CNN – von Trump zu Fake News erklärt

Andere Zeiten: Die Demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton winkte freundlich, bevor die Wahlkampfdebatte am 6. März 2016 in Michigan übertragen wurde.
Foto: Reuters/Carlos Barria

Der Irakkrieg stampfte den US-Nachrichtensender CNN ins internationale Bewusstsein. Damals Pionier und Unikat, kämpft CNN heute gegen Mitbewerber, die Meinung zur Nachricht erheben, „Fake News“ und Angriffe eines Präsidenten, der CNN selbst zu „Fake News“ erklärt. Wie positioniert man einen Sender als neutralen Berichterstatter, der selbst zum Politikum wird? CNN international gehört auch in Deutschland zu den wichtigsten Nachrichtenquellen der Entscheider. Nur Deutsch sprechen will CNN nicht mehr.

„I am not going to give you a question! You are fake news.“ Spätestens seit der Pressekonferenz des US-Präsidenten Donald J. Trump im Januar 2017 sind die Fronten klar: CNN ist ein Feind, ist „Fake News“. Seither hat sich das Klima weiter verschlechtert. Zuletzt forderte Trump vom CNN-Mutterkonzern, dem US-Kommunikationsgiganten AT&T die Entlassung des CNN Chefs Jeff Zucker. Er habe seinen Job schlecht gemacht, der Sender sei der Lügen überführt.

Zucker führte CNN durch kritische Zeiten, vielleicht auch durch die spannendsten. Nachrichtenfernsehen im Zeitalter von „Fake News“, polarisierten Gesellschaften in den USA und weltweit, Digitalisierung und zahllosen Mitbewerbern im Netz. Und einem Präsidenten, der CNN ganz persönlich bekämpft.

Krisensender mit „fliegender Berichterstattung“

Wofür steht CNN? Das Image des Senders gilt als ambivalent. Lange Zeit galt Ted Turners Newskanal außerhalb der Vereinigen Staaten als Schmuddelkind. Die Art und Weise amerikanischer Berichterstattung wirkte auf viele Zuschauer_innen außerhalb der USA befremdlich. Noch in den 1990ern, als sich die meisten TV-Sender eigene Korrespondent_innen in den Brennpunkten der Welt leisteten, setzte CNN frühzeitig auf „fliegende Berichterstatter“. Bei Krisen, Kriegen und Katastrophen flogen CNN-Reporter schnell mal per Flugzeug oder Hubschrauber von außerhalb heran, berichteten in actionreichen Bildern im CNN-typischen Infotainment von den Frontverläufen. Hauptsache es krachte und blitze. Hintergründe und Analysen blieben oft auf der Strecke, so eine damals häufig gehörte europäische Kritik. Gleichzeitig hatte CNN stets die besten Bilder, nah dran, live, alle wollten sie haben.

Als 2001 in New York zwei Flieger in die Zwillingstürme rasten, übertrug CNN den ganzen Tag die brennenden und letztlich einstürzenden Wolkenkratzer live. Die völlig überraschte und mit den Ereignissen überforderte Fernsehwelt schaltete sich ins Programm von CNN, darunter auch zahlreiche öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten in Europa. Damit war CNN auch für eine breite europäische Öffentlichkeit als Newsplayer angekommen.

CNN veränderte auch die Beziehung von Medien und Politik nachhaltig. Medialisierte Propaganda und Gegenpropaganda wurde zu einem Teil des Geschehens. Man sprach vom „CNN-Effekt“, wenn die Macht der Bilder Regierungen zum Handeln zwingen konnte.

Inzwischen hat CNN nachgerüstet. „Wir sind in der Lage, aus allen Blickwinkeln der Welt ein objektives Bild zu zeichnen“, so Matthias Heinze, CNN-Vice President Commercial Central and Eastern Europe. CNN unterhält aktuell 36 Redaktionen. Damit könne man innerhalb kürzester Zeit überall schnell vor Ort sein, das mache CNN zur schnellsten Quelle für objektive Berichterstattung.

Deutsche Märkte sprechen Englisch

Schnelle Bilder vom Weltgeschehen sind heute kein CNN-Alleinstellungsmerkmal mehr, vor allem im Internet sind private Wackelbilder via YouTube eine schnelle Quelle für News-TV. Das CNN-Logo ist inzwischen immer seltener im Sendematerial von ZIB 2 und Tagesschau zu finden. Gleichzeitig sind die Content- und Affiliate-Beziehungen zu mehreren Publishern und Sendern aus der DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) gewachsen, dazu zählen beispielsweise RTL, oe24.tv sowie CNNMoney Switzerland. Letzterer wurde in diesem Jahr als CNN-gebrandeter Multimedia-Wirtschaftskanal eingeführt.

