Ernüchternde Bilanz

Die Medien im Rampenlicht der Politik – das ist in dieser Form einmalig in Deutschland. Die Situation der Presse in Mecklenburg-Vorpommern erscheint den Abgeordneten des Schweriner Landtags mittlerweile derart beängstigend, dass sich das Thema zum Dauerbrenner entwickelt hat.

Die Schadensbilanz, die sich den Mitgliedern des Innenausschusses bei ihrer Anhörung über den zweiten Medienbericht der Landesregierung Ende 2010 bot, war ernüchternd: Im Nordosten existiert keine Tageszeitung mehr mit einer echten Vollredaktion. Die drei Monopolblätter, die das Bundesland entlang der ehemaligen DDR-Bezirksgrenzen aufteilen, sind mittlerweile bis zur Schmerzgrenze geschrumpfte Anhängsel ihrer westdeutschen Mutterkonzerne. Outsourcing, Tarifflucht, Personalabbau – das Arsenal der betriebswirtschaftlichen Optimierungsinstrumente hat kapitalen Flurschaden hinterlassen und die Ressourcen für die journalistische Arbeit eingedampft. Die starke Schlagzeile dominiert; für den Blick auf Hintergründe und Zusammenhänge fehlt immer häufiger die Zeit. Ein Befund, der symptomatisch ist für die Situation in ganz Deutschland, wo die Erosion von Qualität und Vielfalt allenthalben voranschreitet. Den Blick der Politiker für diese Problemlage hat vor allem die von ver.di maßgeblich getragene Initiative „Unser Land braucht seine Zeitungen. Qualität und Vielfalt sichern.“ geschärft. Doch die Debatte über das Problem ist noch nicht seine Lösung. Die Politik ist gefordert, den von den Verlegern ausgerufenen „geordneten Rückzug“ aus der Fläche zu stoppen. Medien sind schließlich kein Selbstzweck, sondern wesentlicher Bestandteil einer funktionierenden Demokratie. Das Erstarken der rechtsextremen NPD, die seit 2006 im Schweriner Landtag und vielen Lokalparlamenten sitzt, zeigt drastisch, wohin (Vermittlungs-) Defizite führen können.
Was Not tut, ist ein klares Bekenntnis zur Bedeutung der Medien für die Gesellschaft. Der seit 2008 von der Landesregierung jährlich erhobene Bericht ist ein Schritt in die richtige Richtung. Als nächstes gilt es, endlich Pflöcke einzurammen, um die Erosion des Journalismus zu stoppen. Transparenz und Mitwirkung sind die Hebel, um Leser und Journalisten auf Augenhöhe zu bringen und ihnen den Rücken zu stärken. Das muss in einem neuen Pressegesetz des Landes verankert werden. Gerade wegen der besonders dramatischen Situation ist Mecklenburg-Vorpommern aufgerufen, in dieser Frage eine Vorreiterrolle zu übernehmen.

Ernst Heilmann leitet das ver.di-Landesbüro MV, das die Initiative organisiert. www.qualitaet-und-vielfalt-sichern.de.

https://mmm.verdi.de/beruf/zu-unrecht-verweigert-2-560

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Wie Journalismus durch Krisen helfen kann

Klima, Corona, Krieg in der Ukraine – angesichts der vielen Krisen interessiert sich das Medienpublikum immer weniger für Nachrichten, denn diese machen mit ihren Negativschlagzeilen mutlos und zeigen kaum Handlungsoptionen. Der Druck auf Journalist*innen wächst, ihre Berichterstattung stärker auf die Bedürfnisse der Menschen auszurichten. Wie konstruktiver Journalismus dazu beitragen kann, diskutierten Wissenschaftler*innen und Medienpraktiker*innen auf einer Fachtagung von NDR Info und Hamburg Media School.
mehr »

Mental stark in Krisenzeiten

Wie können Journalist*innen den Zustand der Welt noch abbilden, fragte im November die Friedrich-Ebert-Stiftung. Wie kommen sie selbst mit der Dauerkrisensendung klar? Eine Antwort darauf versuchte der Kommunikationswissenschaftler Stephan Weichert zu geben: einen resilienten Journalismus. Ziemlich nüchtern berichtete Andrea Beer über ihre Arbeit als ARD-Hörfunkkorrespondentin in der Ukraine. Angehenden und jungen Journalist*innen zeigte sie per Videostream Fotos von ihren Einsätzen – etwa bei den Toten in der Nähe der zurückeroberten Stadt Isjum im Nordosten.
mehr »

Feminismus im Comic: Ganz ohne Superman

Comics waren lange eine Sache von Männern und Jungs. In ihren Abenteuern retteten maskuline Helden wie Superman die Welt, Zeichner dominierten die Branche. Doch das ändert sich: Viele der aufsehenerregenden Comics der vergangenen Jahre stammen von Frauen. Die Zeichnerinnen erzählen aus ihrem Leben, hinterfragen stereotype Geschlechterrollen und machen feministische Begriffe und Theorien populär. Doch ganz neu ist das nicht: Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass feministische Ideen schon sehr früh Teil der Comickultur waren.
mehr »

Journalismus: Wenn Arbeit krank macht

Die Journalistin Mar Cabra ist Mitbegründerin von „Self Investigation“. Die Stiftung mit Sitz in den Niederlanden gibt es seit November 2021. Ihr Ziel ist, die Situation der mentalen Gesundheit von Journalist*innen zu verbessern. Dabei schöpft die gebürtige Spanierin aus ihren Erfahrungen mit einem Burnout. Die Pulitzer-Preisträgerin arbeitete 15 Jahre lang als Journalistin in spanischen und internationalen Medien, unter anderem bei der BBC oder der spanischen Zeitung "El Mundo".
mehr »