Generation Praktikum

„Ich mach dann noch mal ein Praktikum.“ Dieser viel zitierte Spruch ist für viele Einsteiger in den Journalismus in den letzten Jahren zu einer Art Lebenseinstellung geworden. Sie suchen praktische Erfahrung und Kontakte und erhalten oftmals unwürdige Arbeitsbedingungen und keinerlei Bezahlung. Als „Generation Praktikum“ verschrien – zwischen Hoffnung und Resignation – fangen sie langsam an, aufzubegehren.

Beim Durchlesen der raren Stellenanzeigen für Journalisten, drängt sich der Eindruck auf, dass die Redaktionen nur noch 20jährige mit einer zwölfjährigen Berufserfahrung suchen, die den Redaktionsalltag perfekt kennen und zudem finanziell genügsam sind. Um diesen Vorstellungen halbwegs zu entsprechen, werden Lebensläufe zunehmend mit Praktika zugepflastert. Dabei beginnt der journalistische Nachwuchs mit seinen Praktika immer häufiger sehr frühzeitig. Neben dem üblichen Schülerpraktikum werden zunehmend Schulferien und später die Semesterferien genutzt, um noch vor dem Studium möglichst viele verschiedene Medien kennen zu lernen. Die Hannoveranerin Claudia Kurkin hat schon als 15jährige ihr erstes Praktikum bei der Pressestelle von Bündnis 90 / Die Grünen absolviert. Danach folgten Praktika bei der Pressestelle des niedersächsischen Radiosenders FFN, der Bild-Zeitungsredaktion in Hannover, der Presseagentur van Geigk, der niedersächsischen Lottostiftung und wiederum FFN. Als heute 19jährige empfand sie besonders das Praktikum bei der Bild-Zeitung als interessant und prägend: „Nach drei Tagen konnte ich dort schon eine Redaktionskonferenz leiten und habe sogar die alltägliche Telefonkonferenz mit Kai Dieckmann mitbekommen. Dadurch hatte ich einen super Einblick in die Arbeit, die schon sehr hierarchisch aufgebaut ist“, so Claudia Kurkin.

Die Praktikaflut hält neben dem Studium an – unbezahlt, langfristig und natürlich mit flexiblen Arbeitszeiten. „Wenn wir Bewerbungen erhalten, die schon 20 bis 30 Praktika absolviert haben, verdrehen wir oftmals nur noch die Augen“, so Renate Gensch, Betriebsratsvorsitzende des Berliner Verlages. „Auch in unserem Verlag grassiert das Praktikantenunwesen. Seit 2001 sind etwa 850 Praktikanten durchgelaufen. Damit arbeiten rechnerisch jeden Monat etwa 14 – 15 Praktikanten gleichzeitig bei uns – gerne auch am Wochenende“, so Gensch weiter. Der Hauptteil der Praktikanten schaffe im redaktionellen Teil des Berliner Kuriers und der Berliner Zeitung und werde nicht entlohnt. Nur wenige werden im restlichen Verlag eingesetzt, manche auch im Rahmen von Pflichtpraktika während des Studiums.

Betreuung aber kein Honorar

Negative Rahmenbedingungen für Praktikanten gibt es leider wie Sand am Meer. Auch die ehrwürdige Deutsche Presse-Agentur (dpa) entlohnt ihre Praktikanten nicht mehr. Dafür beschäftigt sie junge Talente zwischen zwei und vier Wochen und integriert sie vorbildlich in den alltäglichen Betrieb, indem sich ein Betreuer intensiv um einen Praktikanten kümmert und vor allem die Texte intensiv redigiert. Die Palette reicht aber auch bis hin zu Extremfällen wie dem Saar-TV. Dieser Fernsehsender gestaltet sein Programm hauptsächlich von freien Journalisten, Volontären und Praktikanten. Dazu gewinnt es erfahrungswillige Nachwuchsjournalisten mit dem Angebot zu einem Jahrespraktikum – ohne Honorar.

