Journalismus – abhängig von Facebook und Co?

Storyful überprüft Internet-Filme für Redaktionen. Facebook puscht journalistische Formate und holt Publikum heran. Wie halten es diese „neuen Akteure“ mit der Moral? Wo bleibt die „öffentliche Aufgabe“ des Journalismus? Um diese und andere Aspekte der „Zukunft des Journalismus“ ging es auf der Jahrestagung des Netzwerks Medienethik.

Gleich zu Beginn der Konferenz Mitte Februar in München verdeutlichten junge Online-Redakteurinnen und Redakteure den etwa 100 Teilnehmenden aus Praxis und Wissenschaft, wie groß der Einfluss sozialer Netzwerke auf den Journalismus ist. „Drei von vier Lesern stoßen über soziale Netzwerke auf uns“, sagte Juliane Leopold, seit Herbst 2014 Chefredakteurin der Deutschlandausgabe von „BuzzFeed“, einer US-amerikanischen Website für Unterhaltung und Nachrichten. Facebook spiele zudem eine wichtige Rolle für die Beitragsgestaltung: prägnante Bilder, kurzer Text, möglichst passend fürs Handy. Facebook pusche jetzt Videos und sei „Treiber journalistischer Darstellungsformen“. Auch Martin Kotynek, stellvertretender Chef von ZEIT online, will „die Leute erreichen, wo sie sind“ und die Seite, die verstärkt über Facebook und Handy genutzt werde, zu „ZEIT mobil“ entwickeln. Zur Anpassung an die Usergewohnheiten habe man eine Nachtschicht eingelegt, um „die Leute um 6 Uhr zu informieren“.

Informationen werden „geteilt“. „Wenn mir drei Freunde sagen, das musst du lesen, glaube ich’s eher, als wenn ich auf die Homepage gehe“, beschreibt Leopold die neue Macht von social media gegenüber traditionellen Medien. „Teilen“ profiliert die Identität, managt das „soziale Kapital“ der User. Die neue Segmentierung der Öffentlichkeit problematisierte der emeritierte Journalistikprofessor Michael Haller: „Was bedeutet das für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?“ Neben dem „Publizieren für Nischen“ (Leopold) brauche man weiterhin den Mainstream „für gesellschaftliche Selbstverständigung“!

Wie muss dieser journalistische Mainstream aussehen, um in der neuen Medienwelt weiterhin eine „öffentliche Aufgabe“ erfüllen zu können? Zum wichtigsten ethischen Standard entwickelt sich angesichts der Informationsfülle Transparenz – sowohl für den Nischen- als auch für den Mainstreamjournalismus. „Wir müssen unsere Recherche transparent machen“, sagte Elmar Theveßen, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Aktuelles. Das ist auch für Juliane Leopold ein wichtiges Kriterium. Bei der Transparenz von Interessen scheint sich ihre Website aber nicht von Printmedien zu unterscheiden, die es mit der Trennung von Redaktion und Werbung nicht so genau nehmen. BuzzFeed finanziert sich über Native Advertising, d. h. mit den Werbekunden werden redaktionell anmutende Beiträge produziert. Auf Nachfrage erklärt Leopold, dass diese durch ein gelbes Banner gekennzeichnet sind.

Auch in der Wissenschaft ist „Transparenz“ als ethische Anforderung unumstritten. Da kann es problematisch sein, wenn Redaktionen Teile der Recherche auslagern. Das haben die Tübinger Forscher Nina Körberer und Marc Sehr am Beispiel der Kriegs- und Krisenberichterstattung untersucht, die zunehmend auf Bildmaterial aus sozialen Netzwerken zurückgreift. Um dieses zu verifizieren, engagieren professionelle Medien mittlerweile Dienstleister wie storyful.com. Das Ergebnis ihrer Studie: Diese Auslagerung ist nicht „zwingend problematisch“, denn user generated content sei eine „wichtige Ergänzung der journalistischen Berichterstattung“, die Themensetzung bleibe weiterhin bei der Redaktion und storyful überprüfe die Echtheit des Materials nach ähnlichen Kriterien wie die ARD. In der anschließenden Diskussion machte sich jedoch Skepsis breit: „Agenturen haben eine ökonomische Schere im Kopf: Wie verkäuflich ist das Material?“ und „Welche ethische Regulierung gibt es für Unternehmen wie Storyful?“

Solche Unternehmen zählt der Eichstädter Journalistkprofessor Klaus Dieter Altmeppen zu den „neuen Akteuren“ im Mediensystem genauso wie Google und Facebook, die zu Meinungsführern werden, sich aber „den bestehenden Strukturen der Verantwortung mehr und mehr entziehen oder gar nicht erst stellen“. Das dürfe man nicht einfach hinnehmen, so Altmeppen und löste eine Debatte über Handlungsoptionen aus: „Eine Gemeinwohl orientierte globale Medienpolitik“ – „Diese Unternehmen nicht zu Medien erklären“ –„Produktverantwortung einfordern!“ – „Zentral ist der User. Es gibt keine Alternative zu Medienkompetenz und Bildung!“

Damit die Publikumsorientierung nicht nur Gewinninteressen geschuldet ist, sondern auch auf eine gesellschaftliche Selbstverständigung zielt, braucht es entsprechende Strukturen. In einer bunten Praktikerrunde wurden u.a. Möglichkeiten eines gemeinnützigen Journalismus ausgelotet, z.B. Bürger gründen einen Medienverein und finanzieren ihren Blog durch Spenden, die sie wiederum von der Steuer absetzen können. „Man muss sich auch ungewohntem Denken öffnen“ wurde das Podium in der Feedbackrunde zur Tagung kommentiert, die bei ihrem Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Praxis erstmals auf gleich starke Pfeiler setzte.

 

 

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