Recherche wird zur Superkraft

Jahreskonferenz zum 25. Jubiläum: Anwesende Gründer*innen und aktuelles Team von Netzwerk Recherche Foto: Nick Jaussi

Recherche-Koryphäen wie Thomas Leif und Hans Leyendecker machten das Netzwerk Recherche groß. Kollegialer Austausch und Kooperation ermöglichen den mittlerweile rund 1300 Mitgliedern auch bei starken Windböen von rechts, weiterhin harte Fakten für die gemeinsame Wirklichkeitsdeutung zu recherchieren, die lebenswichtig für eine Demokratie sind. Diese selbstbewusste Haltung prägte die Jahrestagung „Superkraft Recherche“ zum 25. Geburtstag der Journalist*innenvereinigung.

Beim gastgebenden NDR in Hamburg diskutierten über 800 Teilnehmende in gut 100 Panels und den Pausen engagiert über Recherchen, Herausforderungen und die Zukunft des Journalismus. „Wenn Autoritäre an die Macht kommen, sind nur wenige laut“, warnte NR-Vorsitzender Daniel Drepper nach einem Jahr USA in seiner Begrüßungsrede. Journalist*innen gehörten zu den ersten Zielscheiben und müssten den Angriffen standhalten. In Bezug auf Deutschland zeigte er sich optimistisch. Noch sei die AfD nicht an der Macht, noch gebe es Recherchen und viele Menschen, die sich für Pressefreiheit einsetzten. NDR-Intendant Hendrik Lünenborg betonte, journalistische Arbeit sei „ein Stabilitätsfaktor für dieses Land“.

Neben handwerklichen und fachjournalistischen Workshops gab es zahlreiche Panels zu aktuellen Themen: Ideen und Ansätze, wie wir verlorenes Vertrauen in den Journalismus wieder aufbauen können, investigative Recherchen in einer Autokratie am Beispiel Ungarn, Berichten unter Trump, wie sich Pressefreiheit gegen organisierte Einschüchterung verteidigen lässt – etwa bei Recherchen zur extremen Rechten, wie Presseanwälte durch Beeinflussung der Öffentlichkeit investigativen Journalismus ausbremsen wollen oder wie die Big-Tech-Lobby Politik und Öffentlichkeit bearbeitet, um Regulierungen zu verhindern.

Kooperativer Austausch statt Ellenbogen

Zum NR-Jubiläumsprogramm gehörte auch ein Rück- und Ausblick, den Anja Reschke moderierte, die von 2003 bis 2007 Vorstandsmitglied war. Anhand von Zitaten einiger Gründungsmitglieder wie „Gut, dass Frauen dabei sind!“ weckte sie Erinnerungen an 2001. „Damals war investigative Recherche sehr männlich und individualistisch geprägt, es gab wenig Diversität“, so Autorin Dagmar Hovestädt, eine der wenigen Frauen unter den 40 Gründungsmitgliedern. Zu ihnen gehörte auch Ulrike Maercks-Franzen, erste M-Redakteurin und zwischen 2000 und 2011 dju-Bundesgeschäftsführerin.

„Damals dominierte das Gegeneinander“, so Journalist Georg Mascolo, der 2001 beim Spiegel arbeitete und sagte, dort „kooperierte man nur notgedrungen mit anderen Ressorts“. Er freute sich über Veränderungen hin zu kollegialem Austausch und „Ergebnis vor Ellenbogen“: „Ich lerne mindestens so viel wie ich erzählen kann. Diese Lebendigkeit lässt mich heute stolz werden!“ Auch Gründungsvater Hans Leyendecker bekannte, dass „man im Team mehr recherchieren kann“.

Gerade für jüngere Kolleg*innen seien das Lernen in handwerklichen Workshops und die Teamarbeit sehr wichtig, so Bastian Obermayer von paper trail media. Er erinnerte sich an die erste Kooperation zwischen Süddeutscher Zeitung und NDR, der anfangs mit viel Skepsis begegnet wurde. Julia Stein vom NDR, die zwischen 2015 und 2021 NR-Vorsitzende war, schwärmte von der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit den Kolleg*innen im International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) bei Steuerleaks-Rechercheprojekten. 2019 veranstaltete NR zusammen mit ICIJ und Interlink Academy die Global Investigative Journalism Conference und holte Journalist*innen aus 131 Ländern nach Hamburg.

Anfangs versuchte man mit Promis Aufmerksamkeit für die Konferenz zu schaffen. Aber „mittelalterliche Schaukämpfe wie Melanie Amman gegen Alexander Gauland will heute keiner mehr sehen“, so Stein. Hans Leyendecker sagte, in der öffentlichen Wahrnehmung habe sich etwas verschoben und ein Gauland als Gast sei heute nicht mehr vorstellbar: „Auch im Journalismus ist eine Brandmauer notwendig. Wir dürfen keine Faschisten und Journalistenhasser einladen!“ Dagmar Hovestädt stimmte ihm zu. Es sei nicht mehr alles verhandelbar und mittlerweile sei der „Austausch im Safe Space“ besonders für junge Konferenzteilnehmende wichtig.

