Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben

Charlotte Wiedemann kritisiert die hiesige Auslandsberichterstattung

Welche Wirklichkeit präsentieren Auslandsreporter? Die Autorin Charlotte Wiedemann hält in ihrem neuen Buch inne und versucht, das schnelle Medienkarussell kurz zu stoppen, um es unter die Lupe zu nehmen.

Charlotte Wiedemann: Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben. PapyRossa Verlag

Charlotte Wiedemann: Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben. PapyRossa Verlag
Charlotte Wiedemann: Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben. PapyRossa Verlag

Sie öffnet ihre Werkstatt und gibt den Blick frei auf ihre Recherchereisen, ihre Arbeitsweise und die Kommunikation mit den Redaktionen in Deutschland. Ihre Arbeit hat sie in 26 außereuropäische Länder und zu der Frage geführt, wie sich die Medien aus der Enge des eurozentristischen Blicks befreien können.

Kein Text über den Jemen ohne das Stichwort Al-Kaida, keine Reportage über den Iran ohne das Thema Atomprogramm: Charlotte Wiedemann hat für die Wochenzeitung Die Zeit im Jemen recherchiert. Im Fokus ihres Artikels standen die gewaltfreien Proteste der Jugend und der Frauen gegen die Straffreiheit des ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Salih. Das Terrornetzwerk Al-Kaida spielte dabei keine Rolle. Nichtsdestotrotz sollte es nach dem Willen der Redaktion unbedingt erwähnt werden.
In ihrem Buch „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben“ kritisiert Wiedemann die immer gleichen Stichworte in der Auslandsberichterstattung. Gleichwohl betont sie, dass sie mit ihrem Anliegen keineswegs Auslandsreporter pauschal abwerten wolle. Viele von ihnen leisteten hervorragende Arbeit. Bei Auslands-Produktionen sei es kaum mehr vorgesehen, dass neue Erkenntnisse entstehen können, weil ausgefeilte Drehbücher vorgelegt werden müssten oder die Reportage so lange auf Konferenzen durchgesprochen werde, dass der Eindruck aufkommen könne, „die Recherche vor Ort solle nur die Farbe liefern, wie das kindliche Buntschraffieren der vorgegebenen Umrisse“, schreibt sie in ihrem Buch.
Engstirnige Menschenbilder und das vorgefertigte Wissen der Redakteure führten zu einer Nachrichtenauswahl, die diese Trugbilder erzeuge. Damit meint Wiedemann nicht nur die Zerrbilder, denen der Aktualitätsdruck oder „groß angelegte Täuschungsmanöver“ zu Grunde lägen, wie etwa die Berichterstattung kurz vor dem Militärangriff 2003 über den angeblichen Besitz von Massenvernichtungswaffen des Irak. Trugbilder entstünden auch, wenn Journalisten ihre eigene Prägung nicht ausreichend reflektierten. So lägen die Kriterien dafür, was ein gutes Thema sei, im Auge des Betrachters zu Hause: Wenn alle muslimischen Frauen für unterdrückt gehalten werden, sei ein emanzipiertes Mädchen eine „Geschichte“.
Das Buch berührt zahlreiche Problemlagen, angefangen von der Verfasstheit deutscher Redaktionsstuben, den Recherchebedingungen vor Ort, der Rolle der Medien im Krieg, bis zur Frage, wann Selbstzensur geübt wird und wann sie vielleicht auch sinnvoll sein kann, bis hin zum Tricksen für schöne Stories, der Gewalttätigkeit rassistischer Darstellungen und den Folgen falscher Behauptungen für einzelne betroffene Menschen.

Irrtümer

Neu ist die Kritik an der hiesigen Auslandsberichterstattung nicht. Das Besondere an Wiedemanns Streitschrift für die Medienzunft und ihre Konsumenten ist aber, dass es ein sehr persönliches und auch ein sehr mutiges Buch ist. Sie lässt uns an ihren Irrtümern teilhaben und sie verdeutlicht mit zahlreichen Beispielen aus der Praxis den engen Blick der Branche – und damit auch den ihrer Auftraggeber.
Besonders anschaulich ist das Kapitel „Verschwiegene Helfer“. Darin beschreibt sie die Zusammenarbeit mit Frauen und Männern, die ihr viele Türen öffnen, Treffpunkte fixen, die dolmetschen und den Geländewagen fahren. Solche Assistenten blieben in den Reportagen oft unerwähnt. Dabei ermöglichten gerade sie die Produkte, die dann als deutscher Journalismus wahrgenommen würden, so Wiedemann. Gleichzeitig irritiert das Kapitel, weil sie die Helfer fast ausnahmslos mit Vornamen präsentiert – ohne zu erklären, warum. Stiftungsmitarbeiter, Wissenschaftler und Journalisten dagegen stellt sie stets mit vollem Namen vor. Obwohl jenes Kapitel gerade das Gegenteil beabsichtigt, erinnert es doch an die geringe Wertschätzung, die sich auch in anderen Kontexten im deutschen Journalismus zeigt, etwa wenn ein Restaurantbesitzer aus der Türkei lediglich mit seinem Vornamen vorgestellt wird.
Wo mit der Veränderung beginnen? Ein großes Gewicht, vielleicht ein zu großes, gibt Wiedemann den einzelnen Journalisten: „Herdenverhalten ist kein Naturgesetz, zumal nicht im schreibenden Journalismus, wo individuelle Handschrift und intellektueller Eigensinn am ehesten möglich sind“. Eine Verunsicherung des weißen Blicks auf die Welt – das müsse man wollen, sie lasse sich nicht erzwingen. „Nicht weiß schreiben“, das könne allerdings immer nur ein Versuch sein, da die Prägung des vermeintlich neutralen Grundtons so stark sei. Wiedemann plädiert für einen Journalismus des Respekts, der nicht zahnlos sein solle, der aber ein Bewusstsein für seine Begrenztheit haben müsse.

 

Charlotte Wiedemann:
Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben.
Oder: Wie Journalismus unser Weltbild prägt.

PapyRossa Verlag,
Köln 2012.
185 Seiten. 12,90 Euro

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