Brücken bauen

Die tamilische Redakteurin M.S. Thevagowry und der singhalesische Redakteur Methlal Weerasooriya
Foto: Tobias Lambert

Mit „Catamaran“ gegen Sprachbarrieren in Sri Lanka

Auf Initiative der in Berlin ansässigen Nicht­regie­rungs­­organisation Media in Cooperation and Transition (MiCT) entstand 2015 das erste dreisprachige Medienprojekt Sri Lankas. „The Catamaran“ veröffentlicht online Texte auf Singhalesisch, Tamilisch und Englisch, die anderen Medien zum freien Nachdruck zur Verfügung stehen. Im vergangenen Jahr erschien unter dem Titel „Do you understand me“ eine Printausgabe über das Thema Sprache. Die tamilische Redakteurin M.S. Thevagowry und der singhalesische Redakteur Methlal Weerasooriya sprechen im Interview über Versöhnung, Sprachbarrieren und Pressefreiheit in Sri Lanka.

M | 2009 endete der Bürgerkrieg in Sri Lanka nach mehr als 25 Jahren durch die vollständige Niederlage der tamilischen Separatisten. Was kann ein Medienprojekt wie der Catamaran zur Versöhnung beitragen?

M.S. Thevagowry | Wir schreiben nicht so sehr über die große Politik, sondern über ganz gewöhnliche Menschen. Dadurch bringen wir andere Blickwinkel ein, als es die ­Medien üblicherweise tun. Die Leser denken plötzlich über Dinge nach, die sie zuvor kaum wahrgenommen haben.

Methlal Weerasooriya | Wir wollen Brücken bauen. Seit dem Ende des Krieges haben die Medien sich kaum mit dem Thema Versöhnung beschäftigt. Und es ist nicht nur wichtig, über den Krieg, über die Fehler der Vergangenheit zu sprechen. Auch gilt es zu zeigen, dass Singhalesen und Tamilen im Alltag ganz ähnliche Probleme haben. Diese Graswurzel-Perspektive hat dazu geführt, dass sich die singhalesischen und tamilischen Journalisten innerhalb des Projektes besser gegenseitig verstanden und sogar Geschichten gemeinsam gemacht haben.

Wie läuft diese Zusammenarbeit konkret ab?

Weerasooriya | Zum einen sprechen wir ­tamilische und singhalesische Journalisten direkt an, ob sie nicht ein Thema zusammen bearbeiten wollen. Zum anderen übersetzen wir die Artikel in die anderen Sprachen. Zu Beginn des Projektes haben die Singhalesen und Tamilen getrennt voneinander gearbeitet und auch getrennte Blickwinkel eingenommen. Das hat sich nach und nach geändert. Viele singhalesische Journalisten haben zum Beispiel Themen im Norden gesucht. Das gab es zuvor nicht.

[Der Norden und Nordosten Sri Lankas sind überwiegend von Tamilen besiedelt, während Singhalesen vor allem im Süden leben, Anm. d. Red.].

Thevagowry | Bisher habe ich immer für ­tamilische Zeitungen gearbeitet, in denen wir ausschließlich für Tamilen berichten. Das Interessante am Catamaran ist, dass wir Geschichten so schreiben müssen, dass sie auch für Singhalesen zugänglich sind. In den Workshops gab es die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen und Artikel gemeinsam zu konzipieren. Für tamilische Journalisten ist es aufgrund der Sprachbarriere zum Beispiel schwierig, offizielle Stimmen aus dem Süden einzufangen. Eine Zusammenarbeit macht es für beide Seiten einfacher.

Neben der Internetseite haben Sie bisher eine durchgehend dreisprachige Printausgabe erstellt, die als Beilage in singhalesisch-, tamilisch- und englischsprachigen Tageszeitungen erschienen ist. Diese drehte sich ausschließlich um das Thema Sprache. Wie kam es zu der Idee?

Thevagowry | Sprache ist der wichtigste Faktor für die Trennung zwischen Norden und Süden. Weil wir nicht miteinander reden können, erfahren wir auch nichts voneinander und deshalb verstehen wir uns gegenseitig nicht.

Weerasooriya | Die meisten Sri Lanker sprechen nur eine Sprache wirklich fließend und daraus erwachsen viele Herausforderungen. Aber die Barrieren werden nach und nach ­abgebaut. In den Schulen ist es mittlerweile verpflichtend, die jeweils andere Sprache zu lernen, wie vor dem Krieg. Auch neue Regierungsfunktionäre müssen heute Sprachtests in Tamilisch absolvieren.

Nach seinem überraschenden Wahlsieg 2015 ist der aktuelle Präsident Maithripala Sirisena auf die Minderheiten im Land zugegangen. Wie steht es aktuell um den Versöhnungsprozess?

