Vollsichtregal statt dju

Vier Neuerscheinungen versprechen Orientierung, doch nicht alle bieten sie

Fachbücher mit Überblickcharakter firmieren gern als Lexikon, Verzeichnis oder „von A bis Z“. Vier davon sind im Medienbereich in den letzten Monaten erschienen, doch nicht alle bieten den nötigen Durchblick.
Wollten Sie schon immer mal wissen, ob die Abbestellquote der Prozentsatz von Abonnenten einer Zeitung / Zeitschrift ist, der abbestellt, oder ob ein ZZ-Fachgeschäft eines für Zeitungen und Zeitschriften ist?

Unvollständig und kryptisch

Wenn nicht, dann sollten Sie auch auf das Gabler Kompakt-Lexikon Medien verzichten. Was die Wiesbadener Tochter von Springer Science+Business Media von Prof. Dr. Insa Sjurts da präsentieren lässt, ist zwar gehaltvoller als der erste und der letzte von 1.000 Fachbegriffen, hat aber Lücken. So taucht bei den Journalisten der DJV auf, aber nicht die dju – dafür wird ein Vollsichtregal im Presse-Einzelhandel erklärt. Das Volontariat mutiert zum „unpaid traineeship“ – als ob es nicht einen Ausbildungstarifvertrag für Zeitungen und Zeitschriften gäbe. Den Tendenzschutz stellt die Chefin der Hamburger Media School (HMS) fast als Normalfall dar, ohne zu erwähnen, dass er europa- und sogar weltweit selbst unter Verlegern als deutscher Unsinn verschrien ist. Völlig Kryptisches steht unter Rundfunkgebühr: Da wird quasi in einem Atemzug verkündet, dass sie in Deutschland 1923/24 eingeführt wurde, „sich in die Grundgebühr für das Bereithalten eines Hörfunkgerätes und in eine zusätzliche Fernsehgebühr“ unterteilt und „für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkveranstalter nach wie vor wichtigste Finanzierungsquelle“ ist. War da nicht noch irgendwas dazwischen?
Im Adressverzeichnis rangiert der Kabelverband ANGA unter Telekommunikation, der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien wird unter „Medienaufsicht und Medienregulierung“ locker neben dem Deutschen Presserat und der Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten eingegliedert. Und bei den Fachdiensten führt die Vizechefin der KEK, Prof. Sjurts, Postillen wie infosat und Digitalfernsehen, aber nicht kress report! Unvollständig und blind für die Analog-digital-Umstellung sind die simplizistischen Grafiken in „Entwicklung der klassischen Medienbranchen im Zeitablauf“: Da fehlt beim Fernsehen und seiner Verspartung Pay-TV völlig, bei den Zeitungen die deutsche Ost-Expansion als Wende-Wachstumsschub, bei den Zeitschriften das Geschäft der Großverlage mit Firmenmagazinen (Corporate Publishing) und beim Hörfunk die rasante Gruppenbildung (Holdings wie RTL, Regiocast etc.). Ganz brauchbar ist zwar das Wörterbuch ausgewählter englischer Fachbegriffe – doch insgesamt ist von „Überblick behalten und Entwicklungen einordnen“, wie von Prof. Sjurts versprochen, zu wenig zu spüren. Völlig ungerechtfertigt sind der Preis wie auch die Verlagslobpreisung als „ideales Nachschlagewerk“.

Fundiert und gut gegliedert

Das Prädikat gebührt eher einem Konkurrenzprodukt – „Medien von A bis Z“ aus dem Wiesbadener VS Verlag für Sozialwissenschaften. Darin haben Autoren des Hamburger Hans-Bredow-Instituts gezeigt, wie man Überblick mit Durchblick kombiniert. Fundiert, international ausgerichtet, logisch gegliedert und mit Literaturhinweisen zum vertiefenden Studium ist der Band Laien wie Fachleuten zu empfehlen. Begriffe werden in lexikalischer Erklärung nicht einfach aneinander gereiht, sondern unter Schwerpunkten wie Medientypen, -technik, Medienpolitik und -recht, Mediensysteme, -wirtschaft, Journalismus, Medieninhalte, -Funktionen, -Forschung, -Nutzung, -pädagogik und Medieninstitutionen zusammengefasst. Ganz am Rande: Die Journalistenverbände DJV und dju in ver.di werden da korrekt dargestellt!