Auch der Sparkurs bei den Öffentlich-Rechtlichen ist nicht spurlos an Praktikanten vorbeigegangen. Im Gegensatz zu den ARD-Anstalten, die zwischen 400 bis 600 Euro im Monat zahlen, bekommen Praktikanten beim ZDF seit 2001 kein Honorar mehr. „Im Rahmen der Sparpläne mussten wir uns entscheiden, ob wir weniger Praktikanten die Chance geben, bei uns reinzuschnuppern oder ihnen kein Honorar mehr zahlen. Wir haben uns für den zweiten Weg entschieden, auch wenn wir wissen, dass wir damit eine soziale Auslese betreiben und damit langfristig die Zusammensetzung unserer Redaktionen verändern“, so Uli Röhm von ver.di im ZDF. Praktika gelten beim ZDF aber als eine gute Einstiegsmöglichkeit, weil Praktikanten nach ihrem zweiten Aufenthalt in der Redaktion, oftmals die freie Mitarbeit angeboten wird. „Ein Praktikum ist für beide Seiten äußerst sinnvoll, da man sich danach kennt und einander vertrauen kann“, so Röhm. Das kann Daniel Bouhs, Vorstandsmitglied beim Netzwerk JungeJournalisten.de, als ehemaliger Praktikant beim ZDF nur unterstreichen: „Bei der Redaktion von „Leute heute“ erhalten Praktikanten nicht nur eine klare Struktur für ein Praktikum, sondern auch die Möglichkeit für einen eigenen Beitrag.“

Zu Lasten von Volontariaten

Neben den geringen finanziellen Vergütungen hadern Praktikant und Redaktion oftmals auch mit der Länge des Praktikums. „Der Großteil der Praktikanten ist bei uns zwischen vier bis sechs Wochen, wobei es auch Extremfälle gibt, die drei bis sechs Monate bleiben. Natürlich reduzieren so viele Praktikanten auch weitere Festanstellungen und Volontariate“, so Renate Gensch für die Berliner Zeitung.

Nach Einschätzung von Christian Beilborn, vom Bundesvorstand der Jugendpresse Deutschland, wirkt sich die Vielzahl der Praktikanten auch auf das Angebot an Volontärsplätzen aus. „Leider ersetzen Langzeitpraktikanten zunehmend wertvolle Volontariatsplätze und damit eine vollwertige Ausbildung. Das sieht man der Qualität mancher Zeitungen auch zunehmend an“, so Beilborn. Einer Erhebung des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) zufolge gab es im Jahr 2000 noch 1.378 Ausbildungsplätze für ein Volontariat bei Tageszeitungen. Im Jahr 2004 waren es gerade noch 1.072 Volontäre. „Ein Praktikant lernt natürlich während seines Praktikums und erhält dadurch einen Kenntniszuwachs und bei guten Adressen, etwa Zeitungen, auch einen Imagegewinn. Wie lange ein unbezahltes Praktikum dabei sinnvoll ist, muss jeder selber mit sich ausmachen – auf keinen Fall zu lange“, so Anja Pasquay vom BDZV. Die Geschäftsstelle des Verlegerverbandes geht mit gutem Beispiel voran und bezahlt ihren Praktikanten eine geringe Aufwandsentschädigung.

Und die „Generation Praktikum“, wie Die Zeit sie genannt hat, fängt an, ihre Interessen selber zu organisieren und Erfahrungen weiterzugeben. „Man kann das nicht immer nur schwarz malen und Praktika als Ausbeutung ansehen. Meiner Meinung nach helfen sie, wenn sie sinnvoll eingesetzt sind und wenn sie während der Schul- oder Unizeit absolviert werden. Da habe ich schon viele Sucess-Stories kennen gelernt, die dann auch in den Beruf führten“, so Stefan Rippler, Projektleiter von planetpraktika.de. Die Idee zu diesem online-Portal realisierte er nach seinem ersten eigenen Praktikum. Seit 2003 ist dazu auch die Printversion erhältlich – der gedruckte „Praktikaknigge“ im Eigenverlag. Für viele Praktikanten und Redaktionen war dieser Knigge eine echte Bereicherung, da er neben rechtlichen und praktischen Tipps, Erfahrungsberichten und Hinweisen zu Bewerbungen auch Firmen vorstellte, die Praktika anbieten. So ist es nicht verwunderlich, dass im September dieses Jahres die zweite Ausgabe des Praktikaknigge in einer 10.000er Auflage erschien. Diese Ausgabe beschäftigt sich nochmals intensiver mit Networking und den Chancen auf dem Arbeitsmarkt. „Uns geht es bei dieser Ausgabe darum, auf die Chancen eines Praktikums hinzuweisen und Tipps zu geben, dass Praktikanten die Zeit umfassend nutzen und möglichst im Betrieb bleiben.“, so Rippler weiter. In der Zwischenzeit hat auch planetpraktika.de weitere Tools dazu bekommen, wie ein eLearning-Portal „prakticum laude“ mit dem man sich auf ein Praktikum durch online-Aufgaben vorbereiten kann.

