Zu wenig Frauen in den Medien-Spitzen

Julia Jäkel, CEO G+J; Juliane Seifert, Staatssekretärin aus dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)und Marion Horn, Chefredakteurin von Bild am Sonntag (v.l.n.r.)
Foto: ProQuote Medien / G+J / (c) A. Kirchhof

Sitzen sie immer noch fest auf dem Pavianfelsen namens Chefredaktion, die Herren Chefredakteure? Oder kommen die Journalistinnen mittlerweile auch in angemessener Anzahl an die Spitze der Medien? Nein, offenbar nicht! Der Verein ProQuote Medien hat jetzt den zweiten Teil seiner Studie veröffentlicht, in dem die Geschlechterverteilung in journalistischen Führungspositionen untersucht wurde. Schwerpunkt der Untersuchung waren Presse und Onlinemedien.

Das Fazit vorweg: Es hat sich in den letzten drei Jahren nur wenig verändert. Fast überall herrscht Stillstand. Es gab sogar Rückschritte. Und es scheint auch, dass das Thema in Verlagen und Redaktionen noch nicht als gemeinsame Angelegenheit angekommen ist. Auf der gut besuchten Pressekonferenz, die am 7. November im Hause bei Gruner und Jahr am Baumwall in Hamburg stattfand, war keine Handvoll Männer zugegen.

In den Redaktionen, bei denen ProQuote Medien den „Frauenmachtanteil“ – ein vom Verein eingeführter Begriff, der sich durch eine Gewichtung der verschiedenen Führungsebenen ergibt – gemessen hat, zeigt sich ein eher ernüchterndes, wenn auch differenziertes Bild: Bei den zehn untersuchten überregionalen Tageszeitungen befinden sich durchschnittlich 25,1 Prozent Frauen in den obersten redaktionellen Führungspositionen. Die taz schneidet mit 50,8 Prozent am besten ab, das Handelsblatt bildet mit 16,1 Prozent das Schlusslicht. Bei den Regionalzeitungen sind von 108 untersuchten Chefredakteursstellen nur acht mit Frauen besetzt – magere 7,4 Prozent. Vor drei Jahren sah es allerdings noch schlimmer aus, da betrug der Anteil nur 4,7 Prozent. Besonders niedrig stellt sich auch der Wert in der Funke-Zentralredaktion mit 17,4 Prozent dar, und in den kirchlichen Nachrichtenagenturen KNA (17,6 Prozent) und epd (16,1 Prozent). Allerdings können die Onlinemedien einen durchschnittlich 30-prozentigen weiblichen Führungsanteil verbuchen. Und die acht Leitmedien, darunter Spiegel, Zeit, Bild, Süddeutsche Zeitung, konnten ihren „Frauenmachtanteil“ insgesamt auf 28,3 Prozent verdoppeln. FAZ und Die Welt liegen allerdings weit unter jeder lobenswerten Erwähnung bei unter 20 Prozent.

Die Publikumszeitschriften verdienen ebenfalls eine spezifische Betrachtung. So kann der Stern mittlerweile einen 45,8-prozentigen Frauenteil in der Chefetage vorzeigen, der Focus aber nur 20,9 Prozent. Zwar haben Frauen insgesamt bei den 66 untersuchten, reichweitenstärksten Titeln dieser Gattung fast die Hälfte aller Chefposten inne, aber bei den verschiedenen Segmenten sind deutliche Unterschiede zu erkennen: Blätter mit den Schwerpunktthemen Haus, Food, Garten liegen eher in Frauenhänden, hingegen werden die Redaktionen von Nachrichten-, Sport- und Technikmagazinen weiterhin von Männern geleitet.

Die Medienjournalistin und Projektleiterin der Studie Anna von Garmissen, stellte daher fest, dass das Ziel von ProQuote Medien„fifty-fifty in den Redaktionen“ bestehen bleibe.

Ob es daran liegen könnte, dass es sehr verschiedene Einschätzungen gibt, wie die Situation verändert werden kann? Julia Jäkel, CEO von Gruner + Jahr, ist überzeugt: „Wenn man kreativ und innovativ sein will, braucht man eine diverse Firmenkultur. Eine gute Durchmischung des Teams, auch auf Führungsebene, ist für uns geschäftskritisch.“ Um diesen Kulturwandel im Unternehmen zu erreichen, brauche es eine kritische Masse von Frauen. Dann ändere sich automatisch auch die Atmosphäre. „Tolle Chefinnen ziehen andere gute Frauen an.“ Marion Horn, Chefredakteurin Bild am Sonntag, meinte, dass weiterhin jede Frau als Gefahr für eine Männerkarriere angesehen würde, und befand zudem die Darstellung von Frauen in den Medien als veränderungswürdig: Die immer wiederkehrenden Erzählungen von Frauen als „Spielerfrauen“ oder „ermordete Frauen“ seien nicht hilfreich, ebenso Begriffe wie „Beziehungsdrama“ oder „Familientragödie“. Und forderte eine besondere Quote: Weg mit den Prinzessinnen im Kindergarten, stattdessen Mädchen auf den Bolzplatz!

Juliane Seifert, Staatssekretärin im Bundesfrauenministerium, stellte die durchaus berechtigte Frage, was wirklich falsch liefe? Frauen würden noch immer nicht genügend gesehen. Dabei sei deutlich, dass Unternehmen, die dem Quotengesetz nicht unterliegen, auch einen geringen Frauenanteil in ihren Vorständen haben. Sie kündigte eine baldige Novellierung des Gesetzes an. So soll es eine Begründungspflicht geben, wenn Frauen nicht ausreichend berücksichtigt würden, außerdem Sanktionen.

Ein PDF der Studie unter www.pro-quote.de  Sie wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.


Netzwerken zur Studie

Und was denken Journalistinnen, die (noch) nicht an der Spitze sind, über die Studie? Auf Nachfrage in einer bundesweiten Telegram-Gruppe, in der 265 Journalistinnen netzwerken, gab es unter anderem folgende Rückmeldungen: Auch eine Chefredakteurin könne sexistisch ausgrenzen.  – Eine Frau allein als Chefin würde an den Strukturen noch lange nichts verändern. – Frauen in Führungspositionen könnten durchaus auch eine Illusion vorgaukeln. – Es müssten sich vor allem die prekären Arbeitsbedingungen verändern. – Eine Frauenquote sei ein wichtiger Schritt, aber Chancengleichheit würde mehr als die Kategorie Geschlecht umfassen. So müssten vielmehr gezielt Frauen aus Arbeiter*innenfamilien und Women of Color gefördert werden.   art


„S-Camp“ im November

Am 22. November organisiert ProQuote Medien in Berlin das „S-Camp“, eine Konferenz für Macher*innen aus den Medien, unter dem Motto „Spitzenfrauen, Spitzenjournalismus, Solidarität“. Weitere Informationen und Tickets gibt es unter: www.pro-quote.camp

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