Nie wieder Polka!

„Schultze gets the blues“ von Michael Schorr

Schultzes Leben kann man nicht gerade als aufregend beschreiben. In einem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt schuftete er bisher „Unter Tage“ im ortsansässigen Kali-Abbau. Seinem Job verdankt er einen chronischen Husten. Ansonsten laviert sich der Junggeselle durch ein Leben zwischen Kneipenbesuchen, Schrebergarten, Volksmusik und Angeln.

Mit seinen Kollegen Jürgen und Manfred ist Schultze in den Vorruhestand geschickt worden. „Glück auf“ haben die Kumpels gesungen. Nun sitzen die drei vor ihrem Abschiedsgeschenk, einer Salzkristall-Lampe. Sollen sie sich dem Nichts ergeben oder gibt es noch ein anderes Leben hinter dem kleinbürgerlichen Trott?

Eines Abends, auf der Suche nach einem spannenderen Radioprogramm, bleibt Schultze bei einer Sendung über Südstaatenmusik hängen. Ein Song will ihm einfach nicht mehr aus den Ohren. So packt Hobbymusiker Schultze sein altes Akkordeon aus und spielt ihn nach. Als dieser Zustand Tage anhält, befragt er seinen Arzt. „Seien Sie froh, dass in ihrem Leben noch etwas passiert.“, sagt der. „Mal keine Polka zu spielen, ist doch keine Krankheit.“

Auch seinen Freunden bleibt Schultzes neuentflammte Sehnsucht nicht unverborgen. Auf der Jubiläumsfeier des ortsansässigen Musikvereins „Harmonie“ erfreut sein feuriges „Coming out“ nicht jeden. Dennoch bekommt er zum Geburtstag ein Flugticket nach Texas. Denn, welch ein Glück: Die Partnerstadt des kleinbürgerlichen Nestes ist „New Braunfels“ in Texas. Und dort steigt ein Musikfest. Schultzes Reise bleibt nicht folgenlos …

„Schultze gets the blues“ von Michael Schorr ist ein Spielfilm, erscheint aber manchmal wie eine Dokumentation. Diese beabsichtigte Wirkung entstand wohl nicht zuletzt durch die Vermischung von Laiendarstellern und professionellen Schauspielern. Außerdem findet diese Phantasie über einen Menschen, der sich dem Leben doch noch stellt, indem er sich auf den Weg macht, an realen Orten statt.

Schorrs Film ist so obskur wie auch auf merkwürdige Weise authentisch. Sehr langsam, mit dem Sinn für schöne wie außergewöhnliche Bilder, erzählt er seine Geschichte. Meist aus der Totalen und ohne viel Bewegung beobachtet die Kamera sorgfältig und beschaulich – wie das Leben in Schultzes Welt nun mal ist – die Lebensgewohnheiten der Protagonisten. Die Skurrilität der Bilder dieser kleinen Welt, erinnert an die überhöhte Realität mancher Karikaturen, doch bleibt sie hier liebevoll.

Dass dieser Film, der statt großem Tam Tam, die Alltäglichkeit zum Abenteuer macht, bei den 60. Filmfestspielen in Venedig 2003, den Preis für die beste Regie bekam, war schon eine große Überraschung. Noch größer wurde sie, als dann kein geringerer als die amerikanische Paramount „Schultze gets the blues“ unter Vertrag nahm.

Schade ist, dass Schorr nicht die Chance nutzte, seinem Film eine etwas größere musikalische Dimension zu geben. So ist es Anfangs noch witzig, dass Schultze immer und immer nur den einen Blues-Song auf seinem Akkordeon zelebriert. Das unterstreicht jedenfalls seinen etwas einfältigen Charakter. Doch über eine Filmdauer von fast zwei Stunden, rechtfertigt ein einziger Ohrwurm nicht den Titel.

Der Hit des Films ist von Anfang an Horst Krause als Schultze. Seine rührend stoische Figur trägt den gesamten Film mit bodenständiger Abenteuerlust und unbeirrbarer, kleinbürgerlicher Schlichtheit und einer naturgegebenen Verrücktheit. Dieser Mensch besteht überall, sei es im tiefen Sachen-Anhalt oder in den Sümpfen von Louisiana. Denn Schultze ist in Wahrheit ein echter Kosmopolit.

 

nach oben

weiterlesen

Filmtipp: „Endlich Tacheles“

Unter der Dusche beatboxt er die deutsche Nationalhymne in voller Lautstärke. Mit Freunden liefert er sich lustvoll Lichtschwertkämpfe. Ungeniert hämmert der Berliner Yaar auf den Boxsack ein. Er ist 21 Jahre alt und strotzt vor Lebensfreude. Yaar ist Jude, ohne allerdings zu wissen, was das Judentum genau ist. Er weiß nur, dass er „die ganze Scheiße“ loswerden will. Doch einfache Lösungen scheint es noch immer nicht zu geben.
mehr »

Neue Publik-Chefin

Maria Kniesburges war seit 2007 Chefredakteurin der ver.di publik und der ver.di news. 14 Jahre lang prägte sie die ver.di-Medienlandschaft. Jetzt ist sie in den Ruhestand gegangen. Ihre Nachfolgerin Petra Welzel ist seit dem 1. September im Amt. Die Kunsthistorikerin und Journalistin hat mehr als 30 Jahre journalistische Erfahrung. Seit ver.di-Gründung ist sie Chefin vom Dienst der ver.di publik, mittlerweile auch für verdi.de und verdi.tv. Sie hat entscheidend dazu beigetragen, dass sich die ver.di-Medien weiterentwickelt haben und den Herausforderungen der Gegenwart mit ihren zahlreichen Kommunikationskanälen gerecht werden. Denn die Ansprüche an Kommunikation haben sich seit der…
mehr »

Abschied von Fritz Wolf

Wir trauern um unseren Autoren Fritz Wolf. Er starb am 29. August im Alter von 74 Jahren nach schwerer Krankheit. Sein Thema war der Dokumentarfilm. Kritisch benannte Wolf immer wieder die mangelnde Wertschätzung dieses Filmgenres, die sich unter anderem in zu wenig und zu späten Sendezeiten im Fernsehen sowie in nicht ausreichender Förderung manifestierte. Mit so manchem Filmtipp in M verschaffte er einer Doku mehr Aufmerksamkeit, regte an, sie zu schauen. Fritz Wolf war auch Autor für epd medien, verfasste verschiedene Studien und war viele Jahre aktiv in Gremien des Grimme-Preises. Wir werden ihn vermissen.    
mehr »

Fairnesspreis für‘s Brücken bauen

Regisseur Henning Backhaus wurde am 3. September für seinen Kurzfilm „Das beste Orchester der Welt“ mit dem Deutschen Fairnesspreis Film und Fernsehen geehrt. „Brücken bauen“ war 2021 das Motto des von der ver.di FilmUnion und dem Schauspielverband BFFS seit 2019 gemeinsam ausgelobten Preises. Er wurde neben acht Kategorien und weiteren Spezialpreisen im Rahmen der Verleihung des Deutschen Schauspielpreises im Berliner Club Spindler&Klatt vergeben. Partner war in diesem Jahr das „Projekt Zukunft“, eine Initiative der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe. Im ausgezeichneten Film geht es um einen Kontrabassisten – eine Socke, Ingbert Socke! Bei…
mehr »