Spannung, Verwunderung und eine ganz eigene Poesie

Der weibliche Blick auf die Welt zum 11. Internationalen Frauenfilmfest „Feminale“ in Köln

„Es betrübt mich, dass so wenige Frauen filmen.“, sagte einmal die 1961 verstorbene Maya Deren, die als Mutter des amerikanischen Avantgardefilms sowie als bedeutendes Vorbild des feministischen Films gilt. Heute dominieren immer noch die Männer im Filmgeschäft, wenn auch die Zahl der Regisseurinnen, Kamerafrauen und Produzentinnen in den letzten Jahren stetig zunimmt.

Einen Überblick über das weibliche Filmschaffen gab die 11. Feminale, die vom 2. bis 6. Oktober in Köln stattfand. Seit 1984 präsentiert sich das internationale Frauenfilm-Festival alle zwei Jahre und hat sich zum zweitgrößten Frauenfilm-Festival der Welt gemausert. Die Feminale gilt als international renommiertes Forum für Regisseurinnen, Fachpublikum und Filmliebhaber und steht für kontroversen Frauenfilm.

24 Länder vertreten

In ihrem Angebot aus rund 120 Film- und Videoproduktionen von Regisseurinnen aus 24 verschiedenen Ländern, bot sie ein kontrastreiches Programm. Die kurzen und langen Spiel-, Dokumentar-, Animations- und Experimentalfilme wurden in einem Gerüst aus Länderprogrammen, filmhistorischen Specials, internationalen Erstaufführungen, Filmen zur Globalisierung sowie einem Quer-Programm (dem Genre des Lesben- und Transgenderfilms) thematisch sortiert und gebündelt. Daneben gab es filmwissenschaftliche Vorträge, Diskussionen, Gespräche und mit Girls Focus ein Programm von und für Mädchen.

Frauen filmen anders!

Der weibliche Blick auf die Welt stellt sich oft anders dar als der in den Medien vorherrschende Blick aus der Männerperspektive. Das bewies auch die diesjährige Feminale. Frauen erzählen anders, interpretieren gesellschaftliche Gegebenheiten anders, Frauen filmen anders. Zu den Highlight des Festivals gehörten die beiden Specials „Maya Deren“ und „Working Single Girls“ sowie das Portrait der Afrobritin Ngozi Onwurah.

Ngozi Onwurah besitzt wie die legendäre Maya Deren die Fähigkeit, Träume und Innenwelten auf Celuloid zu bringen. Nur sehen Onwurahs Welten anders aus. Die aus Nigeria stammende Tochter einer weißen irischen Mutter und eines schwarzen Vaters, floh mit ihrer Familie während des Biafra-Krieges nach England.

Ihre Erfahrungen mit den verächtlichen und befremdlichen Blicken und Reaktionen der anderen verarbeitet Onwurah in ihren Filmen mit einer großen Portion Verzweiflung, Wut, Hass und allenfalls trockener Ironie. Ihr Repertoire an Bildern ist dabei groß. Mit ihrem Spielfilm „Welcome to the Terrordome“ erhitzte die Filmemacherin Mitte der 90er Jahre mit drastischen Gewaltszenen die Gemüter ihrer Zuschauer. Onwurahs Filmästhetik ist weniger glatt als experimentell, manchmal mit dem Charme von B-Movies.

„Wenn ich eine Kamera in der Hand halte, fühlte ich mich zuhause“, sagt Maya Deren (1917-1961) in einem ihrer alten Filme, die im Rahmen des Maya Deren Specials gezeigt wurden. „Sie übersetzt alle meine Träume in eine andere Sprache.“ Mit ihren revolutionären Ideen und Filmen ist die unermüdliche Regisseurin, Autorin, Ethnologin, Tänzerin und Voodoo-Priesterin filmgeschichtlich keine Unbekannte.

Maya Deren betrachtete das Filmemachen als Arbeit mit der Zeit. Frauen hätten ein viel stärkeres Gefühl für das Werden, meinte die Künstlerin. Sie interessiere nicht so sehr das Jetzt sondern das, was entsteht. Männer dagegen seien Kreaturen des Jetzt. Im Rahmen des Maya Deren Specials – das viele in Europa nie gesehene Werke zeigte – stellte die österreichische Regisseurin Martina Kudlácek ihren Dokumentarfilm „In the mirror of Maya Deren“ vor.