Datenbank für Erfahrungen

Auch der neu gegründete Verein „fairwork“ in Berlin kümmert sich um die Interessen von Praktikanten. Die Aktivisten des Vereins wollen „das Ausnutzen von Praktikanten so schwierig wie möglich machen“ und fordern Urlaubsanspruch sowie einen Lohn von mindestens 750 Euro im Monat. Derzeit bauen sie eine Datenbank auf, in der Erfahrungen mit Praktika gesammelt und veröffentlicht werden. Und sie machen auch Ernst! Bettina Richter, ein Vorstandsmitglied des Vereins, hat gerade ihren ehemaligen Arbeitgeber auf Lohnnachzahlung verklagt. In ihrer Klageschrift heißt es dazu: „Es lag ein Arbeitsverhältnis und kein Praktikum vor, da nicht der Erwerb praktischer Kenntnise und Erfahrungen, sondern die Erbringung von Arbeitsleitung im Vordergrund stand.“

Auch die Journalistengewerkschaften beschäftigen sich zunehmend mit dem Phänomen der Vielzahl von Praktika. Für sie ist diese Diskussion wichtig, damit in den Redaktionen auch untereinander ein guter Umgang herrscht. „Für junge Leute, die in den Journalismus wollen, ist ein Praktikum auf jeden Fall ein super Einstieg. Beide Seiten lernen sich kennen und der Praktikant bekommt einen Einblick in die journalistische Praxis. Doch damit junge Talente nicht ausgenutzt werden und nicht in Konkurrenz zu festangestellten Kollegen treten, sehen wir die Bezahlung eines Praktikanten als absolut notwendig an. Kurzfristige Praktikanten müssen auf jeden Fall für ihre Beiträge honoriert werden. Praktikanten, die über vier Wochen arbeiten, müssen zudem ein Basishonorar bekommen, das die Lebenshaltungskosten des Praktikanten abdeckt. Zudem braucht ein Praktikant einen Betreuer, der ihm seine Arbeit erläutert und ihn intensiv begleitet“, so Renée Möhler vom Bundesvorstand der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union in ver.di.

Praktika im Ausland

Neben diesen Entwicklungen bieten sich im Zeitalter der Globalisierung zunehmend Auslandspraktika an, die zum Beispiel die Internationale Medienhilfe anbietet. Sie vermittelt bezahlte Praktikanten an deutschsprachige Zeitungen, wie dem Pester Lloyd in Budapest oder die Baltische Rundschau in Vilnius. Wie die Arbeit von Praktikanten ausreichend finanziell gewürdigt wird, zeigt auch ein Blick in die USA. So zahlt die New York Times ihren Praktikanten 700 US-Dollar, die Washington Post sogar 825 Dollar – pro Woche, wie Mitglieder des Netzwerks JungeJournalisten.de berichten. Auch in Deutschland gehen die Stiftung Warentest, die Verbraucherzentrale Bundesverband, der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) und die Berliner Journalisten-Schule neue Wege. Mit dem Trainee-Programm „praxis4“ werden acht Nachwuchsjournalisten für Wirtschaftsjournalismus fit gemacht. Das Programm dauert zwölf Monate. In dieser Zeit durchlaufen die Teilnehmer mit den Zeitschriften „test“, FINANZtest oder dem Tagesspiegel, den Hörfunk- und Fernsehredaktionen des RBB und der Pressestelle der Stiftung Warentest vier Praktikastellen. Dort werden sie jeweils drei Monate von Redakteuren betreut und erhalten zudem Weiterbildungen. Das Traineeprogramm wird abgerundet durch ein Stipendium von 600 Euro im Monat.

