Als deutsche Reporterin im Iran

ZDF-Korrespondentin Phoebe Gaa im Iran. Foto: privat

Die ZDF-Korrespondentin Phoebe Gaa ist zuständig für die Berichterstattung aus der Türkei, dem Iran und Afghanistan. Sie ist eine der wenigen westlichen Journalisten, die im Iran vor Ort ist. Mit M sprach sie über die Proteste im Iran und wie sie darüber berichtet.

Als ZDF-Korrespondentin in Istanbul berichten über die Türkei, den Iran und Afghanistan. Wie haben Sie die Situation während der massiven Anti-Regime-Proteste im Iran in den letzten Wochen wahrgenommen?

Das Studio in Istanbul leite ich seit März 2024. Der Iran stand seitdem immer wieder im Vordergrund unserer Berichterstattung: wegen des wechselseitigen Raketenbeschusses mit Israel 2024, dem Zwölf-Tage-Krieg mit Israel und den USA 2025 und wegen der massiven Protestwelle. Die war kraftvoller und größer als alles Vorangegangene in den Jahren. Auch die Repression hat mit vielen Tausend Toten und mutmaßlich zehntausenden Inhaftierten ein selbst für die Islamische Republik besonders brutales Ausmaß erreicht. Insgesamt ist die Situation in Iran wegen der Wirtschafts-, Energie- und Wasserkrise, des tiefen Grabens zwischen dem Regime und dem überwiegenden Teil der Bevölkerung und auch der außenpolitischen Dynamik äußerst volatil.

Wie lässt sich in so einer Situation über und aus dem Iran berichten? Wie arbeiten Sie?

Wenn wir etwa zur Wasserkrise und zur Energieknappheit berichten, gehen wir klassisch vor: Wir denken dann über einen passendes Konzept nach, suchen nach guten Gesprächspartner*innen und Protagonist*innen und entwickeln eine Idee, wie sich das das Ganze fürs Fernsehen umsetzten lässt. Es gibt allerdings auch besonders sensible Themen – dazu gehören Themen aus dem militärischen Bereich, aber auch die Menschenrechte. Hier ist es dann wesentlich schwerer, Gesprächspartner zu gewinnen oder in Interviews offene, ehrliche Antworten zu bekommen. Es kam zudem vor, dass wir im Nachhinein Kritik aus dem Ministerium erhalten haben. Dabei handelte es sich um Einwände, die ich als unabhängige Journalistin meist nicht gelten lassen kann. Berichterstattung aus Iran macht nur Sinn, wenn wir gemäß den Fakten, und kritisch berichten können. Aber um unsere Gesprächspartner und unser lokales Team nicht zu gefährden, und damit ich weiterhin ein Visum und eine Akkreditierung erhalte, müssen wir uns mit der Kritik aus dem Ministerium auseinandersetzen und gewisse rote Linien akzeptieren.

Das iranische Regime agiert oft äußerst willkürlich. Wie gehen Sie damit um, dass Sie als Journalistin abhängig sind von einer staatlichen Akkreditierung und einer Einreiseerlaubnis?

Wenn ich in den Iran einreise, begebe ich mich in ein Land, für das das Auswärtige Amt vor willkürlichen Verhaftungen von deutschen Staatsbürgern warnt. Auf das Rechtssystem ist nur sehr begrenzt Verlass und auch mit konsularischer Hilfe kann man nur begrenzt rechnen. Alle diese Dinge bedenke ich natürlich mit, und bespreche sie mit unserer Chefredaktion und dem ZDF-Sicherheitsmanagement. Vor allem unsere lokalen Mitarbeiter*innen sind dem Druck der iranischen Behörden ausgesetzt. Aber wir sind als ZDF schon seit Jahrzehnten dauerhaft in Iran präsent, haben eine Genehmigung des Kulturministeriums, ein Büro in Teheran zu betreiben. Ich gehe davon aus, dass das so bleibt.

Wie ist es für Sie als Frau, aus dem Iran zu arbeiten?

Es kommt vor, dass ich mit einem reinen Frauenteam arbeite. Das kann bei konservativen oder regimetreuen Interviewpartnern für Überraschungen sorgen. Manchmal lassen Menschen genau in einer solche Situation kurz ihre Fassade fallen, rücken von vorgefertigten Antworthülsen ab. Ein Dreh beim Freitagsgebet zum Beispiel ist mit einem reinen Frauenteam allerdings nur im separaten Frauenbereich möglich. Andererseits kommen wir, vor allem dank meiner Producerin, oftmals an iranische Frauen besser heran. Womit ich mich insgesamt extrem unwohl fühle, das ist der staatliche Kopftuchzwang. Uns Frauen lässt die Kleiderordnung jederzeit spüren, dass die Islamische Republik eine untergeordnete Rolle für uns vorsieht.

Während der Niederschlagung der letzten Proteste hat das Regime das gesamte Land von der  Außenwelt isoliert und das globale Internet sowie das Telekommunikationsnetz abgeschaltet. Wie konnten Sie in einer solchen Situation arbeiten?