Kudlácek geht behutsam mit der schillernden Persönlichkeit der russischen Emigrantentochter um. Mit Hilfe umfangreicher Recherchen zeichnet sie ihr Leben und Schaffen sorgfältig nach. Dazu lässt sie Menschen zu Wort kommen, die mit Deren gelebt und gearbeitet haben und knüpft mit ihnen eine Verbindung zum Heute. Stilistisch hält sich Kudlácek mit Respekt zurück. Mit etwas mehr Mut hätte sie der Göttin der Avantgarde womöglich noch näher kommen können.

Äußerst erfrischend zeigte sich das gutbesuchte Festival-Special „Working Single Girls“. Die Popularität der TV-Heldin Ally McBeal nahmen die Festival-Macherinnen zum Anlass, sich diesem Thema zu widmen. Auch wenn die New Yorker Anwältin mit ihrer Schusseligkeit und dem Beschütz-mich-Blick so gar nicht dem feministischen Ideal moderner Frauen entspricht.

Alleinstehende, berufstätige Frauen gab es immer schon im Film. So zeigte die Feminale drei Beispiele dieses Subgenres, alle mit dem Titel „Working Girls“. Den Anfang machte als deutsche Premiere die cineastische Rarität „Working Girls“ von Dorothy Arzner aus dem Jahre 1931. Abgerundet wurde das Special mit der Premiere von zwei brandneuen Folgen der 5. Staffel der amerikanischen TV-Serie „Ally McBeal“ sowie einem Vortrag.

Weltweit ähnliche Probleme

Interessant ist, wie sehr sich die Probleme der Frauen auf der Welt im Kontext des Festivals ähneln. Die Suche nach Identität, einem besseren Leben und nach mehr Gleichberechtigung beschäftigte nahezu alle Rubriken. Hier standen neben der Frage nach dem „wahren“ Geschlecht, Themen wie Islam, Arbeitsbedingungen oder Umweltzerstörung auf dem Programm. Neben dem ersten lesbischen Paar des chinesischen Kinos in „Fish and Elephant“ gab es die eindringliche Verfilmung psychotherapeutischer Gruppensitzungen in „Group“ oder bizarre Transgender-Komödien wie „By Hook or By Coook“.

Was wäre ein Festival ohne Preise? Der Debütpreis wurde aus sieben internationalen Spielfilmen der Reihe Horizonte ermittelt und ging an „Take care of my cat“ der Koreanerin Jeong Jae-Eun. Ihr Erstlingsfilm zeigt die ersten Schritte von fünf jungen Frauen aus dem Schülerdasein in die Erwachsenenwelt. Mit seiner guten Beobachtung, einem bemerkenswerten Soundtrack und künstlerisch erfindungsreich, wirkt dieses Gruppenportrait auf sensible Weise erfrischend authentisch.

Weder Stars noch Sternchen

Der in der Sektion Zeit Lupe ausgeschriebene Publikumspreis ging an Marie France Collard aus Belgien. In ihrem Film „Levis – Arbeiterinnen dieser Welt“ zeigt sie Arbeiterinnen nach der Schließung von vier Werken, deren Produktion in Billiglohnländer verlegt wurde.

Die Feminale ist keine glamouröse Veranstaltung, die Stars und Sternchen des etablierten Filmgeschäfts auf roten Velourläufern präsentiert. Mögen es manche für unwirtschaftlich und überholt halten: Die 11. Feminale hielt an ihren Idealen fest; an der Kritik der Verhältnisse sowie dem Wunsch, Filmkultur anzuschieben – sei es inhaltlich oder formal. Und so blieb sie auch in diesem Jahr ihrem Motto treu, in der Verbindung „großer“ und „kleiner“ Namen für Spannung, Verwunderung und eine ganz eigene Poesie zu sorgen.

Die Idee der Filmstiftung NRW die „femme totale“ in Dortmund und die „Feminale“ in Köln zusammenzulegen, stößt bei den Filmfrauen auf keine große Begeisterung. In einer filmpolitischen Diskussion wurden Befürchtungen laut, dass die angeblich effizientere Zusammenlegung der beiden Frauenfilmfestivals mit ihren spezifischen Ausrichtungen nur zu Profilverlust sowie den Zusammenbruch der den Festivals angesiedelten Netzwerke führe.

 

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