Blogger-Werkzeuge für Journalisten

Blogger produzieren ständig und unmittelbar neue Inhalte. Sie suchen ihre Quellen im Netz und verweisen auf sie. Außerdem betreiben sie über verschiedene Tools ein gezieltes News-Monitoring.

Im Netz kann die Produktion fließend stattfinden, da es keinen klassischen Redaktionsschluss mehr gibt. Dies ermöglicht auch das Einbinden zusätzlicher Informationsquellen quasi auf Zuruf. Nachrichten können ortsunabhängig nahezu in Echtzeit übermittelt werden.
Microblogging-Dienste etwa wie Twitter und Jaiku spielen in der Blogosphäre bereits eine wichtige Rolle. Vor allem im angelsächsischen Raum werden Veranstaltungen nicht mehr gebloggt, sondern getwittert. So kann etwa während einer laufenden Podiumsdiskussion der Twitterstrom auf eine Leinwand projiziert werden und Anregungen für die Diskussionsmoderation geben.
Was passieren kann, wenn man von diesem Nachrichtenstrom abgeschnitten ist, zeigte kürzlich ein Interview, das die US-Journalistin Sarah Lacy auf einer Informatiker-Tagung mit Facebook-Gründer Mark Zuckerberg führte. Die von ihr aufgeworfenen Fragen interessierten das Publikum eher wenig, das parallel über Twitter und Blogs seinen Unmut äußerte. Schließlich zwangen Zwischenrufe die Journalistin dazu, Publikumsfragen zuzulassen, die Zuckerberg im weiteren Verlauf selbst moderierte.
Microblogging ist eine Art End- und Empfangsgeräte-unabhängige SMS mit Gruppenfunktion. Der jüngste Versuch, Microblogging mit dem Handy zu verheiraten ist Jaiku. Nutzer können vom Handy aus ihr Profil aktualisieren und über die Kontaktliste des Handys festlegen, wer in den Nachrichtenstrom eingebunden werden soll.
Weil Microblogging auf einfachem Texting beruht, ermöglicht es auf einfache Weise die laufende Berichterstattung über aktuelle Ereignisse. Außerdem bietet es von sich aus Push-News auf mobile Endgeräte. Zu den Stärken von Microblogging-Diensten zählen das einfache und schnelle Erstellen von kurzen Nachrichten sowie der Einbau reziproker und transparenter Gruppenfunktionen via „Followers“ und „Following“, das effektive Gruppenkommunikation ermöglicht. Außerdem findet der Informationsfluss via RSS plattformübergreifend statt, kann also nicht nur vom Rechner, sondern auch von anderen Endgeräten wie Handys abgerufen werden.
Bewährt hat sich Microblogging in den USA bereits bei der Berichterstattung über Naturkatastrophen wie den Bränden in Kalifornien. Genutzt wurde es nicht nur von der Bevölkerung, sondern auch von Rettungskräften für Koordinierungsmaßnahmen. Lokalzeitungen banden die Twitterströme direkt in ihre Online-Berichterstattung ein.
Ähnliche Dienste gibt es bereits auch für Videos: Mit Diensten wie Qik oder Flixwagon können Reporter per Handykamera live über Ereignisse berichten. Dass dies gut funktioniert, zeigt etwa ein als Livestream verfügbares, jedoch eher experimentelles Handykamera-Interview, das ein Reporter in Afrika mit Bob Geldof über seine Arbeit führte.
In der Blogosphäre ist es außerdem üblich, die eigene Arbeit öffentlich zu dokumentieren. So binden einige Blogger über RSS (Technologie zum Abonnement von Webseiten-Inhalten) ihre in Social-Bookmarking-Diensten gespeicherten Internet-Lesezeichen direkt in ihre Blogs ein. Auf diese Weise kann man etwa erfahren, welche Artikel und Publikationen ein Forschungsprojekt im Netz gefunden hat. Damit wird der Informationsaustausch zwischen Personen und Gruppen erheblich beschleunigt.
