Aus Liebe zum Volk

Anklage und Tragödie eines ehemaligen Staatssicherheitsbeamten der DDR

Plötzlich waren sie weg vom Fenster, die Stasi-Beamten der DDR. Arbeitslos und entmachtet im wiedervereinten Deutschland. Menschen, die sich mit einem totalitären Überwachungsstaat identifizierten, ihre Mitmenschen bis in den intimsten Winkel ihres Privatlebens ausspionierten und das Leben zur Hölle machten. Nicht aus Sadismus, sondern „Aus Liebe zum Volk“, wie Eyal Sivan und Audrey Maurion ihren Dokumentarfilm über den auf Tagebuchaufzeichnungen beruhenden Bericht eines Ex-Stasi-Majors überschrieben haben.

Der Titel ist nicht ironisch gemeint, wenn auch doppeldeutig, drückt er doch gleichzeitig die Überzeugung des Protagonisten aus und die daraus resultierende sarkastische Wirkung auf den Zuschauer. So gesehen ist der Film auf widersprüchliche Art beides: Anklage und Tragödie eines ehemaligen Staatssicherheitsbeamten, der wie viele seiner Kollegen viel gesehen und bis zum Zusammenbruch der DDR wenig begriffen hat. „Ich empfand es immer als Glück, für den Sozialismus zu schaffen. Es war mein Lebensinhalt“, sagt er stolz und bedauert mit einigem Selbstvorwurf, dass der Kontroll-Apparat nicht perfekt genug organisiert gewesen sei, um die DDR-Bürger zu ihrem Glück zu zwingen. Denn Herr S. ist Idealist, sein Beruf für ihn eine Mission.

Sein innerer Monolog, den der Schauspieler Axel Prahl (bekannt aus Andreas Dresens Filmen „Die Polizistin“ und „Halbe Treppe“) ein bisschen lakonisch aus dem Off spricht, bewirkt beim Zuschauer widerstreitende Gefühle: Einerseits neigt er dazu, die Naivität des Protagonisten zu belächeln, andererseits nötigt dessen Ehrlichkeit Bewunderung ab. Etwa, wenn Herr S. unumwunden zugibt, dass die Vernichtung von Stasi-Akten, seinem Lebenswerk, sehr schmerzlich ist.

Die Fülle an authentischem, erstmals filmisch erschlossenem Archivmaterial (u. a. Mitschnitte von Verhören, dokumentierte Telefonanrufe von Denunzianten), aus dem sich die deutsch-französische Koproduktion ausschließlich zusammensetzt, ist sein großer Trumpf. Problematisch ist indes die willkürliche Collage von Bild und Ton. Illustriert mit Aufnahmen von Demonstranten, die von der Volkspolizei festgenommen werden, könnten bestimmte Bekenntnisse des Herr S. über die Staatsfeinde vom Zuschauer als zynisch empfunden werden, obwohl sie gar nicht so gemeint sind („Von diesem Personenkreis hätte ich etwas mehr Mäßigung gewünscht. Ihre Sorgen, Probleme und Ansichten hätte man ja von Mensch zu Mensch bereden können.“)

Denn letztlich untermauern solche Äußerungen nur einmal mehr die einfältige idealistische Weltsicht des Herrn S., der zuvor resümiert: „Der Sozialismus hätte weltweit gesiegt, wenn die Motivation und die Kreativität in der Bevölkerung der sozialistischen Staaten ebenso stark gewesen wäre wie in den Geheimdiensten“. In heutigen Zeiten des rigiden Sozialkahlschlags und wachsender Kritik am Kapitalismus und der Globalisierung sind solche Thesen vielleicht diskussionswürdig. Auch wenn man das Kino mit der deprimierenden Erkenntnis verlässt, dass die Stasi unzählige Existenzen ruiniert – und keine Einsicht daraus gewonnen hat.

 

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