Eine Stimme geben

Das Hamburger Abendblatt beschäftigt fünf Flüchtlinge als freie Mitarbeiter

Ein neues Arbeitsmarktprogramm für Flüchtlinge, der prunkvolle Rathaussaal oder seine Ankunft in Deutschland: Für den Neu-Hamburger und Neu-Reporter beim Hamburger Abendblatt Berj Baghdee Sar liegen die Themen auf der Straße. „Ich freue mich, dass wir die Chance bekommen, den Hamburgern unsere Gedanken mitzuteilen”, sagt der 31-jährige Syrer, der seit anderthalb Jahren in einer Kleinstadt nahe Hamburg lebt.

BerjBaghdee Sar, Reporter beim Hamburger Abendblatt Foto: Michael Rauhe
BerjBaghdee Sar, Reporter beim Hamburger Abendblatt
Foto: Michael Rauhe

Berj Baghdee Sar ist einer von fünf Flüchtlingen, die seit Anfang September als freie Mitarbeiter beim Hamburger Abendblatt beschäftigt sind. Das neue Team ist sehr gemischt: Neben dem Wirtschaftsprüfer, der bei einer Bank in Damaskus angestellt war, besteht es aus einer irakischen Ärztin, einer afghanischen Frauenrechtlerin, einem ebenfalls afghanischen Fotojournalisten und einem eritreischen Taxifahrer. Das journalistische Handwerk hat keiner von ihnen gelernt. Das sei auch nicht der Anspruch, stellt der stellvertretende Lokalchef Sven Kummereincke fest, der gemeinsam mit seiner Kollegin Juliane Kmieciak für die neuen Kollegen zuständig ist. „Wichtig ist uns, dass sie neugierig und reflektiert sind”, sagt er. „Das sind ohnehin die wesentlichen Voraussetzungen für Journalisten.”
Was sich das Hamburger Abendblatt von der Zusammenarbeit verspricht, hat Chefredakteur Lars Haider in einer Presseerklärung benannt: „Wir wollen den Flüchtlingen nicht nur ein Gesicht, sondern eine Stimme geben. Und mit ihrer Hilfe nicht nur etwas über sie, sondern vor allem auch über uns erfahren.” Die Idee für dieses Projekt entstand laut Sven Kummereincke aus der intensiven Beschäftigung mit dem Flüchtlingsthema. Wie alle Lokalredaktionen bundesweit berichtet und begleitet auch das Hamburger Abendblatt seit Monaten intensiv das Geschehen in der Stadt. Selbst aktiv wurden die Journalisten, als sie im Juli zu einer Spendenaktion für Flüchtlinge aufriefen. „Wir haben eine klare Haltung zu dem Thema und versuchen, Verständnis in der Bevölkerung zu wecken” so Sven Kummereincke. Die Integration von Flüchtlingen in die Lokalredaktion ist nun ein weiterer Schritt. „Wir wussten nicht, ob es klappt. Es war wie eine Wundertüte”, sagt er rückblickend.

Wöchentliche Kolumne.

Rekrutiert haben Sven Kummereincke und Kolleginnen die neuen freien Mitarbeiter über Flüchtlingsinitiativen, die in den Wohnunterkünften aktiv sind. In einer Rundmail baten sie darum, Kontakte zu interessierten und geeigneten Flüchtlingen herzustellen. Die Rückmeldungen kamen postwendend, und es wurden Termine zum Kennenlernen vereinbart. Anfang September startete das Projekt innerhalb der Sonderbeilage „refugees welcome”, in der die Flüchtlingsreporter sich mit Fotos vorstellten.
Fest geplant war zunächst eine wöchentliche Kolumne „Angekommen in Hamburg”. Doch daraus wurde mehr: Berj Baghdee Sar hat diesen Monat viel Zeit, da der Deutschkurs abgeschlossen ist und das Praktikum in einer Bank erst im nächsten Monat beginnt. Er fährt jeden Tag nach Hamburg in die Redaktion, nimmt an Redaktionskonferenzen teil und entwickelt eigene Themen. So beleuchtet er – wie die anderen Flüchtlingsreporter auch – aktuelle Entwicklungen zur Situation von Flüchtlingen und kommentiert sie. Ihre Expertise ist gefragt, ob es um die Sprache oder um Hintergrundwissen über ihre Herkunftsländer und die Konfliktlinien innerhalb der hier lebenden Bevölkerung geht.
Die Texte sind Gemeinschaftsproduktionen, die auch als solche gekennzeichnet sind. „Zuerst diskutieren wir das Thema und ich schreibe den Text vor. Dann setze ich mich mit einer Kollegin vor den Bildschirm und wir formulieren gemeinsam den Beitrag”, erzählt Berj Baghdee Sar. Veröffentlicht wird der Text unter seinem Namen. Und bezahlt werden die Flüchtlingsreporter wie alle anderen freien Mitarbeiter auch, versichert Sven Kummereincke.
Berj Baghdee Sar gefällt die neue Tätigkeit. Er fühlt sich von den neuen Kollegen respektiert und gut aufgenommen. „Sie sind sehr hilfsbereit und kollegial. Hier herrscht eine sehr gute Atmosphäre”, bestätigt er. Auch die Resonanz der Leser auf die neuen Reporter war bisher laut Sven Kummereincke ausgesprochen positiv. „Für das Abendblatt sind die neuen Kolleginnen und Kollegen eine journalistische Bereicherung. Wir erhalten viele Informationen und Einschätzungen aus erster Hand”, so der stellvertretende Lokalchef.

Syrischer Journalist beim Handelsblatt

In der Berliner Handelsblatt-Redaktion ist seit Anfang September der syrische Journalist Yahya Alaous beschäftigt und verfasst eine regelmäßige Kolumne.
Auch er kam als Flüchtling nach Deutschland. Alaous hat in seiner Heimat als politischer Korrespondent bei einer großen Tageszeitung gearbeitet.

www.abendblatt.de/hamburg/article205638689/Arbeitsprogramm-fuer-Fluechtlinge-war-ueberfaellig.html

www.abendblatt.de/hamburg/article205651821/Ueber-Sicherheit-Neuanfang-und-norddeutsche-Temperaturen.html

 

 

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