, ergänzt Ahituv. Beide Journalistinnen sehen es auch inmitten des Gaza-Krieges als Teil ihrer Pflicht, über den Klimawandel in Israel und der Region zu berichten. Beide hoffen darauf, „Musag Yarok“ so bald wie möglich weiterführen zu können.

 

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