Transparenz und journalistische Kontrolle

Eine Krise erlebte das Netzwerk 2011. Als der ehrenamtliche Vorstand sich für die Veröffentlichung der Zahlen im Internet und die Gründung einer Stiftung mit der wirtschaftlichen Lage des Vereins befasste, entdeckte er eine nicht regelkonforme Buchführung. Der Erste Vorsitzende Thomas Leif trat zurück und NR der Initiative Transparente Zivilgesellschaft bei. Alle Finanzberichte sind jetzt im Internet einsehbar. Die Ereignisse seien „schrecklich, aber auch notwendig“ gewesen für die Entwicklung des Vereins hin zu mehr Austausch, so Hovestädt.

Georg Mascolo betonte, die Kontrollfunktion sei Kern des Journalismus und ermögliche, Transparenz für alle herzustellen. Er befürchte, das breche heute weg. Deshalb engagiere sich NR jetzt nach der internationalen Vernetzung auch im Lokalen. „Die Wirklichkeitswahrnehmung driftet im digitalen Zeitalter auseinander“, konstatierte Dagmar Hovestädt. Die Menschen suchten Bestätigung, nicht schmerzhafte Erkenntnisse und es werde schwieriger, eine gemeinsame Realitätsbasis zu finden. Um Menschen zu erreichen, solle man nicht nur Probleme aufzeigen, sondern auch „erklären, wie man es besser machen kann“, so Bastian Obermayer.

Julia Stein ergänzte, es werde auch dankbar angenommen, wenn „wir erklären, was wir eigentlich machen“. Man müsse Bindungen ans Publikum, eine eigene Community aufbauen. Große Unsicherheit berge die Nutzung von KI und die Finanzierung von Journalismus. Mit Blick auf die Mittelkürzungen für zivilgesellschaftliche Initiativen und Projekte hielt Leyendecker eine Journalismusabgabe „nicht für vermittelbar, wenn ehrbare NGOs kaputt gemacht werden“.

„Wie kann man sich Recherchejournalismus heute noch leisten“, wurde aus dem Publikum gefragt. Stein verwies auf Stipendien, etwa von NR. Mascolo ermunterte, Recherche sei ein krisenfester Job, denn sie könne nicht durch KI ersetzt werden, die immer nur zusammentrage, was man schon wisse. Hovestädt betonte, dass mittlerweile weltweit auf Daten und Informationen zugegriffen werden kann. Anja Reschke resümierte, dass der Journalismus heute viel diverser sei und mehr Menschen erreiche, aber auch Angriffe gegen Medienschaffende zunehmen. Da sei die Gemeinde wichtig, „in der man sich gegenseitig versichert“. Einig waren sich alle, dass die NR-Konferenzen jungen Journalist*innen mit ihren Austausch- und Lernangeboten Hoffnung und Zuversicht geben sollten.


 

Verschlossene Auster 2026 für Kai Wegner

Bereits ein Jahr nach seiner Gründung verlieh das Netzwerk Recherche einen Negativpreis für den „Informationsblockierer des Jahres“ – die „Verschlossene Auster“. Er ging in diesem Jahr an Berlins Bürgermeister Kai Wegner. Im Senat hatte seine CDU/SPD-Regierungskoalition nach einem Anschlag auf die Stromversorgung im Januar 2026 eine Einschränkung des Berliner Informationsfreiheitsgesetzes (IFG) durchgesetzt – angeblich aus Sicherheitsgründen. „Wir müssen Schluss machen mit zu viel Transparenz“, sagte Wegner. Seine Laudatorin Tania Röttger von abgeordnetenwatch kritisierte: „Sie haben etwas, das 26,5 Jahre gehalten hat, einfach und schnell ausgehöhlt und dabei haben Sie scheinheilige Gründe vorgeschoben.“

Leuchtturm-Preis für Spiegel-Recherche

2003 wurde erstmals ein Positivpreis für „besondere publizistische Leistungen“ verliehen – der „Leuchtturm“. Diese Auszeichnung erhielt in diesem Jahr das Rechercheteam aus Lukas Eberle, Roman Höfner, Max Hoppenstedt Heinrichs, Juliane Löffler, Marvin Milatz und José Bautista für eine Spiegel-Titelgeschichte zu digitaler sexualisierter Gewalt. Am Fall von Collien Fernandes zeigen sie, welchen Belastungen Betroffene ausgesetzt sind und wie schwer sie sich dagegen wehren können. Laudatorin Anja Reschke würdigte, dass diese Geschichte die Kraft hatte, „die vielen einzelnen Bubbles zu durchdringen und eine Erschütterung in der Gesellschaft zu erreichen“. NR-Vorsitzender Daniel Drepper sagte: „Diese Art von Recherchen sind das, was wir als Gesellschaft brauchen, um darüber zu diskutieren, wie wir miteinander leben wollen.“

 

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