Wir alle sind es gewohnt, uns quasi in Echtzeit über Videos oder Chats zu informieren und uns so ein Bild davon zu machen, was in anderen Landesteilen los ist oder wie das Ausland auf Dynamiken vor Ort reagiert. Durch den Blackout waren wir aber von einem Moment auf den nächsten auf uns allein gestellt. Uns blieb nichts anderes übrig, als auf eine ganz klassische Art zu recherchieren: wir sind losgezogen und haben mit Leuten gesprochen, was normalerweise nur ein Baustein unter vielen ist. Unsere Kontakte wollten am im Gespräch über das interne iranische Telefonnetz  nicht darüber sprechen, was sie auf der Straße erlebt hatten, so dass wir versuchen mussten, sie persönlich zu treffen. So hat sich unser Bild von der Situation im Land erst langsam zusammengesetzt. Darüber berichten konnten wir allerdings erstmal nicht, weil es technisch unmöglich war, die Geschichten aus dem Land zu senden. Das war ein frustrierendes Gefühl. Denn uns war ja klar, dass das, was hier vor Ort passiert, womöglich entscheidend ist für die Zukunft der Islamischen Republik . Als ich dann wieder Verbindung zum Ausland aufnehmen konnte, wurde mir klar, dass dort viele Menschen dachten, die Proteste wären gar nicht niedergeschlagen worden, sondern immer noch voll in Gang. Das hat für mich gezeigt, wie wichtig es ist, ReporterInnen vor Ort zu haben – trotz aller Einschränkungen für die unabhängige, freie Berichterstattung.

Wie haben Sie die Stimmung im Land wahrgenommen, als die Proteste noch in Gang waren?

Bei großen Teilen der Bevölkerung herrschte eine massive Wut. Sie war viel deutlicher zu spüren als zum Beispiel in Russland oder Belarus, von wo ich vor Jahren auch über Proteste berichtet hatte. Bei den Protestierenden im Iran herrschte eine Mischung aus Verzweiflung und der Hoffnung. Viele dachten, dass jetzt der Moment gekommen sei, in dem sich endlich wirklich etwas verändert lässt, weshalb es Sinn mache, trotz der extremen Repression auf die Straße zu gehen.

Wie war das bei den indifferenten und regimetreuen Iraner*innen?

In Teheran habe ich zwei große Pro-Regime-Demonstrationen besucht. Auch da kommen zehntausende Menschen auf die Straße, mobilisiert über das Staatsfernsehen oder SMS, die sie trotz des Shutdowns regelmäßig vom Account des Obersten Führers Ali Khamenei oder von der Polizei erhalten haben. Die Menschen auf den Pro-Regime-Demonstrationen wirkten damals entschlossen, aber mitunter auch etwas pflichtschuldig. In der Vergangenheit habe ich massivere Sprechchöre oder eine aufgebrachtere Stimmung beobachtet.

Haben Sie auch festgestellt, dass die Menschen Angst haben vor einer krassen Eskalation, etwa vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen zwischen den Paramilitärs und den Demonstrierenden?

Nein, das war tatsächlich weniger ein Thema. Viel eher gab es Angst vor einem Militärschlag durch die USA – auf beiden Seiten. Bei manchen IranerInnen gab es sicherlich auch die Hoffnung darauf, weil das vielleicht ein Moment des Chaos auslösen würde, in dem die Protestbewegung noch einmal stärker werden könnte. Viele aber haben Angst. Der Zwölf-Tage-Krieg im letzten Jahr hat ihnen vor Augen geführt, wie wenig der Iran in der Lage ist, seine Bevölkerung vor Raketenangriffen zu schützen. Es gibt kaum Bunker, keinen Luftalarm oder sonstige Frühwarnsysteme.

Haben Sie als Reporterin in dieser dynamischen, äußerst gewalttätigen Situation auch selbst Angst gehabt?

Um möglichst rationale Entscheidungen zu treffen, schiebe ich viele Gefühle mit der Einreise von mir weg. Über die Situation und mögliche Gefahrenszenarien spreche ich selbstverständlich immer wieder mit meinem Team: Wie können wir uns schützen, wie weit können wir gehen, um über das, was im Land los ist, wahrheitsgemäß zu berichten? Unsere Aufgabe ist es über die Toten, die Gewalt und die Menschenrechtsverletzungen zu sprechen. Aber wir müssen eben aufpassen, gewisse Grenzen nicht zu überreizen. Wenn uns zum Beispiel verboten wird, in einer Leichenhalle zu drehen, dann müssen wir das akzeptieren – und für Berichte dann auf Social-Media-Videos zurückgreifen.

Wie nehmen Sie die deutsche Iran-Berichterstattung insgesamt war?

Deutsche Journalist*innen neigen dazu, einzelne Personen als den Retter hochzustilisieren. Das war in Russland Nawalny, in der Türkei Imamoglu und in Iran jetzt der Sohn des 1979 gestürzten Schah. Oft wird dann nicht mehr so richtig hinterfragt: Wer ist diese Person denn eigentlich und wie sähe dieser Wandel aus, den sie bringen könnte? Zudem habe ich das Gefühl, dass es in Deutschland eine fast schon naive, romantische Vorstellung davon gibt, was allein friedliche Straßenproteste in einem autoritär regierten Land auslösen können, dessen Machthaber den Sicherheitsapparat hinter sich haben, und bereit sind, Zehntausende zu töten oder ins Gefängnis zu stecken. Da gibt es manchmal sehr hohe Erwartungen an die Bevölkerung.

 

 

 

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