Zeit, Geld und Mühe

 … aber auch Mut und Zivilcourage fordert der „Stich ins lokale Wespennest“

Der „Spiegel“ nennt Sie „Mutter Courage von Cottbus“. Hätten Sie gedacht, dass es viel Courage braucht, um den Druck auszuhalten, der im Verlauf ihrer Recherchen auf Sie ausgeübt wurde?

Simone Wendler: Jeder Journalist, der Missstände aufdeckt, braucht Mut und Zivilcourage. Oft gibt es Gegenwind, wenn Betroffene dubiose Geschäftspraktiken oder offenen Rechtsbruch vertuschen wollen. Am Anfang meiner Recherchen über Filz und Korruption in der Region ging es um die kommunale Gebäudewirtschaft Cottbus (GWC) und Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Aufträgen. Da waren mir die Verbindungen zu ehemaligen Stasi-Leuten noch nicht bekannt. Dass Recherchen und Berichterstattung Einschüchterungsversuche bis hin zu offener Observation und einer telefonischen Morddrohung nach sich ziehen würden, hätte ich mir zuvor nie vorstellen können.

Kam der Druck nur von den „üblichen Verdächtigen“ oder auch unerwartet von anderer Seite?

Personen und Unternehmen, über deren dubiose Geschäftspraktiken wir berichtet haben, versuchten mit insgesamt 28 Gegendarstellungen zu reagieren. Viele davon beruhten jedoch ganz offensichtlich auf falschen Angaben und waren sehr leicht zu widerlegen. Die „Lausitzer Rundschau“ musste bis heute keine einzige Gegendarstellung zu meiner Berichterstattung über Filz und Korruption bei der GWC drucken. Wegen den verstrickten ehemaligen Stasi-Mitarbeitern wurden wir aber immer wieder auch von seriösen Geschäftsleuten aus der Stadt gewarnt. Es sei gefährlich, sich mit diesen Leuten anzulegen.

Andere Medien haben sich gegen Sie und die LR positioniert. Verstehen Sie das?

Nein. Das Anzeigenblatt der „Märkische Bote“ und das Stadtfernsehen „Lausitz-TV“ haben die Vorgänge in Cottbus verharmlost und versucht, mich und meine Arbeit zu diskreditieren. Sie machten mir den Vorwurf, meine Beiträge würden dem Ruf der Stadt schaden. Dabei sind es natürlich Filz und Korruption, die einer Stadt schaden und nicht die erforderliche Aufklärung der Hintergründe und Zusammenhänge.

Was halten Sie von der „Aufklärung“ durch die FAZ, die die Stasi-Vergangenheit ihres geschiedenen Mannes ins Spiel brachte?

Grundsätzlich schätze die FAZ und die Kolleginnen und Kollegen die dort arbeiten. Der Autor Frank Pergande allerdings hielt es nicht einmal für nötig, für seinen Beitrag mit mir persönlich zu sprechen. Er erwähnt in seinem Beitrag nicht, dass ich von meinem Ex-Mann bereits 1982 geschieden wurde und er nach der jetzt bekannten Aktenlage erst ab 1984 für die Stasi gearbeitet hat. Ich selbst wurde auch von der Stasi bespitzelt. Auch darüber in der FAZ kein Wort.

Wie wichtig war das anonyme Päckchen für ihre Recherchen?

Es war sehr wichtig, weil es den ersten konkreten Anhaltspunkt für Filz und Korruption an der Spitze der GWC lieferte. Es enthielt die Kopie eines Vertrages, der belegte, dass die Ehefrau eines GWC-Geschäftsführers stille Teilhaberin an einem Unternehmen war, dem ihr Mann zahlreiche Aufträge erteilte. Wie sich dann herausstellte, hatte das offensichtlich bevorteilte Unternehmen der ehemalige stellvertretende Cottbuser Stasi-Chef Lothar Hilke mit aufgebaut.

Waren Sie im Verlauf der Recherchen nur an diesem Thema oder hatten Sie noch Zeit für das „normalen“ Alltagsgeschäft?

Mir war es wichtig, auch weiterhin über andere Themen zu schreiben. So habe ich über die Überschreitung von Lenkzeiten im Speditionsgewerbe ebenso berichtet wie über die personellen Engpässe im Gesundheitswesen der Region. Schwerpunkt in den vergangenen Monaten war jedoch die Berichterstattung über den GWC-Skandal. Tagelang habe ich das Handelsregister nach Verbindungen durchforstet oder Stasi-Akten gelesen.

Wie wichtig ist die Unterstützung durch die Redaktion?

Die Unterstützung durch die Redaktion ist sehr wichtig. Ohne den Rückhalt durch die Chefredaktion oder den juristischen Beistand durch den Verlag hätte ich das komplexe Geflecht von Verbindungen und Abhängigkeiten nie so erhellen können. Seriöser Enthüllungsjournalismus kostet sehr viel Zeit und Geld. Als freie Autorin, die ich vor meiner Festanstellung bei der „Lausitzer Rundschau“ war, hätte ich bei der Recherche nie soweit kommen können.

