Verschwunden in Berlin

Kolumbianischer Journalist im Exil – einer von vielen

Der kolumbianische Journalist und Filmemacher Erick Arellan Bautista lebt in Berlin im Exil, weil das kolumbianische Militär ihn mit dem Tod bedroht. Im vergangenen Jahr ist er zu Dreharbeiten über die Angehörigenorganisation ASFADDES nach Bogotá zurückgekehrt.

Desaparicidos, Verschwundene, nennt man in Kolumbien die Männer und Frauen, die plötzlich verschwinden, ohne dass ihre Familie oder Freunde wissen, wo sie sind. Fast alle werden wegen ihrer menschenrechtlichen oder politischen Arbeit von der Regierung, dem Militär oder den Paramilitärs ermordet und anonym verscharrt. In Kolumbien, wo pro Tag 14 Menschen dem Bürgerkrieg zwischen Staat, Guerilla, Paramilitärs und Drogenkartellen zum Opfer fallen, gelten momentan etwa 4.000 Menschen als verschwunden. Der heute 27jährige Journalist Erick Aurellana Bautista ist vor drei Jahren aus Kolumbien ins Exil in die Bundesrepublik geflohen, weil er von Militärs mit dem Tode bedroht wurde. Ihn will die gleiche Militärbrigade ermorden, die zehn Jahre vorher seine Mutter, eine Aktivistin der inzwischen aufgelösten M 19-Guerilla, getötet hat. Auch sie war eine Verschwundene, bis man ihre Leiche 1990 in einem Plastiksack neben einer Straße fand. „Jetzt muss ich sie nicht mehr suchen“, sagt Erick heute. „Sie ist zu unserer Familie zurückgekehrt.“

Erick Bautista hat in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens mit 10 Millionen Einwohnern, Journalismus studiert. Während seines Studiums arbeitet er für kleinere Zeitungen und recherchiert Menschenrechtsverletzungen durch das Militär und die Paramilitärs, die eng zusammenarbeiten. Die Paramilitärs, eine von Großgrundbesitzern finanzierte Privat-Armee, sind für ihre grausamen Folterungen und Morde in Kolumbien gefürchtet. Sie massakrieren ihre Opfer mit Kettensägen und verbreiten in den ländlichen Gebieten, die in weiten Teilen von zwei links orientierten Guerilla-Armeen kontrolliert werden, Angst und Schrecken. Erick Bautista schreibt über die Zusammenarbeit von staatlichem Militär und privat finanzierter Söldner-Truppe, beispielsweise auch darüber, dass die 20ste Militärbrigade, die seine Mutter ermordet hat, nicht eingreift, als ganz in der Nähe ihrer Kaserne Paramilitärs ein weiteres Massaker anrichten. Seine Familie gerät ins Visier der Militärs: Fremde Autos mit zwielichtigen Männern stehen vor der Tür und beobachten das Haus, am Telefon werden anonyme Drohungen ausgesprochen. Im Juni 1997 erfährt Erick Bautista, dass in der 20sten Militärbrigade ein Befehl vorliegt, ihn wie seine Mutter „verschwinden“ zu lassen. Innerhalb von vier Tagen verlässt er seine Heimat. Heute lebt er in Berlin.

Im vergangenen Jahr ist Erick Bautista unter dem Schutz von Mitgliedern der Peace Brigades International für sechs Wochen nach Bogotá zurückgekehrt und hat dort einen einstündigen, sehr eindrucksvollen Film über das Leben und die Arbeit der Angehörigenorganisation ASFADDES gedreht. ASFADDES – zumeist Frauen, meistens die Mütter der Verschwundenen – hat sich vor etwa 20 Jahren in Bogotá gegründet. Die Mitglieder machen mit Demonstrationen auf die Problematik aufmerksam, geben sich in der Gruppe Kraft und versuchen, ihre Angehörigen zu finden. Ein schier hoffnungsloses Unterfangen: 99 Prozent aller Fälle dieses gewaltsamen Verschwindens werden nie aufgeklärt. Für viele Hinterbliebene ist es schlimmer, nicht zu wissen, wo ihre Angehörigen sind, als endlich Gewissheit zu haben, was mit ihnen passiert ist. Mitglieder von ASFADDES geraten dabei auch immer wieder selbst ins Visier. So sind allein im vergangenen Jahr drei ASFADDES-Aktivisten ermordet worden. Auch die Vorsitzende Josefa Joya, die Asfaddes 1983 gegründet hat, musste vor wenigen Monaten das Land verlassen.


