Exodus aus dem Iran

Die größte „Journalistenwanderung“ der letzten Jahre

Für iranische Journalisten ist die Arbeit seit Monaten ein Wagnis: Seit der umstrittenen Präsidentschaftswahl im vergangenen Juni wurden mehr als hundert Medienschaffende festgenommen. Im Januar waren mehr als 30 von ihnen noch immer hinter Gittern. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ (ROG) nennt den Iran deshalb das „größte Gefängnis für Journalisten weltweit“. Denn mittlerweile sind dort mehr Redakteure und Blogger inhaftiert als in China – das Land trug bisher diesen unrühmlichen Titel.


Gegen mehrere Journalisten haben iranische Gerichte drakonische Strafen verhängt: Am 4. Januar beispielsweise wurde Bahaman Ahamadi Amoee zu sieben Jahren und vier Monaten Gefängnis und 34 Peitschenhieben verurteilt. Der reformorientierte Reporter war bereits am 20. Juni im Zuge der Proteste nach den Präsidentschaftswahlen festgenommen worden.
Da verwundert es nicht, dass seit Juni schon etwa 50 (!) Journalistinnen und Internet-Autoren nicht länger bereit waren, ihre Freiheit zu riskieren. Genauso wenig wollten sie jedoch die Propaganda der Regierung verbreiten, nachdem die Behörden viele als regierungskritisch geltende Medien geschlossen hatten. So sahen sie nur einen Ausweg: In Angst um ihr Leben entschlossen sie sich zur Flucht. Es dürfte die größte Journalistenwanderung der letzten Jahre sein.
„Die wenigsten schafften es bis in ein sicheres Exilland“, erklärt Alexandra Tryjanowski von ROG: „Manche zahlten Schmugglern viel Geld, um zumindest bis in den Irak, nach Syrien, Afghanistan oder in die Türkei zu gelangen. In all diesen Ländern sind sie nicht gerade willkommene Gäste. Einige sind von Abschiebung bedroht, anderen dürfte der iranische Geheimdienst auf der Spur sein.“
Die „Reporter ohne Grenzen“ haben daraufhin eine Kampagne gestartet, um die geflüchteten iranischen Journalisten zu unterstützen. Dabei geht es um Hilfe bei der Visaerteilung damit sie in sichere Länder weiterreisen können, um Unterstützung bei eventuellen Asylverfahren oder um materielle Hilfe bei der Bestreitung des Lebensunterhalts. Auch eine neue berufliche Perspektive soll langfristig ermöglicht werden, zum Beispiel durch Stipendien in Westeuropa.
Auch die deutsche ROG-Sektion engagiert sich für die bedrohten Kolleginnen und Kollegen aus dem Iran. Das kostet Geld, und deshalb hat ROG einen Spendenaufruf gestartet:
Reporter ohne Grenzen
Konto: 566 7777 080
Berliner Volksbank
BLZ: 100 900 00
Verwendungszweck: Iran

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Spanien droht Musk mit Strafen

Für Elon Musk, Chef der Online-Plattform X ist der spanische Regierungschef ein „Tyrann“ oder ein „Faschist“. Pedro Sanchez will "Tech-Oligarchen" wie Musk persönlich strafrechtlich für Inhalte auf ihren Plattformen und für Manipulationen an Algorithmen verantwortlich machen und ein Social-Media-Verbot für junge Menschen einführen.
mehr »

EU braucht gemeinsame Regeln

Ist das Herkunftslandprinzip der Europäischen Union im Medienbereich heute noch zeitgemäß? Um diese Frage und viele weitere drehte sich die Diskussion auf der alljährlichen Konferenz der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle in Brüssel. Einfache Antworten gab es nicht.
mehr »

RSF: Pressefreiheit unter hohem Druck

Viele Reporter*innen in Deutschland sehen den Journalismus im Land großen Bedrohungen ausgesetzt. Das zeigt auch die am 3. Februar veröffentlichte Nahaufnahme 2026: RSF-Report zur Lage der Pressefreiheit in Deutschland. Vor allem die Delegitimation der journalistischen Arbeit wird befeuert durch politische Akteure, digitale Hetze und neue publizistische Milieus, die mit Zuspitzung und Desinformation immer mehr Reichweite erzielen.
mehr »

Meta ignoriert Transparenzvorgaben

Leicht wahrnehmbar, unmittelbar erreichbar und ständig verfügbar: So müssen etwa Social-Media-Plattformen offenlegen, nach welchen Kriterien sie Inhalte auswählen, anzeigen und sortieren. Auch der Einsatz von Algorithmen muss verständlich erklärt werden. Das schreibt der Medienstaatsvertrag vor. Weil Facebook sich nicht daran hielt, griff die Medienaufsicht ein. Doch gegen die Beanstandung klagt der Meta-Konzern. Vor Gericht geht es um grundsätzliche Rechtsfragen.
mehr »