CNN erreicht in sieben Sprachen weltweit mehr als 475 Millionen Haushalte auf TV-Bildschirmen, Computern und Mobilgeräten. Über Lizenzmodelle senden CNN Türk oder CNN Méxiko. Nach einigen Experimenten hat man sich für den deutschsprachigen Markt für Programm auf Englisch entschieden. Ein Lernprozess. Zunächst stieg CNN 1994 bei dem nur zwei Jahre zuvor gegründeten Nachrichtensender n-tv ein, zeitweise sogar mit einem Anteil von 50 Prozent. (Heute 100% RTL-Gruppe). 1997 wagte CNN ein weiteres Deutschland-Experiment: ein regionales Programmfenster in deutscher Sprache im englischsprachigen Umfeld von CNN International. Die 15-minütige Nachrichtensendung „CNN Deutschland“ wurde dreimal täglich im Programm von CNN ausgestrahlt. „Wir hatten beim damaligen Programmfenster auf Deutsch festgestellt, dass es unsere Zuschauer irritiert hat, wenn ein englischsprachiges Programm plötzlich von einer Sendung auf Deutsch unterbrochen wurde“, so Matthias Heinze.

CNN wende sich heute bewusst an eine internationale Zielgruppe – die Top-Entscheider aus Politik und Wirtschaft – die erwarte ein englischsprachiges Programm. Studien wie die Ipsos Business Elite Survey bestätigen seit Jahren, dass CNN in Europa in der Kernzielgruppe der Top-Manager der meistgenutzte Sender unter den internationalen Sendern sei.Durch eine starke Distribution und Reichweite in Kombination mit einer hohen Markenbekanntheit verfügt CNN über ein großes Publikum in der DACH-Region – sowohl im TV- als auch Digitalbereich. Die DACH-Region zählt zu den wichtigsten Regionen für das CNN-Publikum in Europa“, so CNN.

TV sinkt, Digital steigt

CNN international und CNN in den USA sind zwei voneinander getrennte Programme. Die internationale Redaktion ist unter anderem in London angesiedelt, von dort kommt der Großteil der Programme, der für den internationalen Markt bestimmt ist, ein Teil wird jedoch von CNN US übernommen.

Auf dem Heimatmarkt USA hat der US-Kanal seine unangefochtene Marktführerschaft längst einbüßen müssen und befindet sich im Zangengriff von Mitbewerbern, die das Feld der unvoreingenommenen Berichterstattung längst verlassen haben. Im Vergleich zum erzkonservativen und den Republikanern nahestehenden FOX News (2,4 Mio. Zuschauer), erreicht CNN nicht einmal mehr die Hälfte der Zuschauer (1,07 Mio.)

Von der anderen Seite drückt das bei den Wählern der Demokraten beliebte MSNBC, das mit 1,6 Mio. Zuschauern ebenfalls vor CNN steht. CNN wirbt weiter mit Fakten statt mit Meinung für sich. Ansprüche, die nicht leicht zu halten sind, wenn das Weiße Hause CNN-Reporter vor die Tür setzt und einen ganzen Kanal der Lügen bezichtigt.

Als Meinungskanäle zeichnen sich die Mitbewerber vor allem durch ein Pro- und Contra-Trump-Verständnis aus. Bei CNN besteht man darauf, der Kanal sende als erster ein objektives Bild, vor allen anderen. Inzwischen ist die Talsohle durchschritten, CNN profitiert in Sachen Quote deutlich von Donald Trump und dessen Politik. Obwohl auf Platz drei der US-News-Network zurückgefallen, verfolgten im Jahr 2017 rund 76 Millionen Zuschauer den Nachrichtensender, davon knapp 29 Millionen Zuschauer in der Zielgruppe der 25- bis 54-Jährigen. Seit der Wahl Trumps konnte das Programm in der Primetime bei der Zielgruppe der 25–54-Jährigen um 44 Prozent zulegen.

Im Bemühen, mehr Zuschauer von Kabelkanälen wie Discovery Channel und A&E zu gewinnen, setzt der CNN inzwischen auf Dokus, die den Zuschauern „einzigartige Einstellung und Aufnahmen“ bieten sollen. Nachrichten, so der CNN-Chef, müssten weiter oberste Priorität genießen. In einem Interview mit der „New York Times“ erklärte der CNN-Chef, man habe verstanden, dass Politik auch so etwas wie Sport sei. Auch das gehört zum neuen Selbstverständnis.

Den erhöhten Informationsbedarf verspürt CNN vor allem im Netz. CNN Digital läuft geradezu blendend, denn online übertrifft die Marke jedes Jahr alle Wettbewerber und blieb auch im Juli 2018 führend in den digitalen Nachrichten. So verweist CNN heute mit 115 Millionen Unique Visitors in den USA auf eine höhere Reichweite im Netz als jede andere Nachrichtenquelle.

 

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