Dokfilm mit feministischem Blick

Aus "Wir halten den Betrieb besetzt." von Edith Marcello, 1975/76 Foto: dff, Deutsches_Filminstitut Filmmuseum

Das Frankfurter Filmfestival „Remake. Frauen Film Tage“, veranstaltet von der Kinothek Asta Nielsen, widmet sich vom 5. bis 10. Dezember vor allem der Filmgeschichte, rezipiert aus feministischer Perspektive. Auch verschollen geglaubte Werke von Filmemacherinnen kommen hier nun digitalisiert zur Aufführung. Bereits 2018 hatte die Kinothek die Frankfurter Dokumentaristin Edith Marcello wiederentdeckt. Diesmal wird ihr Schaffen mit einer kleinen Femmage gewürdigt: Darunter Reportagen aus den 1960/70ern, die sich den Themen Arbeitsmigration und Frauenbewegung widmen.

Edith Marcello, 1937 geboren, hieß bis in die Achtzigerjahre Schmidt. Mehr als 40 ihrer rund 80 Filme realisierte sie mit David H. Wittenberg. Mit ihm bergründete sie auch das Mai-Film-Kollektiv in Frankfurt am Main, das in den 1970/80ern Dokumentarfilme zu sozialen Bewegungen produzierte und vor allem für die nichtgewerbliche Film- und Bildungsarbeit vertrieb. Die Filme wurden in zahlreichen Volkshochschulen und DGB-Häusern gezeigt. Ihr wohl bekanntester Dokumentarfilm ist „Pierburg – Ihr Kampf ist unser Kampf“ (1974) über einen überwiegend von Migrantinnen geführten wilden Streik in einem Autozulieferbetrieb.

Laut Festival-Leiterin Gaby Babić korrespondiert die frühe Schaffensphase Marcellos bestens mit dem diesjährigen Schwerpunktthema „Gemeinsam…! Nähe, Verantwortung und Solidarität mit Anderen: „Sie machte viele Filme über soziale Bewegungen, Arbeitskämpfe oder zur Frauenbewegung, besonders im Nachkriegsdeutschland, vor allem in den revolutionären Jahren der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre.“

Aus dieser Epoche kommen vier TV-Reportagen zur Aufführung. „Billige Hände – Ausländische Arbeiterinnen In Deutschland“ (1969) ist ein Bericht über die Situation von Migrant*innen auf dem Höhepunkt ihrer Anwerbung durch die westdeutsche Industrie. Günter Wallraff tritt als Experte auf: Die Industrie schätze die Lohndämpfungseffekte bei der Beschäftigung von Frauen aus dem Ausland und auch deren hohe Arbeitsmoral. Marcello rückt Frau Karatan aus der Türkei in den Fokus. Mit einem Einjahresvertrag zu einem Stunden-Bruttolohn von 2,30 Mark arbeitete sie in einer Glashütte. Die Wohnverhältnisse und Arbeitsbedingungen sind unhaltbar. Karatan hat den Mut, gegen die Firma vor Gericht zu ziehen. Verliert sie, droht ihr die Abschiebung.

Doppelte Diskriminierung

In „Die Kinder der Gastarbeiter – Bericht über eine Minderheit“ (1970) sucht Marcello migrantische Familien auf, in denen schulpflichtige Kinder zu Hause bleiben, weil sie auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen müssen. Die „Frauen-gehören-an-den-Herd“-Politik zwingt die Familien dazu, denn es gibt kaum Kita-Plätze. Die Kinder lernen trotzdem gebrochenes Deutsch –  mithilfe des Fernsehens – und erzählen von ihrem Alltag und ihren Rassismuserfahrungen. Das BRD-Schulsystem hat 1970 kein Interesse daran, sie zu fördern, denn die Industrie braucht Kinder ohne Schulabschluss, die dann als ungelernte Hilfsarbeiter*innen zu niedrigen Löhnen in den Fabriken arbeiten sollen.

Edith Marcello mit Kameramann bei Dreharbeiten. Foto: privat

Der Dokumentarfilm „ Wir Frauen sehen uns an – Erfahrungen aus der Frauenbewegung“ (1977) ist in einem Kollektiv für das ZDF entstanden, unter der Federführung von Marcello. Ihr gelingt ein lebendiger Einblick in die Umtriebe der autonomen Frauenbewegung in den 1970er Jahren. Sie sucht den Verlag Frauenoffensive und den Münchner Frauenbuchladen auf und fängt Bilder vom feministischen Straßentheater in Frankfurt und Padua ein. Feministischen Künstlerinnen der Zeit erscheinen auf Plattencovern und mit Ausschnitten aus ihren Filmen. Viele sind heute in Vergessenheit geraten, etwa die Musikgruppe „Flying Lesbians“ und das dänischen Filmkollektiv RødeSøster (Rote Schwester). Geblieben sind Ikonen, wie die Musikerin Patti Smith und die Filmemacherin Agnes Varda. Der Film „Reponse des femmes“ ist noch heute Kult.

Autonome Frauenbewegung

Ein zentrales Thema der autonomen Frauenbewegung der 1970er Jahre war die fast ausschließlich von Frauen geleistete unbezahlte Hausarbeit. Im Jahr 1972 begann die internationale Kampagne „WagesforHousework“. Edith Marcello dokumentiert in ihrer Reportage eindrucksvoll die damalige Politisierung des Themas in „Wir Frauen sind unbezahlbar – Zur Diskussion um Lohn für Hausarbeit“ – (1979). Marcello sucht darin mit Coregisseurin Beate Scheunemann verschiedene Frauengruppen in der BRD auf. Aufhänger sind die Frauenstreiks in Island. Die Frauen sprechen zu Arbeitsbelastung, kleinfamiliärer Enge und schlechten Löhnen. Auch zwei Hausmänner erzählen frustriert von ihren Erfahrungen.

Das Festival präsentiert zusätzlich einen Dokumentarfilm von Marcello: „Das Land, das wir uns nehmen – eine italienische Landkooperative“ (1981). Marcello besuchte arbeitslose Jugendliche sowie Landarbeiter und Bauern, die Brachland besetzen, um es danach zu kultivieren.  Im Januar zeigt die Kinothek weitere Filme von Marcello im Rahmen der Reihe Remake on Location: „Ein Mensch, der zu Fuß geht, ist verdächtig“ (1983) begleitet den Widerstand ansässiger Landwirt*innen gegen den Bau einer Daimler-Benz-Teststrecke in Baden Württemberg. In „Wir halten den Betrieb besetzt“ (1975/76) blockieren Beschäftigte des Zementwerkes Seibel & Söhne angesichts drohender Entlassungen das Werk – es war eine der ersten Betriebsbesetzungen in der Geschichte der BRD.


Remake – Frankfurter Frauen Film findet vom 5. bis 10. Dezember 2024 statt.

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