Andere Wege zum Journalismus

Trotz diesen positiven Ausblicken ist es wichtig, dass sich angehende Praktikanten klar werden, was sie mit ihrem Praktikum bewirken wollen und wie sie es am besten nutzen. Wenn sie diese Position nicht deutlich artikulieren, tun das schon die Redaktionen für sie, die bei der anhaltenden Medienkrise auf kostengünstige Arbeitskräfte angewiesen sind. Wichtig ist dabei ein gutes Verhältnis zwischen Praktikanten und den festen Redakteuren, dann kann ein Praktikum nicht nur neue Ideen und Denkweisen in die Redaktion bringen, sondern auch einen Kenntnis- und Imagegewinn für den Praktikanten. Und Praktika sind auch nicht der einzige Weg in den Journalismus. Für Claudia Kurkin hat sich bei ihrer Berufswahl vielmehr die freie Mitarbeit bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung bezahlt gemacht: „Jetzt möchte ich Medienmanagement studieren, weil ich Journalismus unheimlich spannend finde. Aber die kontinuierliche Mitarbeit in der Jugendredaktion hat mir mehr Einblick gebracht als meine Praktika, weil ich mich direkt bewähren konnte und meine Sachen auch selber umgesetzt habe. Wenn ich mein Studium bekommen habe, dann mache ich vielleicht ein weiteres Praktikum – am liebsten demnächst bei der Landesmedienanstalt, damit ich mal einen Überblick über die Medienlandschaft in Niedersachsen bekomme.“

Recherchemöglichkeiten zum Praktikum

www.planetpraktika.de Ratgeber und Tipps von erfahrenen Praktikanten und Profis für journalistische Praktika mit dem eLearning-Portal „prakticum laude“

www.students-at-work.de/praktikum Leitfaden vom DGB für Praktikanten und solche, die es werden wollen

www.dju-campus.de Kontakt zum dju-Hochschulprojekt und möglichen Mentoren für Praktika

www.praxis4.de neu gestartetes Traineeprogramm für Nachwuchsjournalisten

www.jugendpresse.de Deutschlandweite Plattform für junge Medienmacher mit Weiterbildungsveranstaltungen, juristischen und praktischen Tipps für den Einstieg in den Journalismus

www.jungejournalisten.de Netzwerk von 200 deutschsprachigen jungen Journalisten, die sich intensiv untereinander austauschen

www.medienhilfe.org Infos der Internationalen Medienhilfe, die Auslandspraktika und Stipendien für Auslandsaufenthalte vermittelt

nach oben

weiterlesen

Startups: Trendsetter im Journalismus

Durch Klimakrise und Coronapandemie steigt bei Mediennutzer*innen die Nachfrage nach einem Journalismus, den Non-Profit-Startups bieten: Konstruktive Informationen, dialogisch und einordnend aufbereitet, an den Interessen eines vielfältigen Publikums orientiert. Doch noch fehlt vielen Medienneugründungen eine nachhaltige Finanzierung. Einblicke in einen Journalismus, wie er sein könnte – wenn medienpolitische Rahmenbedingungen sich ändern.
mehr »

Brutaler Angriff auf Gewerkschafter

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) ist entsetzt über den brutalen Angriff auf einen Gewerkschafter am Rande einer nicht genehmigten "Querdenken"-Demonstration am 1. August 2021 in Berlin-Kreuzberg. "Diese brutale Gewalttat zeigt überdeutlich, dass es bei den sogenannten 'Querdenker'-Demos nicht um Kritik und Meinungsfreiheit geht, sondern um eine Ansammlung von Feinden der Demokratie", sagte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Christoph Schmitz am Montag in Berlin.
mehr »

Es geht um Wahrheit, Transparenz, Integrität

Die Journalism Trust Initiative (JTI) ist eine Plattform, die vertrauenswürdige Nachrichtenquellen identifizieren und stärken will. Unter der Regie von Reporter ohne Grenzen (RSF) soll ein Beitrag gegen Hass, Propaganda und Fake News geleistet werden. Ende Mai wurde die Webseite freigeschaltet. Am 29. Juli diskutierten Projektteilnehmer verschiedener internationaler Medien zum Thema „Glaubwürdiger Journalismus als Gegengift gegen Desinformation“ über Funktionsweise und Aufgaben der Plattform.
mehr »

Kunst darf an die Grenzen gehen

In einer am 26. Juli 2021 veröffentlichten Stellungnahme für das Bundesverfassungsgericht hat die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft einen als "Schmähgedicht" überschriebenen Vortrag von Jan Böhmermann 2016 im ZDF als "von der Kunstfreiheit gedeckt" bezeichnet. "Eine demokratische Gesellschaft muss aushalten können, dass Künstlerinnen oder Künstler in künstlerischer Form an Grenzen gehen, bis es schmerzt", erklärte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Christoph Schmitz.
mehr »