Journalistische Ausfälle

Amoklauf in Winnenden: Presserat sieht in 13 Fällen Kodex verletzt

Der Presserat hat auf seinen Beschwerdeausschuss-Sitzungen am 19. und 20. Mai 129 Beschwerden behandelt. 47 davon betrafen den Amoklauf von Winnenden. Insgesamt hatten sich 79 Leser dazu beschwert. Vor allem wegen Verletzungen der Persönlichkeitsrechte (Ziffer 8) sowie wegen unangemessener und sensationeller Berichterstattung (Ziffer 11) wurden 13 Verstöße gegen den Pressekodex geahndet. Auch beim „netzwerk recherche“ in Hamburg setzten sich die Journalisten mit dem Thema auseinander. In der Kritik stand vor allem die Bild-Zeitung.
Die journalistischen Ausfälle beispielhaft zusammen geschnitten in einem Beitrag des Medienmagazins ZAPP erschütterten zu Beginn der Debatte Anfang Juni in Hamburg (s.auch S.15) nochmals alle Anwesenden. An der Spitze die Bild-Zeitung, die den jugendlichen Täter in heroischer Pose mit gezogener Waffe in einem Kampfanzug (den er nachweislich nicht anhatte) ganzseitig darstellte. Zur Fotomontage die Überschrift: „Seid ihr immer noch nicht tot?“ und dazu eine mehrseitige Berichterstattung, mit einer Grafik, die die Tötung einer Lehrerin nachstellt. Bild und Bild-Online erhielten für diese unangemessene sensationelle Berichterstattung eine öffentliche Rüge. Weitere Fotos von Opfern und Betroffenen; identifizierbarer Jugendlicher, die trauern, wurden ebenso gerügt, da sie die Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten verletzen. Nikolaus Fest, stellvertretender Bild-Chefredakteur, ging bei der Netzwerk-Tagung in Abwehrhaltung. Er habe geglaubt, der Täter habe den Kampfanzug getragen. Miese Recherche oder sensationsgeile Absicht?
Von Einsicht war Fest offensichtlich weit entfernt. Ebensoweit wie von einer Entschuldigung gegenüber der Sprecherin des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden Gisela Mayer, die eine Tochter bei der Schießerei verlor. Dazu raffte sich immerhin „Brisant“-Redaktionsleiter Hans Müller-Jahns auf. Das Magazin des MDR hatte sich in seiner Berichterstattung auch nicht nur mit Ruhm bekleckert. Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo war sich am Ende der lebhaften Diskussion nicht mehr sicher, ob er künftig bei einem ähnlichen Ereignis noch einmal dafür plädieren würde, den Täter (obwohl in einem eher zurückhaltenden Porträt) auf dem Spiegel-Titel abzubilden.
Der Presserat hatte die Namensnennung des Amokschützen und die Abbildung des Fotos, wie es in vielen Medien vorkam, als zulässig erachtet. Er wurde durch seine „derart aufsehenerregende Tat zur Person der Zeitgeschichte“, hieß es in der Bewertung. Daher wiege das Interesse der Öffentlichkeit mehr als der besondere Schutz des Jugendlichen.
Gisela Mayer kritisierte vor allem die unsensible und reißerische Berichterstattung aus Winnenden kurz nach der Tat. Alle direkt von den schrecklichen Ereignissen Betroffene, besonders Kinder und Eltern, seien unter Schock stehend schutzlos gewesen. Das wurde von vielen Medien schamlos ausgenutzt. Die Opferfotos, wie beispielsweise auf dem Titelbild von Focus nur zwei Tage später, waren nicht autorisiert, mitunter über Websites oder auf anderen indirekten Wegen besorgt worden. Gleichwohl hat der Presserat diese Porträtfotos nicht beanstandet. Weder die unter besonderem Schutz stehende Jugendlichkeit der Opfer noch die Sorge um die Persönlichkeitsrechte oder auch der Zeitpunkt der Veröffentlichungen hatten offenbar genügend Gewicht. Dagegen wurde auf die „besonderen Begleitumstände der Tat“ abgestellt. „Der dezente Umgang in diesen Bildergalerien ohne sensationelle Aufmachung und unangemessene Formulierungen“, seien mit dem Pressekodex vereinbar, hieß es in einer Pressemitteilung.
Für Empörung in Hamburg sorgte eine 3D-Animation auf Bild-Online. Sie zeigte wie sich der Amoktäter durch die Schule bewegte und wen er dabei erschoss. „Presseethisch nicht vertretbar“, lautete hier auch das Urteil des Presserates. „Die Animation in Anlehnung an die so genannten Ego-Shooter-Spiele geht zu weit.“

nach oben

weiterlesen

Journalismus auf Reise durch die Schulen

Eine virtuelle „Deutschlandreise“ in mehreren Runden absolvierten die über 60 Diskutanten zur Bestandsaufnahme von „Journalismus macht Schule“: Journalist*innen, Lehrer*innen und Expert*innen für politische Bildung zogen Bilanz der großen Schulaktionswoche zum Tag der Pressefreiheit am 3. Mai 2021. Wie das Ziel, Medienkompetenz bei Jugendlichen zu fördern, auch künftig möglichst breit und dauerhaft erreicht werden könne, war das zweite lebhaft diskutierte Thema.
mehr »

Journalist*innen in Erbil festgehalten 

Mehrere Journalist*innen, die mit einer Delegation von Düsseldorf in den Irak unterwegs waren, wurden am 12. Juni in Erbil von irakischen Sicherheitsbehörden festgehalten. Die Deutsche Journalistinnen und Journalisten-Union (dju) in ver.di forderte eine umgehende Intervention durch deutsche Behörden. Nach jüngsten Informationen wurden die Journalist*innen, darunter vier dju-Mitglieder, am Folgetag zwar ausgeflogen, die Gewerkschaft sieht aber weiter Klärungsbedarf.
mehr »

Presserat: Rügen für „Bild“ und andere

Von insgesamt 17 Rügen, die der Deutsche Presserat auf seinen Sitzungen vom 8. bis 10. Juni aussprach, gingen sieben an „Bild“-Publikationen. Unter anderem betrafen sie die Verletzung des Opferschutzes sowie von Persönlichkeitsrechten, etwa bei Berichterstattung über über Kasia Lenhardt, die Ex-Partnerin von Jérôme Boateng. Andere Blätter erhielten Rügen wegen Clickbaiting und nicht eingehaltener Trennung von Werbung und Redaktion.
mehr »

Unglaubliche Umfragen und trickige Schlüsse

Podcasts boomen, zumindest in den Schlagzeilen. Tun sie das wirklich? Wo sind verlässliche Zahlen, die Podcasts mit anderer Mediennutzung vergleichbar machen? Es gibt sie kaum. Den Markt mit vielen Akteuren, Plattformen, Tools und Diensten zu messen ist schwierig, weil das im klassischen Verbreitungsweg technisch nicht vorgesehen ist. Daher wird der Erfolg von Podcasts gerne über Umfragen ermittelt. Anlässlich der Verleihung des Deutschen Podcast Preises nehmen wir eine solche Umfrage kritisch unter die Lupe.
mehr »