Auf der Flucht

Journalist gibt „Zambian Watchdog“ im Internet heraus

Lloyd Himaambo heißt der 38-jährige Journalist und Herausgeber vom „Zambian Watchdog“. Seit mehr als einem Jahr muss er die kleine Redaktion und das Erscheinen des Online-Mediums aus dem Ausland koordinieren. Erst aus Deutschland, nun aus Südafrika.

Lloyd Himaambo in seiner Online-Redaktion Foto: Knut Henkel
Lloyd Himaambo in seiner Online-Redaktion
Foto: Knut Henkel

Im Oktober tauchten Polizeibeamte in ihrem Heimatdorf im Süden Sambias auf und verhörten Ihren Großvater. Der 83-jährige Mann sollte ihren Aufenthaltsort preisgeben, warum?

Ich weiß nicht, welchen Anlass die Polizei dieses Mal hatte. Generell ist es so, dass die Regierung mir und der Redaktion des Zambian Watchdog vorwirft, den Präsidenten Michael Sata zu beleidigen, schlecht über das Land zu berichten und die öffentlichen Institutionen an den Pranger zu stellen. In Sambia gibt es Gesetze, die so etwas unter Strafe stellen.

Und sind die Vorwürfe berechtigt?

Nein, denn wir berichten über die Verhältnisse in Sambia: über Korruption, die weit verbreitet ist, über Tatsachen wie das Fehlen von Medikamenten in den Hospitälern, über die Seilschaften zwischen den Anhängern des Präsidenten und innerhalb der Ministerien. Wir kritisieren, decken auf und werden dafür verfolgt.

Sie mussten Ende 2010 fluchtartig ihr Heimatland verlassen?

Ja, wir haben damals über einen Mordprozess berichtet und dabei die Bestechlichkeit und Willfährigkeit der Justiz beleuchtet. Daraufhin hat der Vorsitzende Richter Gregory Phiri unsere Arbeit als schwerwiegenden Angriff auf den Richter und das Rechtssystem des Landes angesehen. Wir wurden zur Fahndung ausgeschrieben und ich konnte Sambia gerade noch rechtzeitig verlassen.

In Richtung Europa?

Ja, und das habe ich dem Kontakt zum schwedischen „Fojo Media Institute“ zu verdanken. Das Institut setzt sich in Schweden und darüber hinaus für die freie Meinungsäußerung ein und hatte mich in der Vergangenheit zu zwei Tagungen eingeladen. Über das Institut bin ich dann zur „Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte“ gekommen. Die hat mich schließlich für ein Jahr nach Hamburg eingeladen, um aus der Schusslinie zu kommen.

Erfolgreich?

Ja und nein. Ich habe die Zeit in Hamburg genutzt, um den Auftritt des Zambian Watchdog zu verbessern. Dort habe ich gelernt, wie man eine Internet-Zeitung besser gestalten, wie man etwas Geld verdienen, wie man professioneller arbeiten kann. Das hat sich positiv bemerkbar gemacht, denn heute ist die Webseite deutlich bekannter als vor einem Jahr – selbst Regierungsmitarbeiter rufen sie morgens gleich als erste auf. Auf der anderen Seite hat sich an meiner Situation nicht viel geändert, denn ich kann nicht nach Sambia zurückkehren. Zurzeit halte ich mich in Südafrika auf, um von hier aus die Zeitung zu koordinieren. Alle unsere Korrespondenten arbeiten Undercover und wir nennen auf der Website auch nicht immer die Namen der Autoren.

2003 haben Sie den Zambian Watchdog gegründet. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Oh, ich war es leid weiter für Regierungsblätter zu schreiben. Ich war frustriert und wollte an dem Spiel nicht mehr teilnehmen.

An welchem Spiel?

Sambia ist ein Land mit einer sehr tief verankerten Korruption und da ist auch das Mediensystem involviert. Nehmen wir die unabhängige Tageszeitung The Post als Beispiel. Die stand bei den letzten Wahlen auf der Seite der Opposition und hat sie quasi ins Präsidentenamt getragen. Nun vertritt sie die Interessen von Präsident Michael Sata und greift die Opposition an. Das ist genau das Verhalten, welches wir im Zambian Watchdog zum Thema machen.

Gibt es noch andere alternative Medien?

Nein, in Sambia gibt es keine Pressefreiheit. Es gibt Gesetze, die die Rechte der Presse einschränken und wir haben einen Präsidenten, der sich als oberster Kämpfer gegen Korruption in Szene setzt und unter diesem Vorwand systematisch gegen die Opposition vorgeht.

Die Zeitung erschien erst als gedruckte Ausgabe, seit 2008 nur noch Online. Eine gute Entscheidung?

Ja, die Umstellung haben wir nie bereut und mit 100.000 Lesern haben wir eine respektable Größe erreicht und konnten in den letzten Monaten auch den Auftritt noch einmal verbessern. Dafür ist vor allem die Unterstützung aus Deutschland, aber auch die Open Society Foundations verantwortlich, die uns für ein Jahr unterstützte. Im Februar ist die Hilfe ausgelaufen.

