Kapitalist – ein Schimpfwort

Einmal das Wort „Kapitalist“ gegoogelt, so werden 1,4 Millionen Fundstellen angezeigt, die den Tatbestand der Beleidigung in sich tragen könnten. Zumindest wenn es nach den Befindlichkeiten der Hamburger Metallfirma „Ixion“ geht. Die fühlt sich schwer getroffen von einem Artikel, in dem sie vom deutschsprachigen Internetportal LabourNet als „Kapitalist“ bezeichnet wurde. Die verantwortliche Redakteurin Mag Wompel landete vor Gericht.

Im Frühjahr 2006 plant die Hamburger Firma, um eine angebliche Insolvenz abwenden zu müssen, die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich einzuführen, den Urlaub um eine Woche zu kürzen und das Urlaubs- und Weihnachtsgeld zu streichen. Einer der 180 „Ixion“-Beschäftigten schreibt anonym einen Bericht für LabourNet. Worte wie „Kapitalist“ und „Erpressung“ stehen in dem Text. Nichts Ungewöhnliches, denn das Internetmagazin versteht sich als eine Plattform der gewerkschaftlichen Linken und stellt sich im Untertitel als ein „Treffpunkt für Ungehorsame, mit und ohne Job, basisnah, gesellschaftskritisch“ vor.
Zu aufmüpfig auf jeden Fall in den Augen der hanseatischen Metallbauer, die eine Unterlassungsklage gegen LabourNet anstrengten. „Und gegen mich“, so die Bochumer Journalistin Mag Wompel, „wurde als verantwortliche Redakteurin Anzeige bei der Staatsanwaltschaft in Hamburg wegen Beleidigung und Verleumdung in einem besonders schweren Fall gestellt.“ Die Firma wolle nicht als „Kapitalist“ bezeichnet werden, da „sie meint, dass diese Bezeichnung im Volksmund einen negativen Klang hätte.“ Das Hamburger Landgericht will nun am 13. Juni eine Entscheidung verkünden.
Schon einmal hatte LabourNet Ärger mit der Staatsgewalt. Im Juli 2005 taucht auf einem Flugblatt, einem gefälschten Schreiben der Arbeitsagentur Bochum, ein „Link“ ohne deren Wissen zu der Netzzeitung auf. Mit richterlicher Genehmigung werden daraufhin Redaktion und die Privatwohnungen von Mag Wompel und eines weiteren Redakteurs durchsucht. Beschlagnahmt werden sämtliche Computer, CD-ROMs und Disketten. Das Landgericht Bochum stellt später die Unrechtmäßigkeit der Durchsuchung fest.

 

Weitere aktuelle Beiträge

Hartes Brot: Freie im Journalismus

Freie Journalist*innen oder Redakteur*innen haben es häufig nicht leicht: Sie werden oft schlecht bezahlt, nicht auf Augenhöhe behandelt, Mails und Anrufe werden zuweilen ignoriert, sie warten auf Rückmeldungen zu Themenangeboten, Redaktionen sind in manchen Fällen für sie nicht zu erreichen. So geht es vielen Freien, egal, welches Medium.
mehr »

Smart-Genossenschaft für Selbstständige

Smart klingt nicht nur schlau, sondern ist es auch. Die solidarökonomische Genossenschaft mit Sitz in Berlin hat seit ihrer Gründung im Jahr 2015 vielen selbstständig Tätigen eine bessere und stärkere soziale Absicherung verschafft – genau der Bereich, der bei aller Flexibilität und Selbstbestimmtheit, die das selbstständige Arbeiten mit sich bringt, viel zu oft hinten runterfällt.
mehr »

Medienkompetenz: Von Finnland lernen

Finnland ist besonders gut darin, seine Bevölkerung gegen Desinformation und Fake News zu wappnen. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Schulen, aber die Strategie des Landes geht weit über den Unterricht hinaus. Denn Medienbildung ist in Finnland eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die auf vielen Ebenen in den Alltag integriert ist und alle Altersgruppen anspricht. Politiker*innen in Deutschland fordern, sich daran ein Beispiel zu nehmen. Kann das gelingen?
mehr »

Beim Tatort selbst ermitteln

Ein Zocker sei er nicht. So sagte es Kai Gniffke, Intendant des Südwestrundfunks (SWR), als er im August vorigen Jahres auf der Gamescom in Köln zu Gast war. Am ARD-Stand hat sich der damalige Vorsitzende des Senderverbunds dennoch zum Zocken eingefunden, zu sehen auch im Stream auf der Gaming-Plattform Twitch. Erstmals hatte die ARD einen eigenen Auftritt auf der weltweit größten Messe für Computer- und Videospiele – ein deutliches Signal, dass die ARD auch auf Games setzt. Und das hat maßgeblich mit dem SWR zu tun.
mehr »