Fact Checking, Coding …

Das Wissen über Algorithmen wird in der Ausbildung zunehmend vermittelt

Wie die „neuen Gatekeeper Öffentlichkeit strukturie­ren“, wie Journalistinnen und Journalisten damit umgehen sollen oder können, welche Risiken damit verbunden sind, das sind Themen, die im zunehmend digitalen Geschäft der Berichterstattung eine Rolle spielen. Also auch in der Aus- oder Weiterbildung.

Sie sitzen nicht im Seminarraum, sondern im hochschuleigenen Newsroom, die Studierenden des neuen Master-Studiengangs „Digitale Kommunikation“ an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg. Im März 2017 startete der erste Jahrgang, inzwischen ist der zweite nachgerückt. „Der radikale Medienwandel erfordert auch eine neue Herangehensweise an die Ausbildung von Journalisten“, erklärte der damalige Ressortchef „Netzwelt“ des Spiegel, Christian Stöcker, während der Planungsphase im Sommer 2016. „Das Teaching Hospital Modell erlaubt eine ideale Kombination aus Theorie und täglicher Praxis – genau das, was sich aktive Praktiker vom journalistischen Nachwuchs wünschen.“

Inzwischen ist der promovierte Kogni­tionspsychologe Stöcker Professor an der HAW und leitet den Studiengang „DiKo“. Zur Ausbildung gehört für die Studierenden die tägliche Arbeit am eigenen Online-Magazin „Fink.Hamburg“ mit Nachrichten und Geschichten aus der Hochschule und der Stadt. Das Studium im Newsroom orientiert sich an dem Vorbild des „Teaching Hospital“ an amerikanischen Journalistenschulen. Der Digitale Newsroom bestimmt das erste Studienjahr, das zweite ist von Projekten und der Masterarbeit geprägt.

„Recherche und Fact Checking“, „Digital Leadership“, „360-Grad-Storytelling“, „Coding“ sind nur einige der zahlreichen Studieninhalte, die diesen Master prägen. Sind die bis zu 26 Studierenden jedes Jahrgangs denn bereits in zahllosen Praktika mit den journalistischen Grundregeln und Genres vertraute junge Leute? Nein, antwortet Stöcker, „viele Studierende haben wenig bis gar keine Erfahrung im journalistischen Bereich. Manche haben auf andere Weise publiziert, etwa als Profis für Instagram, andere kennen sich mit Bewegtbild gut aus, aber nicht mit Textjournalismus.“ Deshalb gebe es in den ersten Wochen „Intensivkurse für die Basiskenntnisse und die grundlegenden Darstellungsformen von Nachricht über Reportage bis Interview“, erklärt Stöcker gegenüber M. Das werde dann in der Arbeit am Online-Magazin „Fink.Hamburg“ vertieft, „immer mit direktem Feedback aus dem Team der Dozentinnen und Dozenten“, darunter auch einige von Stöckers ehemaligen Kollegen aus dem Spiegel-Haus.

Und die Algorithmen? Gehören die zum Lehrplan? „Oh ja, die Art und Weise, wie die neuen Gatekeeper Öffentlichkeit strukturieren, ist ein zentrales Thema bei uns, in den Modulen „‘Digital News­room’ und ‚Digital Strategy’“, erklärt Stöcker. „Wir laden zu diesem Komplex auch stets zusätzliche Gastvortragende ein, zum Beispiel Katharina Zweig von der TU Kaiserslautern. Und mit Dirk Lewandow­ski haben wir einen der prominentesten deutschen Suchmaschinenexperten im Department“, unterstreicht er. Für Stöcker ist es ein besonders interessantes Forschungsgebiet: Im Sommer 2017 hat er dazu ein Arbeitspapier mitveröffentlicht: „Digitale Öffentlichkeit – Wie algorithmische Prozesse den gesellschaftlichen Diskurs beeinflussen“.

Die über 100 Interessenten pro Studienjahr meldeten sich aus ganz Deutschland, auch Interessenten aus Rumänien und Lateinamerika waren schon darunter. Sie haben sehr unterschiedliche Bachelor-Abschlüsse, „was uns gut gefällt: Je mehr unterschiedliche Formen der Vorbildung wir im Newsroom versammeln können, desto mehr Expertise fließt ins Team ein“, sagt Stöcker, „Peer Learning“ ist das Stichwort. Das kann dann auch ein Examen in Schifffahrtslogistik oder Katastrophen­management sein. Trotz der vielen englischen Begriffe ist der Studiengang (noch) nicht bilingual, aber gute Englischkenntnisse sind Voraussetzung.