Wie kann man ein Medium wie den Watchdog finanzieren?

Es ist schwierig. Unsere Einnahmen über die Werbung reichen für etwa die Hälfte der Ausgaben. Wir wissen nicht, wie viele Korrespondenten wir noch beschäftigen können, alle Kosten müssen auf den Prüfstand. Aber immerhin ist unsere technische Ausstattung durch meinen Aufenthalt in Deutschland und zahlreiche Spenden heute deutlich besser. Grundsätzlich brauchen wir aber ein zweites finanzielles Standbein.

Gibt es noch Redaktionsräume in Lusaka?

Nein, die Räume der Redaktion wurden früher schon verwüstet, Computer zerstört, so dass wir alle mobil arbeiten. Letztlich wurde das ganze Arsenal der Einschüchterung gegen uns aktiviert – von der Steuerfahndung über den Druck auf Anzeigenkunden bis zur persönlichen Verfolgung. Die hat Bestand und wann ich wieder einmal nach Sambia reisen kann, steht in den Sternen.

 Das Gespräch führte Knut Henkel

Link: www.zambianwatchdog.com


 

Infokasten 1

Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte

Die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte wurde 1986 in der Hansestadt gegründet. Sie vergibt jedes Jahr fünf Stipendien an politisch verfolgte Journalisten, Anwälte und Fotografen aus aller Welt, damit sie sich von ihrem Kampf für Freiheit und Menschenrechte ein Jahr erholen können. Vorsitzender der bundesweit einmaligen Stiftung ist Hamburgs Erster Bürgermeister. Seit 1986 wurden mehr als 130 Menschen nach Hamburg eingeladen.

Infokasten 2

Open Society Foundations

Open Society Foundations ist eine Gruppe von Stiftungen, die vom Milliardär George Soros ins Leben gerufen wurde. Die Stiftungen vertreten den Gedanken einer Offenen Gesellschaft mittels der Unterstützung von Initiativen der Zivilgesellschaft. Sie unterhalten mehrere Büros. Die Zentrale befindet sich in New York.

nach oben

weiterlesen

Wien: Viele Austritte beim Regieverband

Beim Verband Filmregie Österreich herrscht dicke Luft. Von der Interessenvertretung der Regisseurinnen und Regisseure hat sich eine Gruppe Filmschaffender im Streit getrennt. Erst im April dieses Jahres hatte das Österreichischen Filminstitut (ÖFI) gendergerechte Maßnahmen bei der Vergabe von Fördermittel beschlossen worden. Nun führt diese neue Quotenregelung zu Ärger. 42 Regisseurinnen und Regisseure sind aus dem Verband Filmregie Österreich ausgetreten. Vor allem Frauen.
mehr »

„Ich vertraue Afghanistan noch immer“

Shahrbanoo Sadat erzählt in ihrem Film „Kabul Kinderheim“ von dem Leben in einem Waisenhaus in Afghanistan ab Ende der 1980er Jahre – und von der Magie des Kinos. Bis zum Einmarsch der Taliban im August dieses Jahres lebte Sadat in Kabul. Dann floh sie mit ihrer Familie und wohnt nun in Deutschland. Anlässlich des Kinostarts spricht sie im Interview mit M über ihre letzten Tage in Kabul, die Liebe der Afghan*innen zu Bollywood und darüber, wie die jüngsten Ereignisse in Afghanistan ihre Sicht auf ihren eigenen Film verändert haben.
mehr »

Paris: Ausweisung war rechtswidrig

Das Pariser Verwaltungsgericht erklärte die Ausweisung von Luc Śkaille im August 2019 für rechtswidrig. Der Journalist wollte für den Freiburger Sender Radio „Dreyeckland“ über den G7-Gipfel in Biarritz berichten. Grundlage für die Ausweisung waren Informationen des Bundeskriminalamts über seine Beteiligung an einer Hausbesetzung vor 10 Jahren. Der Geschäftsführer von Radio Dreyeckland sieht im Urteil ein Signal an die Behörden, Journalist*innen nicht an ihrer Arbeit zu hindern.
mehr »

Neue Zeitung auf Papier für Spanien

Spanien hat eine neue Tageszeitung, online und auf Papier. Seit dem Nationalfeiertag, dem 12. Oktober, erscheint „El Periódico de España“. Das Team um Chefredakteur Fernando Garea will die Medienlandschaft aufmischen. „Wir brauchen einen Journalismus, der das heutige Spanien versteht“, sagt der erfahrene Journalist, der unter anderem die spanische Nachrichtenagentur EFE leitete. Er hat sich mit einer Mannschaft umgeben, die unter anderem bei der Konkurrenz, wie etwa dem Verlagshaus PRISA, Herausgeber der größten Tageszeitung Spaniens, der „El País“, abgeworben wurde.
mehr »