TV-Politmagazine: Mit Einordnen und Reibung

Anja Reschke moderiert seit 2001 das Magazin Panorama im Ersten.
Foto: NDR/Thomas Pritschet

„Kontrolle der Mächtigen“ ist weiter Leitmotiv von Politmagazinen, doch sonst hat sich einiges geändert: Das Publikum will nicht, dass Moderator_innen wie „Graf Koks“ auftreten. Lobbyisten, die über Gremien Druck ausüben, kommen jetzt eher aus der Wirtschaft als der Politik. Auf der Jahreskonferenz des Netzwerks Recherche sprachen Anja Reschke (Panorama) und Ilka Brecht (Frontal 21) über „Wundertüten“-Journalismus, Quote und Relevanz.

„Wer ärgert sich noch über politische Magazine“, fragt der Hamburger Autor Tom Schimmeck die beiden prominenten Moderatorinnen. „Ganz schön viele Leute, manche sogar schon, wenn ein Thema im Netz angekündigt ist“, antwortet Anja Reschke, seit 2001 das Gesicht des ARD-Magazins Panorama und seit 2015 Leiterin Innenpolitik beim NDR. Ihre ZDF-Kollegin Ilka Brecht, die Frontal 21 seit 2014 moderiert und ein Jahr später Redaktionsleiterin wurde, benennt die Kritiker_innen: „Politiker, Versicherungskonzerne. Die wenden sich dann mit anwaltschaftlichen Schreiben an die Gremien. Und das ist wunderbar, denn Konfrontation ist unser Daseinszweck!“

„Wir haben die Verpflichtung zu informieren und aufzuklären,“ beschreibt Brecht ihr journalistisches Selbstverständnis. Hintergrund und Einordnung zu bieten, sei „verdammt wichtig“ und werde wieder erfolgreich, wie die New York Times mit ihrem Faktencheck der Trump-Tweets zeige. Es gelte, glaubhaft zu vermitteln, dass dem Beitrag „eine ergebnisoffene Recherche“ zugrunde liegt: „Wir müssen erklären, was wir wie machen.“

Kein einseitiger „Dicke-Hosen-Journalismus“

Reschke, die 2011 mit ihrem Buch „Die Unbequemen: Wie Panorama die Republik verändert hat“, die 50jährige Geschichte des Magazins aufrollte, meint, „der einseitige Dicke-Hosen-Journalismus“ habe sich verändert. Brecht pflichtet ihr bei: „Durch das Publikum „haben wir gelernt, dass wir nicht auftreten dürfen wie Graf Koks.“ Beide bedauern, dass „die Welt durch Trump wieder eine andere geworden“ und Macho-Gehabe in ist: „Wenn ich sage ‚Sie sind ein Schwein‘, bekomme ich mehr Aufmerksamkeit, als wenn ich eine kritische Frage stelle. Den Trumps wird gefolgt.“

Auf Schimmeks Frage, ob der Kampf um Aufmerksamkeit härter geworden sei, antwortet Brecht, sie sehe das „auch als Chance, weg zu kommen von der Dominanz der Quote vor Relevanz, die immer mehr „Verbraucher affine Themen ins Programm spülte“ und wieder eine „gesunde Mischung“ zu haben, die mehr politische Stoffe ermögliche. Reschke erklärt, die Redaktion entscheide, was sie relevant finde, etwa die Cum-Ex-Geschäfte der Steuerräuber – und da habe auch die Quote funktioniert! Das zeige ein „Bedürfnis nach Einordnung und Reibung“ und sei eine Chance für den gesellschaftlichen Diskurs.

Magazin-Wundertüte ist nicht mehr zeitgemäß

Das Magazin-Format als „Wundertüte“ mit vielen Themen entspreche nicht mehr dem individualisierten Nutzerverhalten, d. h. der gezielten Suche nach bestimmten Informationen. Brecht: „Leute, die das Überraschungspaket genießen, sterben aus.“ Reschke: „Wir müssen zu den Themen, die gerade interessieren, andere, neue Aspekte liefern.“

Zum Stellenwert der Magazine in den Sendeanstalten meint Reschke: „Politische Magazine verkörpern den Urprogrammauftrag der Öffentlich-Rechtlichen und werden in allen Reden gelobt. Der NDR steht total hinter uns, in der Gesamt-ARD sieht das anders aus.“ Da werde das Magazin auch schon mal wegen einer anderen Sendung verschoben, wie jüngst wegen der Übertragung eines Konzerts von Helene Fischer. Auch Frontal 21 müsse so mancher Fußballübertragung oder Karnevalssendung weichen, sagte Brecht. Und da ihr Büro in Berlin sei, „erreichen mich selten Liebesbriefe vom Lerchenberg“ in Mainz. Insgesamt fühle sich die Redaktion aber wertgeschätzt, zumal das Magazin Dienstagabend zeitgleich mit einer ARD-Unterhaltungsserie ausgestrahlt wird. Nicht beliebt sei Frontal 21,,aber in den Gremien – je nachdem, welche Lobby sich gerade angriffen fühlt.“ Und das seien mittlerweile weniger Politiker, als vielmehr große Konzerne und Wirtschaftsverbände.

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