Auch Journalisten nutzen Social-Bookmark-Dienste für ihre Internetrecherchen. Das ist jedoch in der Regel keine Vorgabe der Redaktionsleitung, sondern erfolgt auf private Initiative. Daher wissen oftmals sogar die nächsten Kollegen nichts davon. Auf diese Weise entsteht zu bestimmten Themenbereichen ein redaktioneller Wissensschatz, der das redaktionelle Angebot direkt bereichern könnte: US-Medienblogger Scott Karp hat deshalb speziell für Redaktionen einen Social-Bookmarking-Dienst entwickelt.
Verwendet wird der Dienst von mehreren Redakteuren und Autoren, die gemeinsam an einem Thema bzw. Dossier arbeiten. Ein Mausklick genügt, um etwa zu einem lokalen Ereignis gezielt relevante Quellen aus dem Netz abzuspeichern. Im Sinne eines Pressespiegels können sie aber auch Links zu einschlägigen Artikeln ablegen, die in anderen Tageszeitungen zu dem Thema innerhalb eines bestimmten Zeitraums erschienen sind. Einbinden lassen sich die so gesammelten Links über RSS direkt in das redaktionelle Angebot.
Diese Praxis muss jedoch gleich zwei Vorbehalte überwinden: Zum einen betrachten Journalisten Internet-Recherchequellen oftmals als private Ressource, obwohl sie öffentlich zugänglich sind. Sie haben Angst, dass andere Journalisten herausfinden könnten, an welchen Themen sie gerade arbeiten. Zum anderen ist es gängige Praxis, die Inhalte von Konkurrenzangeboten nicht zu referieren. Warum den Leser zum Mitbewerber schicken, wenn doch auch ein Link auf einen Beitrag auf der eigenen Website genügen könnte?
Scott Karp hält diesem Datensilo-Denken entgegen, dass das erfolgreichste Geschäftsmodell im Internet darauf basiere, den Nutzern Links zu präsentieren und sie so von der eigenen Website wegzuschicken. Da sie jedoch diesen Service schätzten, kämen sie auch immer wieder zurück. Die Rede ist von Google. Würden Zeitungen wie Google denken, würden sie sehr viel mehr ihre Leser an andere Quellen verweisen – als Teil ihres Services. Auf diese Weise könnten sie – anders als automatische Aggregationsdienste wie Google News, die Nachrichten zu einem Thema unkommentiert aufeinander stapeln – den Leser gezielt auf verschiedene Facetten einschlägiger Medienberichte hinweisen und so auch den besonderen Wert ihrer eigenen Berichterstattung hervorheben.
Journalisten könnten jedoch von Bloggern auch andere Recherchemethoden aufgreifen. So lassen sich beispielsweise mit Hilfe des mächtigen Recherchedienstes „Yahoo Pipes“ mehrere RSS-Feeds kombinieren und etwa auf bestimmte Schlagwörter hin auswerten. Nicht-Regierungsorganisationen wie Campact, ein Verein für Online-Kampagnen, aber auch Unternehmensberater verwenden Yahoo Pipes bereits, um Nachrichtenentwicklungen in ihrem Umfeld zu überwachen. Beschäftigt sich etwa ein Wirtschaftsredakteur immer wieder mit denselben Unternehmen, könnte auch er mit Hilfe von „Yahoo Pipes“ einen automatischen Auswertungsdienst generieren, dessen Ergebnisse er in seinem RSS-Reader abrufen kann. Aber auch die Resonanz auf die eigene Berichterstattung könnte er mit einem solchen Werkzeug auf einfache Weise überwachen.

Disclaimer

Christiane Schulzki-Haddouti ist freie Journalistin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Studiengangs Online-Journalismus der Hochschule Darmstadt. Im Rahmen einer im Auftrag des BMBF zu erstellenden Studie zu „Kooperativen Technologien in Arbeit, Ausbildung und Zivilgesellschaft“ hat sie unter anderem ein Anwendungsszenario für Online-Redaktionen entwickelt. Im Rahmen des Projekts bloggt sie unter blog.kooptech.de

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