Thevagowry | Auf der Regierungsebene ist das Thema präsent, auf lokaler Ebene steht jedoch wiederum häufig die Sprache im Weg. Es ist für Tamilen noch immer nicht überall möglich, mit den Amtsträgern zu kommunizieren. Offizielle Formulare gibt es auch nicht in allen Regionen auf Tamilisch, obwohl das eigentlich vorgeschrieben ist.

Weerasooriya | Es ist eines der großen Themen der Regierung, sie hat sogar ein eigenes Ministerium dafür geschaffen. Derzeit läuft ein verfassunggebender Prozess, der sich mit Versöhnungspolitik beschäftigt. Doch innerhalb der Regierung und der Institutionen gibt es Hardliner, die das Projekt ausbremsen. Auch radikale buddhistische Mönche lehnen eine neue Verfassung ab, weil sie die Sonderstellung der singhalesischen Kultur und des Buddhismus nicht verlieren wollen. Allgemein sind noch sehr viele Anstrengungen nötig, um die breite Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren.

Und was hat sich seit 2015 im Bereich Pressefreiheit getan?

Thevagowry | Unter der neuen Regierung können die Medien endlich frei berichten. Allerdings trauen sich die Journalisten bisher noch nicht viel. Das kann ich zumindest für die Tamilen sagen, sie wagen sich nicht sehr weit hervor. Ich weiß nicht genau, warum das so ist, sie werden heute nicht mehr eingeschüchtert.

Weerasooriya | Bei den singhalesischen Journalisten ist das ähnlich, aber die Situation hat sich stark verbessert. Durch den Regierungswechsel 2015 haben sich Räume für die Medien geöffnet. Dadurch erst kam das MiCT mit der Idee auf uns zu, eine dreisprachige Internetseite zu konzipieren. Zuvor wäre solch ein Engagement von außen äußerst kritisch beäugt worden.

Weitere Informationen:

https://thecatamaran.org

www.mict-international.org

nach oben

weiterlesen

Wie Pinocchio & Co Fakten checken

Die Washington Post verteilt Pinocchios mit Lügennase für Fake News, die ARD entlarvt sie mit dem Faktenfinder. „Fact-Checking“. Die Überprüfung von Informationen gehört zu den journalistischen Kernaufgaben, doch mittlerweile machen das nicht nur Medien, sondern auch zivilgesellschaftliche Initiativen. Edda Humprecht, Medienforscherin an der Universität Zürich, hat untersucht, wie professionell Faktenchecker_innen in den USA und in Europa arbeiten.
mehr »

Websites prüfen und neuen Regeln anpassen

Vielen Website- und Blogbetreibern bereitet die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), die am 25. Mai umgesetzt werden muss, derzeit schlaflose Nächte. Wer schon immer sein Blog oder seine Webseite datenschutzkonform betrieben hat, wird allerdings kaum Anpassungen vornehmen müssen. Auch ist im Moment nicht zu erwarten, dass die Datenschutz-Aufsichtsbehörden von Bund und Ländern anlasslos Website-Scans durchführen. Dennoch sollte man seinen eigenen Webauftritt einmal aus der Perspektive von Abmahn-Anwälten durchprüfen und anpassen.
mehr »

Unsichtbarer Helfer oder Robo-Journalist?

Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im Journalismus treibt die Branche um, Diskussionen darüber entbehren selten einer gewissen Aufgeregtheit. Machen Algorithmen und Robo-Texte Journalistinnen und Journalisten etwa bald arbeitslos? Nein, denn der Faktor Mensch bleibt nicht herauszudenken, so das Fazit des Mediensalons von dju in ver.di, DJV Berlin und meko factory, der am 9. Mai nicht wie gewöhnlich im taz Café, sondern im Berliner Vodafone-Institut stattfand. Die Ethik dürfe bei der automatisierten Textproduktion aber nicht aus dem Blickfeld geraten.
mehr »

re:publica 2018: Power to the people!

KI und Algorithmen, öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Populismus und Virtual Reality: Das sind die wohl wichtigsten Schwerpunktthemen des Partner-Events von re:publica und Media Convention Berlin (MCB), das gestern in der „Station Berlin“ am Gleisdreieck gestartet ist. Mit dem Netzfest, das am 5. Mai im Park am Gleisdreck steigt, öffnet sich die zwölfte re:publica erstmals auch einem breiten Publikum ohne spezifische digitale Kenntnisse. Ein buntes Rahmenprogramm für die ganze Familie soll die Berlinerinnen und Berliner jeden Alters wortwörtlich „netzfest“ machen.
mehr »