Glanz- und andere Zeiten

Geschichte des Journalismus im „Newseum” von Washington DC

An der Pennsylvania Avenue 555 in Washington DC, der Hauptstadt der USA, kann man täglich über die Twitter-Botschaften, Verordnungen oder militärischen Aktionen des Präsidenten Donald Trump lesen. Dort ist das „Newseum” untergebracht, das wohl größte Journalismus-Museum der Welt und täglich werden an der Fassade des Gebäudes die Titelseiten internationaler Tageszeitungen ausgestellt.

Die Pennsylvania Avenue ist eine der Hauptverkehrsstraßen in Washington DC. Sie verbindet das Weiße Haus mit dem Kapitol, dem Sitz des Repräsentantenhauses. Es ist ein Dienstagvormittag Ende März. Plötzlich kommt der Verkehr auf der Straße zum Erliegen. Denn die Polizei riegelt alle Nebenstraßen ab, sie werden durch querstehende Polizeiautos mit blaurotem Blinklicht abgesperrt. Dann dauert es noch eine gute Viertelstunde, bis schließlich aus der Einfahrt zum Weißen Haus der Fahrzeug-Konvoi des US-Präsidenten kommt. Vorne weg: Die Sonderabteilung der Polizei auf ihren Harley-Davidson-Gespannen. Nach den Motorrädern folgen diverse meist in schwarz gehaltene Fahrzeuge mit den Sicherheitsleuten und den Begleitern bis schließlich die Präsidentenlimousine auftaucht. Eigentlich sind es zwei, so ist bei Anschlägen unklar, in welcher der US-Präsident wirklich sitzt und beide rauschen mit ziemlicher Geschwindigkeit vorbei. Hinter den Limousinen folgt dann der Konvoi der restlichen Begleitfahrzeuge, einschließlich eines Krankenwagens, ebenfalls mit Blinklicht. „Das ist das Zeichen dafür, dass der Präsident wirklich im Pulk unterwegs ist”, sagt Carl. Er führt Touristen auf Fahrradtouren durch die Hauptstadt und hat den jetzigen Präsidenten nicht gewählt und mag ihn auch nicht, kennt sich aber als Einwohner Washingtons aus, was Autokonvois anbelangt.

Das Newseum in Washington DC
Foto: Rudolf Stumberger

Donald Trump, der umstrittene US-Präsident, ist ziemlich präsent in der amerikanischen Hauptstadt. Da ist zum Beispiel eine gute Meile vom Weißen Haus entfernt und auch an der Pennsylvania Avenue liegend das riesige Nobelhotel „Trump International”, das der Immobilienmogul in dem Gebäude der ehemaligen Hauptpost eingerichtet hat. Vor dem Wirtschaftsministerium flattern die T-Shirts mit seinem Konterfei im Wind. Und dann das große „Newseum” mit seinen Präsidenten-Schlagzeilen. Es erstreckt sich über sechs Ebenen, beschäftigt sich mit diversen Aspekten des Journalismus und ist getragen von Unternehmen und Institutionen der Medienbranche wie der Hearst Corporation, ABC News oder der Familie von Arthur Ochs-Sulzberger, dem legendären Herausgeber der New York Times. Wenn Trump irgendwann seinen Platz innerhalb des Museum finden wird, dann wohl auf der Ebene 5. Dort ist auf einem Zeitstrahl anhand von Titelseiten die Geschichte der Presse und des Journalismus dargestellt. Sie beginnt im 18. Jahrhundert in den englischen Kolonien und endet mit der Feststellung, dass die Zukunft der „Vierten Gewalt” im 21. Jahrhundert unsicher sei und die Medien in der Kritik stünden.

Bei dem Gang durch die Pressegeschichte stößt man natürlich auch auf die Glanzzeit des amerikanischen Journalismus, als die Journalisten der Washington Post Präsident Richard Nixon durch den Watergate-Skandal 1974 zu Fall brachten. Die Redaktion der Washington Post liegt gut eine Meile vom „Newseum” entfernt und man bemüht sich dort redlich, auch ­Präsident Trumps Amtszeit kritisch unter die Lupe zu nehmen und zum Beispiel jede seiner Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Verhältnis des Präsidenten zu den Medien einmal als Thema in dieses Museum eingehen wird. John F. Kennedy sagte ja noch zur Presse: „Auch wenn wir sie nicht mögen, und uns sogar wünschen, dass sie es nicht schreiben und sie sogar ablehnen, so gibt es keinen Zweifel, dass wir ohne eine sehr, sehr aktive Presse nicht in einer freien Gesellschaft leben würden.” Ein derartiges Bekenntnis aus dem Munde von Trump ist derzeit nicht vorstellbar, lebt er doch mit den Medien auf Kriegsfuß und pflegt diesbezüglich seine Ressentiments. Und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass die Medien seine Amtszeit verkürzen könnten – denn sowohl seine Befürworter wie auch Gegner halten es für möglich, dass gegen Trump eines Tages ein Impeachment, also eine Amtsenthebung, eingeleitet wird. Die Gründe könnten in Verstrickungen von Amt und Geschäft liegen und die Presse steht bestimmt nicht abseits, wenn es darum geht, diese Verstrickungen publik zu machen. Noch ist es nicht soweit und deshalb kann man noch ein paar Worte über das „Newseum” sagen. Im Untergeschoß findet sich ein Stück der Berliner Mauer als Beispiel dafür, wie „der freie Informationsfluss half, ein repressive Regierung zu stürzen”. Auf der vierten Ebene wird „9/11”, der Anschlag auf die Türme des World Trade Centers, thematisiert. Ausgestellt sind der verbeulte Antennenmast des Nordturms sowie die Titelseiten internationaler Zeitungen mit den Schlagzeilen. Außerdem wird an Bill Biggart erinnert, der freiberufliche Fotograf wurde beim Einsturz der Türme getötet.

