Extremfall zeigt die Schwächen des Normalfalls

Vier Tage nach den Terroranschlägen in den USA verdrängte der Umgang der Medien mit dem Ereignis das eigentliche Thema der ersten DJV-Sommerakademie in Montepulciano (Toskana): „Affären-Journalismus – Medien und Politik in Deutschland und Italien“. Oder doch nicht? Ist die Emotionalisierung in der medialen Darstellung einer angemessenen Antwort auf den Terror die neueste Affäre des Journalismus? ARD-Talkshow-Moderator Michel Friedman legte es in seiner Einführungsrede mit einer Reihe rhetorischer Fragen nahe.

„Ich bestreite es nicht, aber ich schlucke es auch nicht,“ lehnte Friedman es ab, Usama Ibn Ladin ohne weitere Nachfrage zum Verantwortlichen der Anschläge zu machen. Welche Beweise gebe es? Wo bleibe Neugier und Misstrauen der Journalisten und Journalistinnen? Der aktuelle Extremfall zeige die Schwä-chen, die auch den Normalfall kennzeichneten. Wer Minister monatelang servil bedient habe, könne im Extremfall nicht nachfragen, ob zum Beispiel die Ausrufung des Bündnisfalles durch die NATO angemessen sei. Friedman rief die 150 Journalistinnen und Journalisten der Sommerakademie – darunter vier Gäste der Fachgruppe Journalismus der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) – dazu auf, den Extremfall zu nutzen, um über den Normalfall nachzudenken.

Zum Alltag gehörten zum Beispiel die institutionellen Beziehungen zwischen Wirtschaft, Politik und Journalismus, so Friedman, was in Italien mit der Person Berlusconis offensichtlich, in Deutschland aber versteckt sei: Ein grundsätzlicher Konflikt zwischen Gerhard Schröder und Leo Kirch sei kaum möglich. Damit war Friedman dann doch auch wieder beim ursprünglichen Thema der Sommerakademie. Auf einem Podium mit italienischen Publizistikwissenschaftlern forderte auch Hans Leyendecker, bei der „Süddeutschen Zeitung“ hartnäckiger Rechercheur in der CDU-Spendenaffäre, zu einem „Innehalten“ im Wettrennen der „rasenden Verfolger“ von Affären und „scandali“ in der Politik auf: Was ist Wirklichkeit und was inszenierte Wirklichkeit?

Die Hereinnahme von Entertainment und Auftritte in Talkshows hätten eine veränderte politische Wirklichkeit bewirkt, konsta-tierte Leyendecker. Doch gerade auf diesem Hintergrund hielt auch er wie zuvor Friedman journalistische Standards für notwendig, und er forderte weiter, Journalisten sollten auch eigene Schwächen und Zweifel ans Publikum weitergeben. Die Hamburger Medienwissenschaftlerin Irene Neverla wies darauf hin, dass Wissenschaftler zum Teil es gerade als Ausweis der Qualität der Arbeit von Journalisten ansähen, wenn diese die eigenen Mittel zum Thema machten und ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion unter Beweis stellten.

Reflexion über den eigenen Beruf – das war das Ziel der DJV-Sommerakademie, wie der Verbandsvorsitzende Siegfried Weischenberg zum Abschluss des Symposions nochmals unterstrich. Das Symposion sollte „Verantwortung, Selbstverständnis und Engagement“ der Journalistinnen und Journalisten stärken, auch einen Beitrag zur „Internationalisierung im Journalismus“ leisten. Ziel war auch, „in aller Ruhe über aktuelle Probleme des Journalismus“ dort nachzudenken, „wo die Kulturgeschichte des modernen Europa ihre Wurzeln hat und wo ein erheblicher Teil des Weltkulturerbes angesiedelt ist.“

Ob es aber notwendig ist, dafür eine längere Reisedauer allein von und zum gemeinsamen Start- und Ankunftsort München in Kauf zu nehmen als Vortrags- und Diskussionszeit zur Verfügung stand, wobei obendrein noch die Kultur völlig an den Rand gedrängt blieb, lässt sich mit guten Gründen bezweifeln. Dialoge zwischen Praktikerinnen und Wissenschaftlerinnen, zwischen Deutschen und Italienern, zwischen DJV und ver.di – alles ein sinnvolles Unterfangen. Aber eine andere Form wäre sicherlich produktiver.

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