Neue Freiräume für Kritik

Kubas Radios in der Wirtschaftskrise und Zensurvorwürfe

Interview mit Luís Morlote Rivas, Radio- und Fernsehproduzent und Abgeordneter der Nationalversammlung Kubas und Präsident der „Asociación Hermanos Saíz“ (AHS), die sich für Jugendkultur einsetzt. Er war in den vergangenen Jahren Programmdirektor mehrerer Radio- und Fernsehsender.

Luís Morlote Rivas Foto: Christian von Polentz / transitfoto.de
Luís Morlote Rivas
Foto: Christian von
Polentz / transitfoto.de

M | In Kuba gibt es vier landesweite Fernsehsender, weitaus wichtiger aber ist das Radio für die Bevölkerung. Wie sind die Radiosender in Kuba aufgestellt?

Luis Morlote Rivas | Wir haben in Kuba neben überregionalen Sendern über 90 Radiostationen in den Provinzen und Landkreisen – teilweise mit starken regionalen Besonderheiten. Und schließlich die kommunalen Basisradios, die wie offene Kanäle funktionieren. Ihr Programm orientiert sich vor allem an den alltäglichen Bedürfnissen der Hörerschaft, während die nationalen Radiostationen mehr für das umfangreiche Informations-, Bildungs- und Kulturprogramm verantwortlich sind. Bildung und kulturelle Inhalte sind stark gewichtet, weil es zentrale Themen der sozialistischen Gesellschaft sind, die wir in Kuba aufbauen. Die Mehrheit der Radiostationen senden 24 Stunden und heute wird das Programm fast immer live übertragen.

Weshalb haben sich Live-Sendungen durchgesetzt?

Das ist auf die „Spezialperiode“ zurückzuführen, einem staatlichen Notwirtschaftsprogramm Anfang der neunziger Jahre, das auf den Zusammenbruch der Sowjetunion zurückzuführen war. In der damaligen schweren Wirtschaftskrise gab es kaum materielle Ressourcen. Das hat vor allem das konstenintensive Fernsehen getroffen, dessen Aufgaben nun vom Radio übernommen werden mussten. Im Radio hat diese jähe Aufwertung zu einer dynamischeren und schnelleren Arbeit geführt. Es gab keine vorproduzierten Sendungen mehr, internationale Ereignisse wie die US-Invasion in Irak wurden live übertragen und kommentiert. Es gab auch den Versuch, die Programmgestaltung der verschiedenen Stationen anzugleichen. In bestimmten historischen Situationen hatte das vielleicht Sinn. In den schwersten Zeiten der Spezialperiode etwa sollten alle Radios ein zentral produziertes Nachrichtenprogramm ausstrahlen, damit die Bevölkerung den gleichen Informationsstand hat. Aber danach hat man sich schnell darauf besonnen, eine eigene regionale und lokale Programmgestaltung zu fördern. Im Escambray-Gebirge oder im Gebirgszug der Sierra Maestra hat das Radio beispielsweise eine sehr soziale Funktion. Es informiert über soziale Ereignisse, Märkte oder ruft die Menschen bei Bedarf zur Hilfe.
Auch die Auflagen der Zeitungen sind in dieser Krisenzeit drastisch zurückgegangen, was wiederum Auswirkungen auf das Radio hatte.

Es gab Probleme mit dem Zeitungsversand, vor allem wegen des Benzinmangels?

Ja, mehrere Zeitungen gingen daher dazu über, ihre Tagesausgaben auch im Radio verlesen zu lassen. Ich erinnere mich zum Beispiel an das Programm Rebelde en Rebelde. Bei Radio Rebelde wurde die jeweilige Ausgabe der Tageszeitung Juventud Rebelde verlesen. Es kamen Kommentatoren und Gäste ins Studio.

Wie finanzieren sich die Radiostationen?

Kubanische Radiostationen werden vollständig vom Staat finanziert. Das betrifft die Gehälter und auch die Gerätschaften.

Und was bedeutet das für die Kontrolle der Programme?

Es bedeutet zunächst, dass Radio und auch Fernsehen in Kuba dem öffentlichen Interesse dienen. Dem Selbstverständnis nach befinden sich Radio und Fernsehen in der Hand des Volkes, so wie der sozialistische Staat auch die Produktionsmittel besitzt. In Folge gibt es auch keine kommerzielle Werbung. Die gesamte Sendezeit steht für Information, soziale Kampagnen und Bildung zur Verfügung. Ich glaube, in Kuba existieren heute noch die einzigen Radiosender Lateinamerikas, in denen ganze Romane von Tolstoi oder Balzac inszeniert werden.

Dennoch wird außerhalb Ihres Landes immer wieder über Zensur geklagt. Gibt es politische Zensur in Kubas Medien?