Das von Kugeln durchsiebte Auto des Time-Fotografen Christopher Morris in Jugoslawien
Foto: Rudolf Stumberger

Um das berufliche Risiko der Journalisten geht es auch am „Journalists Memorial” ein Stockwerk tiefer. Hier wird an die 2200 Journalisten erinnert, die in Ausübung ihres Berufes getötet wurden. Zum Beispiel an Ahmad Omeid, der 2011 in Afghanistan ums Leben kam. Zu sehen ist das von Kugeln durchsiebte, aber gepanzerte Auto des Time-Fotografen Christopher Jorris aus dem Bürgerkrieg in Jugoslawien. Und in einem Glaskasten ist ein Notizblock des 2014 in Syrien ermordeten amerikanischen Journalisten James Foley ausgestellt.

Selbstverständlich darf auch eine Abteilung über den „First Amendment”, den 1. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung von 1791 nicht fehlen. In ihm ist die Presse- und Meinungsfreiheit verankert. Neben einem interaktiven Newsroom und einem Fernseh-Studio zeigt eine Ausstellung schließlich noch mit dem Pulitzer-Preis geehrte Bilder von Pressefotografen. Ganz oben auf dem Dach wird die Reihe der aktuellen Titelseiten von internationalen Tageszeitungen, die auf der Straße begann, fortgesetzt. Hier ist an diesem Tag auch Trump wieder präsent („Trump tries to close health care deal”; Pittsburg Post-Gazette) und daneben findet sich Der Tagesspiegel („Aufstand der Mathelehrer”).


Newseum

555 Pennsylvania Ave NW, Washington, DC 20001, USA

www.newseum.org

nach oben

weiterlesen

MedienGalerie: Ein Autor zeugte aus Maras

Der Zufall wollte es: Als am Morgen des 19. April die Nachricht von den vorgezogenen Wahlen in der Türkei über die Sender lief, war später am Abend der türkische Journalist und Schriftsteller Aziz Tunc in der ver.di-MedienGalerie in Berlin-Kreuzberg zu Gast. Er las im Begleitprogramm zur aktuellen Pressefreiheitsausstellung Texte aus seinem Buch „Töte du mich“. Debattiert wurde anschließend auch.
mehr »

Buchtipp: Vergessene Nachrichten oder Trash

„Heute gibt es nicht zu wenig, sondern zu viel Nachrichten“, konstatieren die Herausgeber des Sammelbandes „Nachrichten und Aufklärung“, der anlässlich des 20. Jubiläums der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) erschienen ist. Über unklare Auswahlverfahren für die Bundesrichterwahl wurde nicht berichtet, dagegen ausführlich über die Scheidung von Brad Pitt und Angelina Jolie - eine Schieflage nach den Relevanzkriterien der INA, die alljährlich die „Top Ten“ der vergessenen Nachrichten veröffentlicht.
mehr »

WDR: Frauen sexuell belästigt und gemobbt

Es verdichtet sich der Eindruck, dass das Arbeitsklima im WDR seit langem tiefe Risse aufweist. Hinweise auf sexuelle Belästigung reichen bis Ende der 80er Jahre zurück. Es ging (und geht) um Männer, die Kraft ihrer Position Frauen in die Enge treiben, bei Ablehnung Wege verbauen – perfiden Machtmissbrauch betreiben. M liegt ein ausführlicher interner Mailverkehr vor, nach dem sich mindestens im Jahr 2010 mehrere Frauen wegen sexueller Belästigung an eine Personalrätin wandten. Führungskräfte der Sendeanstalt griffen nicht ein. 
mehr »

Buchtipp: Lampedusa – Bildgeschichten

In den Jahren 2015 und 2016 machten die Themen Flucht und Migration einen nicht unerheblichen Teil der massenmedialen (Bild-)Berichterstattung aus. Problematisiert wurden die damit verbunden visuellen Verkürzungen und Stereotypisierungen bisher vor allem auf wissenschaftlichen Tagungen oder in Form öffentlicher Podiumsdiskussionen. Was in der Auseinandersetzung bisher fehlte, war ein Band, der sich den Produktionsbedingungen und -routinen annimmt, was das Ziel des Buches „Lampedusa – Bildgeschichten am Rande Europas" ist.
mehr »