Wirtschaftsprofis auf der Fahndungsliste

Chancen für Wirtschaftsjournalisten auf dem Arbeitsmarkt

Der Gründungseifer der Wirtschaftspresse hat die Nachfrage nach qualifizierten Redakteuren hoch getrieben. Eine ganz neue Situation ist entstanden: Verlage müssen um das schreibende Personal werben.

Für Unternehmen der Informationstechnologie oder ingenieurlastige Branchen ist der Mangel an Fachkräften nichts Unbekanntes. Doch in der Journalistenzunft lief das Angebot-Nachfrage-Modell fast immer in eine Einbahnstraße: Viele Bewerber, wenige Stellen. Zwar gab es schon früher Spezialgebiete, für die geeignetes Personal schnell knapp wurde. Aber der Run auf Wirtschaftsredakteure ist in diesem Ausmaß neu. Die Verlage entdecken erstaunt, dass Personalbeschaffung ein ernstes Thema und ein gar nicht so leicht zu lösendes Problem für sie geworden ist. Denn der Gründungseifer der Wirtschaftsblätter hat die alten Zustände auf den Kopf gestellt. Es entstehen immer mehr Titel, also werden die Redakteure knapp.

30-40 Prozent mehr Stellen

Das führt bisweilen zu ungewöhnlichen Situationen. So zog mitten im Vorstellungsgespräch bei einem angesehenen deutschen Verlag der Kandidat für eine Redakteursstelle, etwa Mitte 20 und noch ohne große Berufserfahrung, plötzlich das Vertragsangebot eines anderen Medienunternehmens hervor. „Können Sie mehr bieten?“, hörte der Chefredakteur sein Gegenüber sagen. Das Gespräch fand ein schnelles Ende.

Wer Ökonomie von Ökologie und Umsatz von Gewinn unterscheiden kann, hat derzeit beste Aussichten auf einen gut dotierten Job. Andrew Gowers, Chefredakteur der voraussichtlich Ende Februar startenden „Financial Times Deutschland“, hat die Jagd nach Journalisten eröffnet. Der Engländer begann vor mehr als einem Jahr damit, Leute für seine 120köpfige Redaktion zu rekrutieren. Dann kamen „Telebörse“, „Focus Money“, „Net Business“ und einige kleinere Magazine sowie der neue TV-Nachrichtensender N 24 hinzu. Etablierte Titel wie „Handelsblatt“, „Börse Online“ und „Capital“ bauten ihre Redaktionen aus. Mehr als 300 Stellen wurden auf diese Weise neu geschaffen.

Schon in den vergangenen zwei Jahren war eine stetig steigende Nachfrage nach Redakteuren mit fundierten Kenntnissen in Bilanzen, Börsen und Business festzustellen. Blätter wie „Euro am Sonntag“, „Bizz“, „Geld-Idee“ sowie die mittlerweile eingestellten „Plus“ und „Euro Wirtschaftsmagazin“ haben Journalisten in großer Zahl angezogen. Christian Löcker von der GK Unternehmens- und Personalberatung schätzt das Stellenplus für Wirtschaftsjournalisten auf 30 bis 40 Prozent gegenüber den Jahren zuvor. „Neben den neuen Blättern darf man die bestehenden Magazine und Tageszeitungen nicht vergessen, die ihre Wirtschaftsberichterstattung ausbauen. Das schafft zusätzlichen Bedarf.“ Folge: Der Markt ist abgegrast.

Also wildern die Verlage im Revier des Nachbarn. Journalisten wechseln die Redaktionen wie Fußballer die Vereine. Bei der „Wirtschaftswoche“ zum Beispiel bekam Chefredakteuer Stefan Baron vor einigen Monaten gleich ein halbes Dutzend Kündigungen auf den Tisch. Seine Leute waren den Lockrufen von „Focus Money“ gefolgt. Was Baron zu der Bemerkung verleitete, das Burda-Blatt zahle „Freudenhauspreise“. Nach außen spielte er den Verlust seiner Stammkräfte herunter. „Die ,Wirtschaftswoche‘ ist eine erstklassige Adresse. Sie hat daher keine Probleme, gute Redakteure zu bekommen. Die Finanzjournalisten, die uns Richtung München verlassen, haben wir trotz der bekannt angespannten Lage auf dem Markt in kurzer Zeit gleichwertig ersetzt.“

Über persönliche Kontakte…

Beim Abwerben von Wirtschaftsredakteuren vertrauten die Verlage häufig auf die bislang funktionierenden Mechanismen der Flüsterbranche. „Man kennt sich untereinander, so dass wir bei Bedarf häufiger gezielt Kollegen anderer Redaktionen ansprechen“, sagt „F.A.Z“-Herausgeber Jürgen Jeske. Auch „Manager-Magazin“-Chefredakteur Kaden ist mit dieser Methode der Personalgewinnung gut gefahren. „Die Besetzung offener Stellen über Empfehlungen aus der Redaktion hat sich in der Vergangenheit bewährt.“ Die Redakteure können dabei sogar unmittelbar profitieren. Für einen Tipp, der zur Einstellung eines neuen Kollegen führt, zahlt der Verlag eine Prämie in vierstelliger Höhe.

… und Personalberater

Andrew Gowers von der „Financial Times Deutschland“ arbeitete für die Rekrutierung im großen Stil mit Personalberatern zusammen, auch Chefredakteur Roland Tichy beauftragte Headhunter, um die Mannschaft der „Telebörse“ zu bilden. Tichy machte beste Erfahrungen mit der systematisch angelegten Personalsuche. „Ich habe rund 90 Gespräche mit Kandidaten geführt“, so Tichy. „Wir hatten unsere Redaktion in relativ kurzer Zeit zusammen.“ Personalberater, deren Dienste früher allenfalls bei der Besetzung von Top-Positionen im Verlagsmanagement in Anspruch genommen wurden, sind derzeit auch als Vermittler von Redakteuren gut im Geschäft.