Mit „N.N.“ werden in Lateinamerika die Gräber von Unbekannten bezeichnet, und so heißt auch der Film von Erick Bautista, den er gemeinsam mit Pedro Campoy realisiert hat: „N.N. – den Verschwundenen eine Stimme!“ Er knüpft an an ein anderes gemeinsames Projekt der beiden, in Bogotá Straßen nach Verschwundenen zu benennen.
Die beiden Filmautoren stehen gern für Veranstaltungen zur Verfügung. Kontakt: arellana@yahoo.com


 

Kolumbien und der Journalismus

Kolumbien gilt als eines der gefährlichsten Länder für Journalisten überhaupt. Nach Recherchen der kolumbianischen Journalistin Diana Calderón sind in den letzten fünfzehn Jahren etwa 140 Journalisten Opfer von Mordanschlägen geworden. Allein 2000 sind dreizehn Medienschaffende ermordet worden. Bis Anfang der 90er Jahre galten die „Sicarioas“, die Drogenkartelle von Cali und Medellin, als Drahtzieher der Morde, in den letzten Jahren werden Journalisten aber auch immer häufiger Opfer der Paramilitärs und der beiden Guerillagruppen des Landes. Viele Journalisten fliehen aus Kolumbien. Francisco Santos, Herausgeber der Tageszeitung „El Tiempo“ und einer der angesehensten Journalisten des Landes, verließ Kolumbien Anfang vergangenen Jahres, ihm folgten nach Angaben der Journalistenorganisation Prensa Libre (Freie Presse) mindestens ein Dutzend weitere Journalisten.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Hollywood bleibt Männerdomäne

Für 2023 steht wieder einmal fest: in Hollywood wird vor allem in männerdominierte Filme investiert. Das hat die USC Annenberg Inclusion Initiative in ihrem Jahresbericht festgestellt. Und das vergangene Jahr sei demnach sogar ein „historischer Tiefpunkt weibliche Haupt- und Co-Hauptdarsteller in Top-Filmen" gewesen - trotz des Erfolgs von „Barbie“. Seit 2007 wird an der Universität von Südkalifornien die Ungleichheit in populären Filmen untersucht.
mehr »

Präzedenzfall für die Pressefreiheit

Der britische High Court wird diese Woche über den letztmöglichen Berufungsantrag des WikiLeaks-Gründers gegen seine Auslieferung an die USA entscheiden. Reporter ohne Grenzen (RSF) wird die Anhörung vor Ort im Gericht beobachten und wiederholt den dringenden Appell an die US-Regierung, das Verfahren gegen Assange einzustellen, damit er umgehend freikommt. Wir sprachen mit Ilja Braun von RSF über die Hintergründe des Verfahrens und die Chancen für eine Berufung.
mehr »

Kritik am Digitale-Dienste-Gesetz

Sie erhalten digital eine Morddrohung, ihr Facebook-Post wurde gelöscht oder sie haben plötzlich keinen Zugang mehr zum Account: Für viele regimekritische Exil-Journalist*innen auch in Deutschland gehört das zum Arbeitsalltag. Ein geplantes Gesetz soll ihnen nun helfen, sich effektiver dagegen zu wehren. Reporter ohne Grenzen (RSF)  macht in einer  Stellungnahme deutlich, wo die Rechte von Medienschaffenden noch gestärkt werden müssen. So fordert die Organisation etwa, die Datenweitergabe von Plattformen an das Bundeskriminalamt einzuschränken.
mehr »

Öffentliches Interesse kann Leben retten

Für ihre Arbeit als belarusische Journalistin wurde Iryna Khalip vom Lukashenko-Regime ins Gefängnis gesteckt. Sie wurde für „Mut im Journalismus“ ausgezeichnet. Seit 2020 ist Khalip im Exil und schreibt weiter unter anderem für die „Novaya Gazeta Europa". Derzeit ist sie mit ihrem Mann Andrei Sannikov, dem Exildiplomaten, im Dokumentarfilm „This Kind of Hope“ in Berlin zu sehen.
mehr »