Sehen Sie, auch in Kuba verfolgt das Radio und Fernsehen eine bestimmte Informationspolitik wie man sie in Medien weltweit vorfindet. Diese redaktionelle Linie kubanischer Medien steht im Einklang mit dem revolutionären Prozess. Die Medien dienen der Mehrheitsmeinung. Die Inhalte der Medien sollen zum Aufbau der sozialistischen Gesellschaft beitragen.

Das heißt?

Ich möchte das so sagen: In Kuba gibt es eine rote Presse, keine Yellow Press. Neben den genannten inhaltlichen Schwerpunkten wird viel Wert auf eine objektive und verifizierte Berichterstattung gelegt. Das führt oft zu einer Verzögerung, weil man immer erst auf eine offizielle Information wartet oder auf ein Kommuniqué. Das ist ja gerade auch etwas, was uns von politischen Gegnern und einigen unserer Freunde immer wieder vorgeworfen wird. Und es erlaubt den erklärten Gegnern der Kubanischen Revolution, bestimmte Ereignisse in ihrem Sinne zu verdrehen, während unsere Medien noch schweigen. Im Juni dieses Jahres wird der Kongress der Kubanischen Journalistenvereinigung UPEC stattfinden. Dort wird dieses Thema sicher auch diskutiert werden.

Die UPEC setzt sich als Gewerkschaft für die Interessen der Journalisten ein?

Die Kolleginnen und Kollegen sind in der Kulturgewerkschaft organisiert. Ihr Interessenverband daneben ist die „Kubanische Journalistenunion“, die UPEC. Dieser Verband hat sich zum Beispiel sehr dafür eingesetzt, dass trotz der knappen Ressourcen Journalisten bei der Vergabe von Computern, E-Mail- und Internetzugang bevorzugt behandelt werden, damit sie uneingeschränkt auf die internationalen Medien Zugriff haben. Aber auch bei Themen wie Wohnraum, Fahrzeugen oder Benzin hat sich die UPEC immer dafür eingesetzt, dass Journalisten ihren Beruf bestmöglich ausüben können. Dazu kommt, dass Journalisten aufgrund ihrer gesellschaftlichen Verantwortung relativ hohe Einkommen haben.

Und wer entscheidet am Ende, welche Themen in den Medien behandelt werden und wie mit Kritikpunkten umgegangen wird?

Zunächst haben wir viele Kolleginnen und Kollegen, die mit einem hohen Maß an Professionalität arbeiten. Sie entscheiden täglich über die Berichterstattung und Schwerpunktsetzung. Daneben gibt es natürlich eine politische Linie der (regierenden Kommunistischen) Partei, die eine politische Führungsrolle einnimmt. In der Mehrheit der Staaten weltweit gehören die Medien mehrheitlich zu großen Pressekonzernen, die wirtschaftliche und politische Interessen verfolgen. In Kuba gibt es das nicht. Die kubanischen Medien vertreten die Interessen der Bevölkerung.

Staats- und Regierungschef Raúl Castro hat eine kritischere Haltung der kubanischen Presse eingefordert. Bei seinem Bericht an den VI. Parteitag im April 2011 nannte er die Medien „selbstgefällig“ und „langweilig“. Gab es seither eine Veränderung?

Präsident Raúl Castro hat in den vergangenen Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass die Presse bestehende Probleme benennen muss. Und auch wenn es noch immer Defizite gibt, beginnen sich Freiräume für eine neue Kritik und Debatte zu öffnen, die während Jahrzehnten nicht bestanden haben. Die Veränderungen seither sind vor allem in der Tageszeitung Granma sichtbar.

… dem Zentralorgan der regierenden Kommunistischen Partei Kubas.

Dort erscheinen regelmäßig Leserbriefe, in denen Probleme etwa von Arbeitern und Angestellten thematisiert werden. Oft wird bei Fehlentwicklungen harsche Kritik geübt, etwa an mangelhaften Betriebsführungen. Schon vor der Rede von Raúl gab es eine neue kritische Haltung. Etwa die Sendung Hablando Claro von Radio Rebelde. Dieses Programm und andere sind Beispiele dafür, wie bestehende Probleme der kubanischen Gesellschaft offen diskutiert und Verantwortliche benannt werden. Zugleich denke ich aber auch, dass sich die kubanischen Medien generell noch nicht in dem Maße verändert haben, wie das nötig wäre.

Was müsste denn weiter geschehen?