Fundiert kommt ebenfalls die jüngste Studie der Arbeitsgruppe Kommunikationsforschung München (AKM) zu „Hörfunk in Deutschland“ daher – auch wenn es eine Auftragsarbeit für den Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) ist. Zusätzlicher Bonus: Erstmals seit dem letzten Hörfunkjahrbuch von 1997 gibt es wieder eine leidlich vollständige Bestandsaufnahme zum deutschen Radio – verdienstvoller Weise wieder vom Berliner VISTAS Verlag. Tiefgründig und sachkundig analysiert das Team von Frank Böckelmann die Rahmenbedingung und die Wettbewerbssituation 2006. Allerdings schimmert in dem fast 300 Seiten starken Werk doch zu stark das durch, was schon die 1999er VPRT-Broschüre „auszeichnete“: Der Kampfschriftcharakter gegen den „Erzfeind öffentlich-rechtlicher Hörfunk“. Warum, liebe Hörfunker und Radiozentralen-Macher, könnt ihr euch nicht gemeinsam zu etwas durchringen, was im TV-Bereich ein Standardwerk ist: Ein regelmäßiges und duales „Jahrbuch Hörfunk“?

Verdienstvoller Überblick

Ein verdienstvolles Überblicksbuch der letzten Zeit sollte nicht unerwähnt bleiben: „Verzeichnis der Alternativmedien 2006/2007“. Leider sind Ton und Grundhaltung der zehn Beiträge zum Verzeichnis eher rückwärtsgewandt – Herausgeber Bernd Hüttner selbst schreibt davon, dass sich die „neuen sozialen Bewegungen“ am Ende des vorigen Jahrhunderts „zu Tode gesiegt“ hätten. Dabei gibt es andere Bewegungen außer den neu-alten und statt alternativen Zeitungen und Zeitschriften auch das Web mit seinem viel versprechenden Forum für Gegenöffentlichkeit, was nur am Rande erwähnt wird. Nicht so resignativ, möchte man der Sozialpolitischen Akademie zurufen, die den Band mit Hilfe von Rosa Luxemburg bzw. der gleichnamigen Stiftung und Initiative in Berlin und Bremen herausgebracht hat.

nach oben

weiterlesen

Buchtipp: Tools für geschlechtergerechte Kommunikation

Außer Fakten-Checks gibt es inzwischen auch Framing-Checks. Es ist nicht nur wichtig, was sondern auch wie berichtet wird. So analysiert die „Süddeutsche Zeitung“ in einem „Framing-Check“  einzelne Begriffe, denn mit ihnen und ihren Rahmungen lasse sich Politik machen und manipulieren. Aktuell nutzen Gegner*innen der Geschlechter-Gleichberechtigung „Gender“ durch negatives „Framing“ als Kampfbegriff. „Re:framing Gender“ demonstriert nun, wie man mit einer geschlechtergerechten politischen Kommunikation gegensteuern kann.
mehr »

Auch intern unbequem

„Panorama“ ist nicht das erste, aber das älteste Politikmagazin im deutschen Fernsehen. Und es hatte eine schwere Geburt. Was da am 4. Juni 1961 auf dem Bildschirm in Schwarz-Weiß Premiere feierte, war ein ziemlich unverdaulicher Kessel Buntes aus aktueller Politik, Auslandsreportage und Unterhaltung. Doch schon bald hatte „Panorama“ seine erste Sternstunde.
mehr »

Zwischen Utopie und Realität

Vor 75 Jahren, am 17. Mai 1946, schickte der Münchner Kabarettist Werner Finck ein launiges Telegramm nach Babelsberg: „Ein ferner Wink von Werner Finck, damit das Ding Euch wohl geling.“ Gemeint war die Deutsche Film-A.G., kurz DEFA genannt, die erste deutsche Filmfirma nach dem Zweiten Weltkrieg, die an jenem Tag eine Lizenz zur „Herstellung von Filmen aller Art“ erhielt. Neben deutschen, darunter auch einigen aus dem Exil zurückgekehrten Filmschaffenden waren Kulturoffiziere der Sowjetischen Besatzungszone maßgeblich an der Gründung beteiligt. Und doch verstand sich die DEFA zunächst als gesamtdeutsches Unternehmen. Viele der frühen, hochfliegenden Träume endeten…
mehr »

Polizeigewalt in Kolumbien

Kolumbiens Polizeieinheiten zur Aufstandsbekämpfung (ESMAD) werden für Dutzende von Toten und Schwerverletzten seit dem Beginn der sozialen Proteste im Frühjahr verantwortlich gemacht. Dabei wurden auch Journalisten gezielt bei ihrer Arbeit angegriffen, kritisiert die Stiftung für Pressefreiheit (FLIP). Videos, Fotos und Zeugenaussagen aus Städten wie Sibaté, Cali und Popayán belegen das. Doch die Regierung in Bogotá geht auch verbal gegen kritische Berichte vor allem in den sozialen Medien vor: von Cyber-Terrorismus ist die Rede. Für Jonathan Bock, FLIP-Direktor, ein Angriff auf die freie Meinungsäußerung.
mehr »