Die Unterstützung durch professionelle Stellenmakler lindert den personellen Engpass im Markt jedoch nicht. „Die Großverlage mischen den Markt auf. Der Engpass an Redakteuren wird anhalten, weil es zu einer zunehmenden Segmentierung der Wirtschaftspresse kommen wird“, sieht Verlagsberater Karl-Heinz Behrens aus dem hessischen Johannisberg eine ungebremste Dynamik im Markt. Das Internet-Wirtschaftsblatt „Net Business“ aus der Verlagsgruppe Milchstraße konnte zum Start des Printtitels noch keine Online-Version anbieten. Chefredakteur Klaus Madzia: „Wir haben nicht die Leute gefunden, die einen solchen Job machen können.“

Preisspirale

Die Verlage müssen angesichts des Personalwettbewerbs tiefer in die Tasche greifen als früher. „Die ,Financial Times Deutschland‘ hat die Gehälter hochgetrieben“, ortet Wolfgang Kaden, Chefredakteur des „Manager Magazins“, den Ausgangspunkt der Preisspirale. Selbst Jungredakteure verdienten bei der Finanztageszeitung bis zu 150000 Mark im Jahr, heißt es. Ressortleiter bei „Focus Money“ werden auf 170000 Mark taxiert, die stellvertretenden Chefredakteure verdienen 400000 Mark, wenn die Mitteilungen des Branchenfunks stimmen. Andere Verlage müssen nachziehen. „Die Einkommen für Wirtschafts- und Finanzjournalisten in Redaktionen sind in jüngster Zeit deutlich gestiegen“, so Gabriele Kaminski, Geschäftsführerin der GK Unternehmens- und Personalberatung in Frankfurt. Wirtschaftsredakteure mit fünf und mehr Jahren Berufserfahrung können nach den Worten der Beraterin bis zu 180000 Mark im Jahr verdienen. Die Verlage ergreifen mittlerweile Maßnahmen gegen den Aderlass in den Redaktionen. Bei Neueinstellungen oder bei Gehaltserhöhungen werden häufig Kündigungsfristen von einem halben Jahr oder länger vereinbart.

Geld und Verträge sind aber nicht die einzigen Parameter für eine erfolgreiche Personalpolitik. „Unsere Leute schauen nicht nur auf die finanziellen Möglichkeiten, sondern können sich für eine spannende Aufgabe begeistern“, sagt Chefredakteur Rolf Antrecht, der für sein junges Wirtschaftsmagazin „Bizz“ noch die Aufbruchstimmung eines Pioniers reklamieren darf. Geld gebe in den seltensten Fällen den Ausschlag für oder gegen einen Wechsel, so die Erfahrung von Verlagsberater Behrens. „Entscheidend für oder gegen einen Wechsel sind der persönliche Freiraum und die verlegerische Vision.“


  • Roland Karle ist Geschäftsführer und Gesellschafter des Redaktionsbüros PBM Medien GmbH in Heidelberg. Der Diplom-Kaufmann schreibt für Publikums- und Fachzeitschriften vorwiegend über Themen aus Medien und Marketing, Management & Karriere, Sport & Wirtschaft.

 

nach oben

weiterlesen

Kunst darf an die Grenzen gehen

In einer am 26. Juli 2021 veröffentlichten Stellungnahme für das Bundesverfassungsgericht hat die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft einen als "Schmähgedicht" überschriebenen Vortrag von Jan Böhmermann 2016 im ZDF als "von der Kunstfreiheit gedeckt" bezeichnet. "Eine demokratische Gesellschaft muss aushalten können, dass Künstlerinnen oder Künstler in künstlerischer Form an Grenzen gehen, bis es schmerzt", erklärte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Christoph Schmitz.
mehr »

Schnelle und konkrete Hilfe für Kollegen

Journalisten helfen Journalisten e. V. setzt sich für in Not geratene, an ihrer Arbeit gehinderte, misshandelte Kolleg*innen und die Hinterbliebenen getöteter Journalist*innen ein. Der gemeinnützige Verein wurde 1993 von Christiane Schlötzer-Scotland gegründet, deren Ehemann Egon Scotland während seiner Recherchen für die „Süddeutsche Zeitung“ im damaligen kroatischen Krisengebiet von einem Heckenschützen am 26. Juli 1991 ermordet wurde. M sprach mit dem Geschäftsführer des Vereins Carl Wilhelm Macke.
mehr »

Dreh- und Angelpunkt ist die Staatsferne

Nach dem Scheitern der Bundes-Presseförderung: Wie lassen sich künftig Medienvielfalt erhalten und Qualitätsjournalismus unterstützen? Ein Gutachten von Wissenschaftlern der Universität Mainz liefert interessante Vorschläge zur Hilfe für die Medienbranche. Dreh- und Angelpunkt der Überlegungen ist dabei die gebotene Staatsferne.
mehr »

Mehr Sicherheit für Medienschaffende

Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di appelliert an die sächsische Staatsregierung, Maßnahmen zum Schutz von Journalistinnen und Journalisten insbesondere bei Demonstrationen zu ergreifen. Anlass ist die morgige (22. Juli) Debatte im Landtag über eine Große Anfrage der Linksfraktion. Demnach habe die Zahl der Angriffe gegen Medienschaffende in Sachsen im Jahr 2020 mit 29 registrierten Straftaten einen Höchststand erreicht. In mehr als der Hälfte der Fälle seien die Ermittlungen zudem eingestellt worden, heißt es in einer Pressemitteilung.
mehr »