Das zweite Studienjahr gilt den Projekten, Partner dabei sind Medien wie der Spiegel, aber auch die Kommunikationsabteilungen großer Unternehmen, Stiftungen etwa für eine Multimedia-Reportage aus Flüchtlingslagern in Griechenland oder Blogs und Podcasts zur Zukunft der Arbeit aus New York, unterstützt von PR-Agenturen und Softwareherstellern. Als zukünftige Arbeitgeber sieht Stöcker neben den klassischen Medienhäusern und Sendern auch Unternehmen, Verbände und Organisationen. Die größte Stärke seines Studiengangs sieht Stöcker in der „Verbindung von fundiertem theoretischem Wissen und extrem hohem Praxisbezug“. Die Studierenden „lernen frühzeitig, unkonventionell zu denken, sich ad hoc in Teams zu organisieren und in diversen Publikationskanälen parallel zu denken“. Veränderungen des Studieninhalts seien ständige Begleiter, vor drei Jahren hätten Hochschulen nicht an Snapchat gedacht, jetzt sei es für einen Studiengang wie

„Digitale Kommunikation“ unumgänglich

„Digital“ ist inzwischen an den Hochschulen geradezu ein „Zauberwort“ für neu konzipierte Studiengänge geworden. An der Technischen Universität Chemnitz startet in diesem Wintersemester ein neuer Master-Studiengang „Semiotik und Multimodale Kommunikation“, um „Geisteswissenschaftler mit Digitalkompetenz“ auszubilden, explizit auch für den Journalismus und die Unternehmenskommunikation gedacht. Die Hamburg Media School hat ein „Digital Journalism Fellowship“ als neue Weiterbildung im Angebot, ein Programm, das von Facebook gefördert wird. Auch hier ist der enge Zusammenhang zur Unternehmenskommunikation wieder sichtbar. Die Deutsche Welle Akademie hat einen eigenen Studiengang „International Media Studies“ mit dem Schwerpunkt auf digitalen Medien aufgebaut, der sich auch mit „Mobile Commerce“ und „Mobile Advertising“ beschäftigt, um künftige Führungspersönlichkeiten in Medienunternehmen, Verbänden und Bildungseinrichtungen auf der ganzen Welt auszubilden.

Das Projekt „Newsreel“ vom Erich-Brost-Institut der TU Dortmund mit den Unis Pecs, Bukarest und Lissabon will neue Lehrmaterialien für die digitale Ausbildung von Journalist_innen an den Universitäten erarbeiten.

Die digitale Ausbildung zu verstärken, hat sich auch Henriette Löwisch, die Leiterin der Deutschen Journalistenschule in München, bei ihrem Amtsantritt im Juli 2017 vorgenommen. Löwisch, die Auslandskorrespondentin und Chefredak­teurin der Nachrichtenagentur Agence France Presse in Deutschland war, lehrte zuletzt Umwelt- und Wissenschaftsjournalismus an der Universität von Montana in den USA. Daher wohl auch der Wunsch, mehr Naturwissenschaftler durch Stipendien der Klaus-Tschira-Stiftung an die DJS zu holen.

Zur Verstärkung der digitalen Kompetenz gehört für sie die Abkopplung eines Multimedia-Projekts von der Produktion des Magazins „Klartext“, denn die Online-Seite sei oft zugunsten des Printhefts weniger beachtet worden. Jetzt seien die Ziele eine Multimedia-Reportage, eine App – was immer den Schüler_innen an kreativem Projekt einfalle. Dazu gehöre auch die Befragung künftiger Nutzer und die unternehmerische Seite einer solchen Produktentwicklung, erläutert Löwisch. Und natürlich der Einblick in die Funktionsweise der Algorithmen, speziell in den Unterrichtseinheiten zur Online-Recherche und zum Datenjournalismus.

Das Printheft soll aber nicht aus dem Lehrplan verschwinden, denn bei keinem anderen Projekt könne visueller Journalismus, Design, Layout, aber auch Finanzierung so anschaulich gelernt werden, meint die Leiterin der DJS.

Da der Faktencheck immer wichtiger wird, wenn alle zum „Sender“ werden können, hat die DJS dafür neue Dozentinnen gewonnen, von der Spiegel-Dokumentation und von „Wafana“. „Wafana“ nennt sich „die erste digitale Fact-­Checking-Agentur im deutschsprachigen Raum“: „Unser Fokus liegt auf der Überprüfung von Social Media-Inhalten, Webseiten, Fotos, Videos und Social Bots.“ Dafür bietet die Fakten-Check-Agentur auch Fortbildungen und Workshops an.

Zur Anwendung des Gelernten sollen beim Heft „Klartext“ dann jeweils einige Schüler_innen selbst als Dokumentare die Texte auf Richtigkeit und Schlüssigkeit überprüfen. Damit soll die Sensibilität für den Faktencheck gestärkt werden, denn in den meisten Medienhäusern gibt es keine Dokumentar-Abteilungen. Dies muss von der Redaktion selbst geleistet werden. Aber eines ist für Löwisch klar: „Gutes Texten ist nach wie vor unglaublich wichtig.“

Zur digitalen Kompetenz gehören auch „Storytelling Podcast“ oder „Insta-Storys“, kurze Videogeschichten auf Instagram, oder die journalistische Nutzung von Twitter. Und wenn die Schülerinnen und Schüler beim kreativen Ausprobieren neuer Formen dringenden Lernbedarf entdecken, dann versucht Löwisch mit ihrem Team, diesen kurzfristig zu decken und noch ein neues Thema in den jetzt schon ziemlich vollen Stundenplan einzubauen.

Links zu den genannten Beispielen:

https://www.haw-cc.com/aktuelles/ma_digitale_kommunikation/3/

www.fink.hamburg

www.haw-cc.com/digitale-kommunikation

www.tu-chemnitz.de/phil/ifgk/germanistik

www.hamburgmediaschool.com/weiterbildung

www.newsreel.pte.hu

www.djs-online.de

www.wafana.de

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