Wo hätten Sie sich mehr Unterstützung gewünscht?

Vor allem aus der Kommunalpolitik. Das Interesse an Aufklärung war dort in der Vergangenheit nicht besonders ausgeprägt. Auch die Stadtverwaltung wollte Informationen über Eigentumsverhältnisse bestimmter Flurstücke anfangs nicht zur Verfügung stellen. Dies hat sie erst getan, nachdem der Anwalt der „Lausitzer Rundschau“ angekündigt hat, dass wir die Informationspflicht der Stadt bei weiterer Verweigerung auch gerichtlich einklagen würden.

Wie ist das, wenn Sie auf Menschen treffen, die in den Skandal direkt oder indirekt verwickelt sind?

Ich suche das Gespräch mit jedem, um ein möglichst treffendes Bild zu zeichnen. So habe ich auch mehrere Stunden im Gespräch mit dem ehemaligen stellvertretenden Cottbuser Stasichef Lothar Hilke und seinem Anwalt Peter-Michael Diestel verbracht. Viele ehemalige Stasi-Leute wollen aber nicht mit reden und gehen mir aus dem Weg.

Sie wünschen sich Aufklärung und vor allem Diskussion um die Zustände in Cottbus. Ist das ein frommer Wunsch?

Ich glaube, dass mittlerweile sehr viel in Gang gekommen ist. Nach bekannt werden des GWC-Skandals wurden die beiden Geschäftsführer und ein Hauptabteilungsleiter gekündigt. Die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Korruptionsdelikte und das Landeskriminalamt ermitteln. Das Unternehmen hat einen neuen Aufsichtsrat und die Stadt einen Anti-Korruptionsbeauftragten. Neue Vergaberichtlinien wurden erarbeitet, bei denen auch seriöse Handwerksbetriebe eine bessere Chance haben, Aufträge zu erhalten. Und endlich beginnt auch die Diskussion über Macht und Einfluss alter Seilschaften in der Stadt. Ich bin 1989 nicht dafür auf die Strasse gegangen, diesen Leute jetzt wieder meine Heimatstadt zu überlassen.


  • Das Gespräch mit Simone Wendler führt für „M“ Hardy Prothmann
nach oben

weiterlesen

Verheerendes Signal an Freie im RBB

Eine überfällige Reform droht zu scheitern. Gerade noch sah es so aus, als würde ein medienpolitischer und arbeitsrechtlicher Anachronismus im Rundfunk Berlin-Brandenburg endlich auf den Müllhaufen der Geschichte gekippt: Der Ausschluss der rund 1.500 arbeitnehmerähnlichen festen Freien von der betrieblichen Mitbestimmung. Der Entwurf des neuen RBB-Staatsvertrags sah vor, die Degradierung dieser Freien zu Beschäftigten zweiter Klasse endlich aufzuheben: durch ihre Einbeziehung in den Personalrat.
mehr »

Antisemitismus im Netz mit KI bekämpfen

In den letzten Jahren ist in Chats, Foren und sozialen Medien ein dichtes Geflecht aus populistischen Blogs, fiesen Trollen und organisierten rechten Gruppen entstanden. Sie verbreiten antisemitische Verschwörungsphantasien und streuen gezielt Desinformationen. Nicht immer zeigt sich ihr Antisemitismus dabei offen. Zunehmend werden verklausulierte Formulierungen und Bilder verwendet. Eine Künstliche Intelligenz soll diese nun aufdecken und Redaktionen eine Hilfe sein, wenn sie Kommentarspalten moderieren
mehr »

Prekäre Beschäftigung in Medien nimmt zu

Nachrichtenmedien bleiben auch im Zeitalter von Digitalisierung und Internet unverzichtbar. Sie werden vor dem Hintergrund von Fake News und Manipulation für demokratische Länder sogar immer wichtiger. Zugleich nehmen prekäre Beschäftigungsverhältnisse überall zu. Das geht aus den nun veröffentlichten Ergebnissen des Forschungsprojektes „Media for Democracy Monitor 2021 (MDM)" hervor. Die Studie signalisiert zudem Handlungsbedarf bei der Gleichstellung der Geschlechter, nicht zuletzt in Deutschland.
mehr »

Corona trifft Fotobranche hart

Weniger Foto-Anlässe, weniger Werbung, weniger Bilder: Die Corona-Pandemie hat auch auf dem Bildermarkt deutliche Spuren hinterlassen. In einer Umfrage von Professor Lars Bauernschmitt von der Hochschule Hannover im Februar 2021, die auch von der dju in ver.di unterstützt wurde, gaben die Fotograf*innen einen durchschnittlichen Umsatzrückgang von rund 24 Prozent an. Die prekäre Situation besonders der journalistisch tätigen Fotograf*innen müsse „endlich als gesamtgesellschaftliches Thema begriffen werden", fordert der Wissenschaftler mit langjähriger Praxiserfahrung.
mehr »