Prekäre Beschäftigung in Medien nimmt zu

Bild: Hermann Haubrich

Nachrichtenmedien bleiben auch im Zeitalter von Digitalisierung und Internet unverzichtbar. Sie werden vor dem Hintergrund von Fake News und Manipulation für demokratische Länder sogar immer wichtiger. Zugleich nehmen prekäre Beschäftigungsverhältnisse überall zu. Das geht aus den nun veröffentlichten Ergebnissen des Forschungsprojektes „Media for Democracy Monitor 2021 (MDM)“ hervor. Die Studie signalisiert zudem Handlungsbedarf bei der Gleichstellung der Geschlechter, nicht zuletzt in Deutschland.

Der „Media for Democracy Monitor (MDM)“ untersucht die Rolle von Medien im Zeitalter der Digitalisierung. In den Kategorien Freiheit, Gleichheit und Wächterrolle von Medien betrachtet das Forschungsprojekt Nachrichtenmedien in 18 Ländern weltweit. Die aktuelle Studie wurde auf Initiative der „Euromedia Research Group“ von verschiedenen Länderteams unter der Leitung von Josef Trappel von der Universität Salzburg durchgeführt

„Die führenden Nachrichtenmedien bewahren auch im Zeitalter der digitalen Zerstreuung ihre zentrale Bedeutung für die Demokratie. Aber sie sind angeschlagen: Die Medienkonzentration setzt ihrer Leistungsfähigkeit ebenso zu wie die ökonomische Unsicherheit, die sich in prekären Beschäftigungsverhältnissen niederschlägt. Dringender Handlungsbedarf besteht bei der Gleichstellung der Geschlechter: Im Unternehmen, vor allem aber in der Berichterstattung“, fasste Trappel die Ergebnisse der Studie zusammen.

Insbesondere bei der Repräsentation der Geschlechter in Nachrichtenmedien sehen die Forscher*innen Probleme. Kein einziges Land habe in dieser Kategorie die bestmögliche Bewertung erreicht. In allen untersuchten Ländern kommen Männer häufiger in der Berichterstattung vor, werden als Experten gegenüber Frauen bevorzugt. Weiterhin signifikant sei die Dominanz von Männern auf der Führungsebene der Medienunternehmen.

Positiv bewerten die Forscher*innen, dass investigativer Journalismus überall als Teil des journalistischen Selbstverständnisses wahrgenommen werde. In manchen Ländern (Belgien, Chile, Griechenland, Korea) stehen dafür allerdings nur unzureichende finanzielle und personelle Kapazitäten zur Verfügung. Laut Untersuchung müssen Journalist*innen in allen Ländern damit rechnen, ihren Job während ihres Arbeitslebens unfreiwillig zu wechseln oder zu verlieren. Temporäre oder sogenannte freie Beschäftigung nimmt zu.

Die Bewertung der deutschen Nachrichtenmedien liegt im Mittelfeld der untersuchten Länder. In fast allen untersuchten Bereichen bescheinigen die Forscher*innen Deutschland gute Noten. Was die demokratischen Strukturen in den Redaktionen angeht, sieht es allerdings mangelhaft aus. Stark ausgeprägte Hierarchien verhinderten ein Mitspracherecht und die Mitbestimmung von Journalist*innen bei inhaltlichen Themen sowie bei wichtigen Personalentscheidungen.

Auch im Bereich Geschlechtergerechtigkeit liege Deutschland ganz hinten. Das sei zum einen der Situation in den Redaktionen geschuldet, wo Frauen in Führungspositionen unterrepräsentiert seien. Zum anderen gelte aber auch hierzulande, dass Frauen als Interviewpartnerinnen oder Expertinnen deutlich seltener zu finden seien als Männer. Bei der Repräsentation von ethnischen Minderheiten und Migrant*innen sehe es noch schlechter aus. Nationale rechtliche Rahmenbedingungen bezüglich der Gleichstellung der Geschlechter und relevanter Medieninhalte gebe es nicht, bemängelten die Forscher*innen.

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