24 Jahre Lebenserfahrung

Ausbildung beim SRF in der Schweiz – die meisten werden übernommen

Beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) heißen sie „Stagiaires“, nicht Volontärinnen und Volontäre. Es ist nicht der einzige französisch-sprachige Begriff, der in der deutsch-schweizerischen Medienwelt benutzt wird. Viele Schweizer in Zürich, Bern oder Basel sprechen vom „Service Public“, wenn sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk meinen. Voraussetzung für eine Bewerbung beim SRF: „24 Jahre Lebenserfahrung“. Zwar nicht nur, aber die Lebenserfahrung stand in der Ausschreibung von 2018 immerhin an der ersten Stelle.

Studie „Worlds of Journalism“ https://tinyurl.com/worlds-of-journalism

Neben internationalem Hintergrund und kultureller Vielfalt, ausgeprägter Sprachkompetenz und technischer Affinität ist fundiertes Fachwissen in einem Fachbereich gewünscht, aber eher nicht aus der Journalistik oder der Kommunikationswissenschaft. Favoriten für die Bewerbung zum Lehrgang 2019/20 sind Naturwissenschaften, Medizin, Mathematik, Informatik, Orientalistik mit Schwerpunkt Arabistik, Sinologie und Regie. Einzige Nennung, die vielleicht auch einen spezialisierten Datenjournalismus-Absolventen anspricht: Data Science. Zwar haben nach der neuesten Studie von „Worlds of Journalism“, die auf Daten von 2012 bis 2016 basiert, rund 70 Prozent der heute arbeitenden Schweizer Journalist*innen einen akademischen Abschluss (Deutschland 77 Prozent), aber der stammt nur zu 38 Prozent aus dem Bereich Journalistik/Kommunikationwissenschaft (Deutschland 37 Prozent). Wenn es nach den Auswahlkriterien des SRF geht, wird sich der Anteil auch nicht markant erhöhen.

Fast die Hälfte sind Frauen

Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG bildet insgesamt 31 Stagiaires aus (Stand Ende 2018), fast die Hälfte sind Frauen. Eine Quote, die sich bei den einzelnen Medienangeboten in den Sprach-regionen mehr oder minder wiederholt. Beim SRF waren es zwölf junge Leute, beim rätoromanischen Service Public drei, beim französischsprachigen Angebot sieben, beim italienischen acht, dazu noch ein junger Mann bei der Technischen Produktions-gesellschaft tpc. Ein gemeinsames Ausbildungsprogramm über die Sprachgrenzen bzw. Sendergrenzen gibt es nicht, wie Barbara Peter, Ausbilderin in Zürich beim SRF erklärt. Gibt es Austausch zwischen den Sendern bei den verschiedenen Stationen, die beim SRF Praktika heißen? „Wenn Stagiaires das möchten, stehen wir einem Austausch positiv gegenüber. Es gibt immer wieder einzelne, die sich für ein Praktikum in einer anderen Sprachregion entscheiden.“

Das Interesse an einer Ausbildung beim deutschsprachigen SRF war und ist immer noch sehr groß, erläutert Peter. Allerdings wurde das Bewerbungsverfahren jüngst geändert: Die Interessierten können sich nicht mehr auf die einzelnen Stage-Plätze in den Redaktionen bewerben – und damit vielleicht mehrfach -, sondern nur einmal zentral. Das lässt den direkten Zahlenvergleich zu früher nicht zu.

Die „No-Billag-Initiative“, die den Beitrag zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk kippen wollte und im März 2018 von fast 72 Prozent der Bürger*innen abgelehnt wurde, habe wohl keinen Einfluss auf das Interesse an einer Bewerbung gehabt. Bei Informationsveranstaltungen für Studierende an den Hochschulen seien vereinzelt Fragen zu diesem Thema gestellt worden, resümiert Peter das jüngste Auswahlverfahren: „Es gab auch einzelne, die betonten, sie fänden es essenziell für die Schweizer Demokratie, dass die SRG bestehen bleibe.“

Ziel: Crossmediales Arbeiten

Die Ausbildung beim SRF dauert zwei Jahre, davon sind 18 Wochen Seminare und Workshops, die restlichen 18 Monate verbringen die jungen Leute in „besonders geeigneten Redaktionen“. Beim Fernsehen sind das Tagesschau, Kultur und Sport, beim Radio das Begleitprogramm oder ein Regionalstudio, bei den-jenigen mit Schwerpunkt Digital die SRF News oder Kultur Online. Aber: „Grundsätzlich gilt die Regel, dass alle crossmedial arbeiten können müssen“, erläutert Peter das Ausbildungsziel des Hauses. „In einer zweiten und dritten Redaktionsrunde lernen sie einen zweiten und dritten Vektor (Audio/Video/Digital) kennen.“ Im zweiten Ausbildungsjahr können sie die Redaktionen nach ihren Interessen aussuchen.

„Die Ausbildung konzentriert sich auf das journalistische Handwerk wobei die Journalistinnen und Journalisten in vielen Bereichen ohne Techniker-Unterstützung arbeiten. Das heißt, Schneiden und Bearbeiten von Video und Audio gehört selbstverständlich zur Ausbildung.“ Eigene Volontärsprojekte wie Blogs oder Podcasts, die auch im Sendehaus in Zürich ausgebaut werden, gibt es beim SRF nicht. „Bisher“, wie Peter hinzufügt.

Und wie sehen die Chancen nach der Ausbildungszeit beim Service Public aus? Anders als in Deutschland offenbar, wo aus den meisten Ex-Volos des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks freie Mitarbeiter*innen werden. Ausbilderin Peter: „SRF funktioniert ja sehr anders als die ARD. Bei uns ist der große Teil der Mitarbeitenden fest angestellt. Bisher wurden jeweils die meisten Stagiaires übernommen und fest angestellt.“

Studie „Worlds of Journalism“: https://tinyurl.com/worlds-of-journalism

 

 

 

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