Countdown-Uhr auf dem TV-Schirm

Vorbereitung der Medien auf den Krieg mit nie da gewesener Sorgfalt

Zuerst hört man ein Dringlichkeit anmahnendes „Wusssch“, und auf dem Bildschirm erscheint die Schlagzeile „Showdown in Irak“. Der Moderator klingt ebenso dringlich und erzählt von einer erneuten Mahnung aus dem Weissen Haus an Saddam Hussein. Im unteren Winkel des Fernsehers erscheint eine „Countdown“-Uhr, die die Tage bis zum 27. Januar zählt – dem Tag an dem die UN-Inspektoren ihren Abschlussbericht liefern sollen.

Ob CNN, ob Fox oder MSNBC – die amerikanischen Nachrichten-Medien bereiten sich auf einen neuen Krieg vor, der sich längst in der Berichterstattung niederschlägt. Um bei den Zuschauern Spannung aufzubauen, greifen sie dabei zu so kuriosen Mitteln wie der Uhr, oder auch einen kleinem Quiz zwischendurch, in dem etwa gefragt wird, wann Saddam in der Vergangenheit schon einmal chemische oder biologische Waffen eingesetzt hat. Unterschiede gibt es dabei kaum noch zwischen den einzelnen TV-News-Sendern, ausser dass Fox News, das zu Rupert Murdochs Medienimperium gehört, konservativer ist im Ton als CNN und MSNBC.

Zusätzliche Kosten eingeplant

Die Vorbereitungen umfassen nicht nur die aktuelle Berichterstattung. CNN hat 36 Millionen Dollar zurückgelegt, um zusätzliche Kosten abzufangen, die im Nahen Osten aller Wahrscheinlichkeit entstehen werden. Ob Saddam Husseins Medien-Kontrolleure die amerikanischen Reporter gewähren lassen, ist freilich unklar. CNN-Stars wie Christiane Amanpour und Wolf Blitzer wurde bereits im Vorfeld die Einreise verweigert. Auch die Bitte, dass ausländische Reporter nicht wie bisher im Gebäude des irakischen Informationsministeriums arbeiten mussten, wurde abschlägig beschieden. Selbst den Gebrauch des heute unabkömmlichen mobilen Satellitentelefons hat das Propaganda-Ministerium in Frage gestellt, weil damit militärische Daten per Satellit an die US-Armee weitergegeben werden könnten.

Auch die großen amerikanischen Fernsehnetworks bereiten sich mit nie dagewesener Sorgfalt auf die kommende Auseinandersetzung vor. CBS will bis zu 100 Leute in die Krisenregion in die Gegend von Bagdad schicken, aber auch in die anliegenden Länder Katar, Iran und die Türkei, um vorbereitet zu sein, falls sie aus Irak ausgewiesen werden. Sie rechnen ausserdem mit Giftgas-Angriffen und rüsten ihre Journalisten nicht mehr nur mit Helmen und Sicherheitswesten aus, sondern sogar mit bakterien-resistenten Schutzanzügen. An Talent jedenfalls fehlt es nicht. „Mehr junge Reporter als ich jemals erwartet hätte, wollen nach Irak“, sagte CBS-Nachrichtenchefin Marcy McGinnis der New York Times.

Sorge um Sicherheit

CNN sorgt sich vor allem um die Sicherheit seiner Korrespondenten. Chris Cramer, Präsident von CNN International, hat vor allem seit dem Mord an Wall Street Journal Reporter Daniel Pearl und den Anschlägen auf Journalisten in Afghanistan darauf gedrängt, dass die CNN-Teams auf alle Situationen vorbereitet werden. Die Reporter werden in speziellen Seminaren in Erster Hilfe ausgebildet und darin trainiert, wie man sich in einer Kriegszone am besten verhält, oder welche Risiken man eingehen sollte und welche nicht. „Wir zwingen unsere Leute nicht, in Regionen zu gehen, wo es gefährlich ist“, sagt Cramer.

Cramer wurde vor 22 Jahren als BBC-Journalist bei der Besetzung der englischen Botschaft in Iran selbst als Geisel genommen. Und seitdem sind die Gefahren schlimmer geworden. „Ob wir es nun gern sehen oder nicht, Journalisten werden heutzutage als Zielobjekt gesehen“, meint er. Daher habe CNN entschieden, seine Beschäftigten immer über die Geschichte zu stellen. „Keine Story ist ein Leben wert“, stellt Cramer fest. „Manchmal muss man sogar den journalistischen Instinkt hinten anstellen, auch wenn die Konkurrenz dann vielleicht besser dasteht.“

Gewohnter Einheitsbrei

Inhaltlich ist von der Fernseh- Berichterstattung über einen kommenden Krieg nicht viel mehr zu erwarten als in den vergangenen Auseinandersetzungen in Nahost. Die Zuschauer werden den gewohnten Einheitsbrei aus Militärbildern und den immer gleichen, vagen Spezialisten-Spekulationen in sich hineinlöffeln müssen. „Die Abendnachrichten werden zu einem Wettbewerb im Kampfspucken reduziert“, polemisiert der New Yorker Medienkritiker Todd Gitlin. „Im Fernsehen dreht sich alles nur um Konventionalität“. Weil Auslandsberichterstattung vor allem im US-Fernsehen nicht direkt eine Stärke ist, wird sich auch beim nächsten Krieg nicht viel an der holzschnittartigen Schwarz-Weiss-Darstellung ändern, fürchtet auch Jim Naureaks von der medienkritischen Organisation FAIR. Ausserdem wartet Amerika noch immer auf die im vergangenen Jahr angekündigte Reality-Show „Profiles from the Frontline“, eine 13-teilige Serie, in der die kämpfenden Soldaten in Afghanistan porträtiert werden sollen. Notorisches Beispiel für diese Simplifizierung ist der Fernsehmoderator Bill O´Reilly von Fox News, der seine tägliche, konservativ ausgerichtete Talkshow auch gern zu Propaganda-Zwecken nutzt. Für ihn, so liess er jüngst verlauten, gäbe es noch mehr Hässliches in Irak als nur Saddam Hussein. Auch die muslimischen Frauen seien seiner Ansicht nach die unattraktivsten der Welt.

Differenzierter geht es bei den Elite-Zeitungen und den politischen Magazinen zu. Vor allem die „New York Times“ und die „Washington Post“ schreiben seit Monaten gegen einen Krieg gegen Irak ohne die Zustimmung der UN an. Bei der Times stellen nicht nur die externen Meinungs-Beiträge, sondern auch die Kommentare der Times-Redakteure selbst die Aktion in Frage. Das hat nach Ansicht des Anti-Kriegs-Aktivisten David McReynolds von der Anti-War-League in New York vor allem damit zu tun, dass auch in der US-Führungsspitze die Meinung über das Vorgehen gegen Irak gespalten ist. „Die Times reflektiert hier eine tiefe Unzufriedenheit einflussreicher Leute, die nicht glücklich sind über Bushs Politik“, sagt er und nennt als Beispiel diverse Mahner innerhalb der republikanischen Partei und dem CIA. „Wir haben heute mehr Kriegsgegner in der Führungselite als während des Krieges in Vietnam“.

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