Hanau: Betroffenen mehr Raum geben

Unter der Friedensbrücke in Frankfurt am Main erinnert ein 27 Meter langes Gedenk-Graffiti an die Opfer des Anschlags in Hanau am 19. Februar 2020. Foto: picture alliance / greatif | Florian Gaul

Zum Jahrestag des rassisch motivierten Anschlags in Hanau hatten Interkultureller Mediendialog und dju in ver.di Hessen eingeladen, über Diskursverschiebungen in der Berichterstattung zu diskutieren. Es gebe zwar mehr Sensibilität, aber „in bestimmten Redaktionen ist der Groschen noch nicht gefallen, weil es sie nicht betrifft“, konstatierte Hadija Haruna-Oelker vom Hessischen Rundfunk.  Veränderungen habe es vor allem durch den Druck von Angehörigeninitiativen der neun Opfer gegeben, so Gregor Haschnik von der „Frankfurter Rundschau“.

Moderatorin Carmen Collinas von den Neuen deutschen Medienmacher*innen fragte beide, wie sie den 19. Februar 2020 erlebt haben. Lokalredakteur Gregor Haschnik, der in Hanau aufwuchs, kannte einige der Betroffenen und war erschüttert, aber: „Das schiebt man beiseite, man muss funktionieren.“ In der „Stadt der Verschiedenen“ habe es viel Solidarität gegeben, aber „auch rassistische und antiziganistische Hetze“. Andere waren um das Image der Stadt besorgt, nach dem „Atomklo“ nun „Stadt des Anschlags“ zu werden.

„In bestimmten Situationen rettet mich meine Professionalität“, sagte auch Hadija Haruna-Oelker. Als sie erste Nachrichten mit „Fremdenfeindlichkeit“-Wording hörte, bot sie dem Deutschlandfunk einen Kommentar zum Anschlag in Hanau an. Anfangs sei vielen Lokalreporter*innen nicht klar gewesen, „wer die Migrantisierten sind“. Sie hätten wenig über die Opfer berichtet, sondern viel zu Täter zentriert: „War er psychisch krank? Rassistisch?“ Das habe sich im Laufe des Jahres geändert. Kolleg*innen wie Gregor Haschnik hätten Vertrauen geschaffen, Hintergründe aufgedeckt. Hochprofessionelle Solidaritätsinitiativen stellten der Presse Fotos von Angehörigen bereit.

Die Betroffenen-Perspektive sei so stärker wahrgenommen worden, berichtete Haschnik. Der Anschlag sei längst noch nicht aufgeklärt, aber Geschichten könnten gesellschaftlich etwas bewegen. So habe der öffentliche Druck dazu beigetragen, dass es jetzt zu einer Anklage gegen den Vater des Täters kommt, nachdem Angehörige der Opfer Strafanzeige gestellt haben. Die Aufklärung stehe am Anfang und es gebe die Chance, dass sich „juristisch und politisch was tut“.

Durch „soziale Medien“ könnten Menschen selbst sprechen, erklärte Collinas mit Hinweis auf die  „Black Lives Matter“-Proteste oder die bundesweiten „Tage der jüdisch-muslimischen Leitkultur“ und fragte, wie das in Hanau genutzt wurde. Es gebe zahlreiche Hashtags wie #Hanaustehtzusammen, ‚#Keinvergessen oder mit Bezug auf die Opfer und ihre Familien  #Saytheirnames und #Sprechtsierichtigaus, so Haruna-Oelker. Die Initiative 19. Februar der Angehörigen, Familien und Freund*innen der Opfer und Verletzten habe eine bundesweite Vernetzung vorangetrieben, sodass es viele Veranstaltungen zum Jahrestag des Anschlags gibt. Aber die Aufmerksamkeit sei „noch nicht groß genug. Wo bleiben die großen Talkshows zu Hanau“, fragte Haschnik.

„Hanau ist ein Bubble-Thema“, antwortete Haruna-Oelker. Das tauche in jungen Formaten wie „funk“ auf, aber für Mainstream-Medien sei es „nicht so sexy“. Der „Spiegel“ zum Beispiel habe mit den “Hanau-Protokollen” zwar ein gutes Dossier veröffentlicht, es aber nicht zum Aufmacherthema gemacht. „Die Migrationsgesellschaft ist ein Generationsthema“, meinte sie und forderte andere Formate für die Generation 40+, denn die gesellschaftlichen Veränderungen würden ignoriert, solange die Migrationsgeschichte noch nicht als „deutsch“ wahrgenommen werde. Der Wille zu vielfältigerer Berichterstattung sei da. Es gebe zahlreiche Einzelprojekte, aber es fehlten Strukturen, um das Bewusstsein für Diversität auf allen Ebenen der Medienhäuser zu verankern. „Man muss Menschen in ihrer Vielschichtigkeit zeigen“, pflichtete ihr Haschnik bei. In der Lokalberichterstattung gebe es gute Chancen, denn hier könne man aus nächster Nähe beobachten und den Betroffenen Raum für ihre Geschichten geben.

In der anschließenden Diskussion mit den Teilnehmenden der digitalen Runde ging es vor allem um das „Wie“ der Berichterstattung. So berichtete ein RTL-Journalist, der Vater der getöteten Mercedes Kierpacz wollte am offenen Grab seiner Tochter interviewt werden: „Löst das Befremden aus?“ „Es kommt auf den Blick an“, antwortete Haruna-Oelker. Man müsse entscheiden: „Ist es pietätlos oder kann ich erklären, welche Rolle das offene Grab beim Trauerritual der Roma spielt?“ Es komme auf die Einordnung an, wie etwas erzählt wird.

Dass es noch an Bewusstsein für Diversität fehlt, zeigte ein Statement aus dem Publikum: „Obwohl das Grundgesetz unterschiedliche Formen des Trauerns erlaubt, hieß es, Muslime „sollten trauern lernen“. Bei ihnen ist es nicht üblich, Blumen ins Grab zu werfen, sondern die Hand zu heben und ein kurzes Gebet zu sprechen. Haruna-Oelker meinte, da gemeinsame Absprachen fehlten, gebe es zum Jahrestag des rassistischen Terroranschlags neben den offiziellen Gedenkfeierlichkeiten in Hanau auch eigene Veranstaltungen der Opferfamilien und Haschnik forderte, man müsse stärker auf die Betroffenen eingehen.

Hinweise für die Berichterstattung über rassistische Anschläge: https://www.neuemedienmacher.de/ein-jahr-nach-terroranschlag-in-hanau/

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