Es ist mehr Bewusstsein über die Rolle der Massenmedien nötig. Und, ja, womöglich hat sich wegen des fehlenden Konkurrenzdrucks eine gewisse Selbstgefälligkeit breit gemacht. Auch heute noch sind sich nicht alle Redaktionsleitungen darüber im Klaren, dass die kubanische Presse kämpferischer sein muss. Aber ich habe in diesem Zusammenhang viel Hoffnung in den bevorstehenden Nationalkongress des Journalistenverbandes.
Anders als in den achtziger Jahren gibt es heute zudem neue Medien. Wie in anderen Teilen der Welt gibt es auch in Kuba Menschen, die kein Fernsehen oder Radio mehr einschalten, sondern die Sendungen auf ihren Computern sehen. Heute gibt es auch in Kuba die Möglichkeit, über das Internet oder Speichermedien wie USB-Sticks an alle möglichen Inhalte zu kommen. Darunter gute, qualitative Inhalte und natürlich auch den medialen Müll, der im Netz zirkuliert.

Heißt das, der Staat hat seine Medienhoheit verloren?

Ja, so wie überall in der Welt. Die sogenannte Demokratisierung der Medienlandschaft hat mit dem Aufkommen neuer Medien den Konsumenten ein Stückweit zum Produzenten gemacht. Auch wenn in Kuba die führenden Radio- und Fernsehkanäle, die Kinos und Theatersäle weiterhin Eigentum des sozialistischen Staates sind, gibt es alternative, parallele Verbreitungskanäle. Die Herausforderung für die Medien in Kuba besteht darin, qualitativ hochwertige Programme zu gewährleisten und damit einen Gegenpol zu banalen Inhalten zu schaffen, die über andere Wege Verbreitung finden.

Das Internet spielt also eine zunehmende Rolle?

Wenn wir vom Internet in Kuba sprechen, dürfen wir die technischen Probleme nicht verschweigen. Die US-Blockade hat bislang verhindert, dass wir schnelle Verbindungen nutzen können, deswegen musste das kubanische Internet über Satellit verbunden werden. Die Folge waren teure und langsame Verbindungen. Vor wenigen Wochen wurde ein neues Datenkabel aus Venezuela in Betrieb genommen. Auch das wird aber keine rasche Lösung bringen. Wie in den vergangenen Jahren wird Kuba den Zugang zum Internet weiter nach sozialen Kriterien regeln: Öffentliche Institutionen, Schulen und Universitäten haben Vorrang. Es gibt heute schon eine ganze Reihe Weblogs sowie öffentliche und private Internetseiten, deren Informationen das Bild der Massenmedien von Kuba ergänzen. Hunderte Journalisten, Schriftsteller und Künstler haben nicht nur Zugang zum Internet, sondern arbeiten mit eigenen Online-Publikationen.

nach oben

weiterlesen

Wegen Online-Videos aus Wuhan verurteilt

Aktion für Bürgerjournalistin Zhang Zhan in China: Mit ihrer Kamera hat Zhang Zhan seit Februar 2020 über den Ausbruch der Corona-Pandemie in der chinesischen Stadt Wuhan berichtet und so dazu beigetragen, dass die Ausbreitung der Viruserkrankung überhaupt bekannt wurde. Die chinesischen Behörden haben diese Transparenz unterbunden und bestraft. Im Mai 2020 wurde die Journalistin inhaftiert, im Dezember kam es noch schlimmer für sie.
mehr »

Medien in Washington massiv angegriffen

Washington bot in der letzten Nacht ein Bild der Gewalt und des Chaos. Anhänger des abgewählten Präsidenten Trump hatten das Kapitol, Sitz des US-Parlaments, gestürmt. Dort sollten zu diesem Zeitpunkt die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl zertifiziert werden. Die Sitzung wurde abgebrochen. Jüngsten Berichten zufolge gab es vier Tote und mindestens 50 Festnahmen. Medien wurden massiv von radikalen Protestierern attackiert.
mehr »

Briten liefern Assange nicht an die USA aus

Ein Londoner Gericht hat die Auslieferung von Julian Assange an die USA abgelehnt. Das sorgte zunächst bei vielen Journalisten- und Menschenrechtsorganisationen für Erleichterung. „Die Entscheidung für eine Auslieferung wäre einer Bankrotterklärung des Rechtsstaats gleichgekommen und hätte verheerende Folgen nicht nur für Julian Assange, sondern für den Journalismus und die Pressefreiheit weltweit“, erklärte dazu Monique Hofmann, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di.
mehr »

Journalist Can Dündar zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt

Der türkische Journalist Can Dündar ist am 23. Dezember zu einer mehr als 27jährigen Haftstrafe verurteilt worden. Wegen Terrorunterstützung und Spionage, heißt es in dem Urteil der 14. Istanbuler Strafkammer. ver.di zeigte sich „schockiert und fassungslos“ angesichts des Urteils. Es habe „nichts mit Rechtsstaatlichkeit zu tun, sondern ist die politische Entscheidung eines Willkürregimes", sagte Christoph Schmitz, Mitglied des ver.di-Bundesvorstandes.
mehr »