Beruf Hashtaghüterin: Christina Quast

Twittern live und vielerorts

Von der klassischen Journalistin mit abgeschlossenem Journalistikstu­dium an der TU Dortmund zur Twitter-Managerin, die für ihre Kunden nicht nur Veranstaltungen auf Twitter begleitet, sondern auch Twitter-Accounts aufbaut und in Vorträgen, Seminaren und Blogartikeln Journalist_innen das Medium Twitter näherbringt. Das ist der Werdegang von Christina Quast, die sich in ihrem Twitter-Profil selbst mit „freiberuflich als #Hashtaghüterin” beschreibt. Diesen Begriff hat die Teilnehmerin einer Veranstaltung ihr einst auf Twitter verpasst und weil er so treffend ihre Arbeit, nämlich das Überwachen von Hashtags, beschrieb, hat Quast die Kollegin gebeten, ihn als Berufsbezeichnung nutzen zu dürfen und ihn seitdem zu ihrem Label gemacht.

Hashtaghüterin Christina Quast Foto: Georg Jorczyk
Hashtaghüterin Christina Quast
Foto: Georg Jorczyk

Von Beginn an war Quast freiberuflich tätig, zunächst als Journalistin unter anderem für die dpa, den WDR oder das Grimme-Institut. Unter den sozialen Medien war Twitter schon immer ihr bevorzugtes Netzwerk, auch privat. Ihren ersten Account richtete sie 2009 ein, noch bevor sie sich ein Facebook-Profil zulegte. Im Gegensatz zum geschlossenen und stark gefilterten Facebook schätze sie an Twitter vor allem, dass es öffentlich und live ist. Auch, wenn die Meldungen dort natürlich nicht verifiziert seien, habe Twitter viele Eigenschaften einer Nachrichtenagentur und eigne sich daher be­sonders als ergänzendes Medium für die journalistische Berichterstattung. Unter ihren Journalistenkolleg_innen war Quast zunächst jedoch die einzige, die Twitter nutzte: „Und dann kam es irgendwann so, dass bei Veranstaltungen oder in den Redaktionen Twitter immer an mir hängen­geblieben ist. Da hieß es dann immer: Du twitterst doch”, sagt sie, „und ich hab es dann gemacht, weil ich immer diejenige war, die schon getwittert hat.” Als sich die Anfragen für die Live-Begleitung von Veranstaltungen dann häuften, entstand schnell die Idee, daraus ein geschäftliches Angebot zu machen und freiberuflich von Veranstaltungen und Konferenzen zu twittern. So ist kurze Zeit später aus der Journalistin Christina Quast die Hashtag­hüterin Christina Quast geworden.

Heute twittert die Hashtaghüterin schwerpunktmäßig auf Veranstaltungen und Konferenzen, hauptsächlich im Bereich Kultur und Medien, manchmal von Sportevents wie etwa den Kanu-Weltmeisterschaften. Für eine Handvoll von Verbänden und Institutionen managt Quast daneben auch deren Twitter-Accounts, schreibt für das Grimme-Institut Texte zum Thema digitale Gesellschaft, gibt Seminare an Medien- und Kulturinstitutionen und erklärt Journalist_innen in Vorträgen das Recherche-Medium Twitter. Doch ihr Beruf als Hashtaghüterin hat sie mittlerweile auch wieder zurück zum Printjournalismus geführt, zurück zu ihren Anfängen also. Seit Anfang des Jahres schreibt Quast zusammen mit einem Kollegen die Internetwerkstatt für die „drehscheibe”, ein Magazin für Lokaljournalisten, das von der Bundeszentrale für politische Bildung in Zusammenarbeit mit dem Projektteam Lokaljournalisten (PLJ) herausgegeben wird.

Ihr Eindruck ist, dass Twitter mittlerweile auch im Journalismus hierzulande angekommen ist. Viele große Redaktionen haben professionelle Social-Media-Teams aufgebaut und die Twitterei ist längst nicht mehr nur eine Nebenbeschäftigung, die etwa auf den Praktikanten abgewälzt wird. Mit den Standards in England oder den USA aber, wo der Umgang mit Twitter längst zum journalistischen Handwerkszeug gehört, könne man dennoch nicht mithalten und gerade bei freien Journalist_innen oder in kleineren Lokalredaktionen gebe es oft noch erheblichen Nachholbedarf, was die Einbindung von Twitter in Berichterstattung und Recherche angehe.

Dabei lohne es sich für Journalist_innen auch jetzt noch, sich mit Twitter intensiver auseinanderzusetzen. Denn, so prognostiziert Quast, im Moment sehe es nicht so aus, als würde Twitter mittelfristig als Nachrichtenmedium an Relevanz einbüßen. Zwar könne etwa Snapchat als journalistisches Verbreitungsmedium an Bedeutung gewinnen, aufgrund seines nicht-öffentlichen und ephemeren Charakters werde es Twitter als Recherche-Medium wohl aber nie ersetzen können.

 

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Eintracht bei der VG Wort

Wer Mitgliederversammlungen (MV) der Verwertungsgesellschaft VG Wort schon länger verfolgt, musste sich fast die Augen reiben: Bei der jüngsten MV war kein Streit zwischen oder gar unter einzelnen Berufsgruppen zu vermelden. Und bei allen Abstimmungen – deren waren es sehr viele! – wurde kein einziger Vorschlag abgelehnt.
mehr »

Recherche wird zur Superkraft

Recherche-Koryphäen wie Thomas Leif und Hans Leyendecker machten das Netzwerk Recherche groß. Kollegialer Austausch und Kooperation ermöglichen den mittlerweile rund 1300 Mitgliedern auch bei starken Windböen von rechts, weiterhin harte Fakten für die gemeinsame Wirklichkeitsdeutung zu recherchieren, die lebenswichtig für eine Demokratie sind. Diese selbstbewusste Haltung prägte die Jahrestagung „Superkraft Recherche“ zum 25. Geburtstag der Journalist*innenvereinigung.
mehr »

dju legt 5 Punkte für KI-Einsatz vor

Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di warnt Verlage und Medienunternehmen davor, Künstliche Intelligenz ohne verbindliche Regeln einzusetzen. Immer mehr Redaktionen setzen generative KI im Arbeitsalltag ein, dennoch fehlen vielerorts verbindliche Vereinbarungen. Die dju nennt deshalb fünf Punkte für einen verantwortungsvollen Umgang mit Künstlicher Intelligenz im Journalismus.
mehr »

Vorsichtige Rückkehr nach Ecuador

Leonardo Gómez Ponce hat ein halbes Jahr in Berlin mit einem Stipendium von Reporter ohne Grenzen verbracht. Dort hat er gelernt sich digital besser zu schützen. Zurück in Ecuadors Hauptstadt agiert der 41-jährige investigative Journalist vorsichtig, suggeriert in den sozialen Medien, dass er weiterhin im Ausland sei. Das schützt ihn bei der Recherche und in den sozialen Netzen.
mehr »