Weniger bedrucktes Papier

Niedergang der Tagespresse in den USA ist ungebrochen – Flucht ins Internet

In der US-amerikanischen Zeitungslandschaft hat Endzeitstimmung eingesetzt. Immer mehr Blätter verzichten darauf, jeden Tag auf bedrucktem Papier zu erscheinen. Sie wandern stattdessen ins Internet ab. Als im vergangenen Mai die in New Orleans beheimatete The Times-Picayune bekannt gab, künftig nur noch dreimal in der Woche gedruckt zu werden, ansonsten aber online zu erscheinen, war ein Höhepunkt der Flucht in das Internet erreicht: New Orleans war die erste US-amerikanische Großstadt, die ohne tägliche Zeitung auskommen muss. „Das Zeitungsgeschäft ist in einem Zustand anhaltender Qual“, fasste der Branchenbeobachter Alan Mutter die Lage zusammen. Insgesamt gelten lokale Webangebote als zentraler Grund für den Niedergang der Tagespresse.

Die Reduzierung der Erscheinungsweise sei die einzige Möglichkeit, das Leben der Times-Picayune langfristig noch zu sichern, teilte der Verlag mit. Eigentümer Steven Newhouse sagte, an den drei gedruckten Tagen könne sich die Redaktion nun besser um qualitativ hochwertige Berichterstattung kümmern, während sie sich die Woche über im Internet erfolgreich dem Wettbewerb um das schnelle Nachrichtengeschäft stellen werde.
Andere Zeitungen versuchten, sich durch eine Insolvenz aus der prekären finanziellen Lage zu retten. In die Pleite schlitterten in den letzten Jahren so renommierte Blätter wie die Los Angeles Times, die Chicago Tribune oder die Denver Post. Das Zeitungsunternehmen Journal Register Company, das unter anderem die Tageszeitung New Haven Register herausgibt, meldete gar im vergangenen September die zweite Insolvenz binnen dreier Jahre an.
Mit der Reduzierung der Erscheinungsweise wollen die Verlage vor allem die hohen Druck- und Vertriebskosten reduzieren. Den Anfang dieser Strategien hatte 2008 die Detroit News, einstmals größte Nachmittagszeitung der USA, gemacht, die ihre Abobelieferung auf zweimal wöchentlich reduzierte. Das Blatt wurde zwar noch täglich gedruckt, ging aber an den anderen Wochentagen nur noch an die Kioske. Auch Zeitungen in den Städten Grand Rapids, Kalamazoo, Muskegon oder Jackson werden zwar noch sieben Tage in der Woche gedruckt, den Abonnenten jedoch nur noch dienstags, donnerstags und sonntags zugestellt. Und die Capital Times aus Madison (Wisconsin) erscheint lediglich noch zweimal in der Woche als Gratisblatt und ist ansonsten nur online zu lesen. Auch die Ann Arbor News, einzige Tageszeitung in der Universitätsstadt Ann Arbor, erscheint nur noch mittwochs und sonntags.
Mehr als 100 Zeitungen seien in den beiden Jahren 2010 und 2011 von der täglichen Erscheinungsweise abgegangen, berichtete das Onlineportal „Newspaper Death Watch“. Vor allem die unwirtschaftlichen Samstags- und Montagsnummern werden aufgegeben. „Jeder weiß zwar, dass gedruckte Ausgaben den Weg der Dampfmaschine gehen werden“, sagte der US-Medienökonom Ken Doctor. Es sei aber doch verwunderlich, wie schnell diese Entwicklung vor sich gehe.
Noch vor etwas mehr als einem Jahrzehnt, als andere Medien noch keine Konkurrenz bedeuteten, brachten 100 eingesetzte Dollar den US-Zeitungseigentümern einen Gewinn von 20 bis 30 Dollar – Margen, wie es sie in keinem anderen Wirtschaftszweig gab. Dann ruinierte die Zeitungskrise das Geschäft. Der amerikanische Medienkonzern Gannett, mit 82 Blättern größte Tageszeitungskette der USA und zudem im Besitz von 23 Fernsehsendern und unterschiedlichen digitalen Medienengagements, verlor etwa seit 2004 rund 80 Prozent seines Börsenwertes – nur die Fernseh- und Internetaktivitäten verhinderten noch schlimmere Einbrüche.

Historische Tiefstände

Der Krise dürfte keine große Besserung mehr folgen, vermutet eine Studie der Columbia University Graduate School of Journalism aus New York. Selbst wenn sich das traditionelle Nachrichtengeschäft wieder stabilisieren sollte, sei es unwahrscheinlich, dass jemals wieder die Profitabilität früherer Jahre erreicht werde. Heute haben sowohl die Zeitungsauflagen als auch die Anzeigeneinnahmen historische Tiefstände erreicht (siehe Abbildung).
So wenige Zeitungen wie heute wurden in den USA seit Beginn der 1940er Jahre nicht mehr verkauft. In den knapp 35 Jahren zwischen 1950 bis 1984 stieg der Absatz um knapp 20 Prozent, um seither in nicht ganz 25 Jahren um fast ein Drittel und damit deutlich tiefer in den Keller zu rauschen.
Auch die Werbeumsätze haben Tiefststände erreicht. Wegen der zurückgehenden Anzeigenerlöse können die ebenfalls sinkenden Vertriebserlöse auch nicht ansatzweise aufgefangen werden – den Zeitungen fehlt immer mehr Geld. Der Rückgang der Werbeeinnahmen sei insgesamt schon erstaunlich, meint Wirtschaftsprofessor Mark J. Perry von der Universität Michigan. „Noch atemberaubender ist jedoch der starke Rückgang in den letzten Jahren.“ Heute liegen die Anzeigeneinnahmen inflationsbereinigt wieder auf dem Stand des Jahres 1952. „Es brauchte 50 Jahre, um bei den jährlichen Anzeigeneinnahmen im Jahr 2000 die Höhe von 63,5 Milliarden Dollar zu erreichen“, so Perry, „und dann lediglich elf Jahre, um 2011 wieder zurück auf 20 Milliarden zu fallen.“ So gingen seit dem Jahr 2000 zwei Drittel der Anzeigenerlöse verloren. Das für die Zeitungen wichtige Anzeigengeschäft werde bis zur Mitte des Jahrzehnts weitestgehend verschwunden sein, prognostizierte der Online-Spezialist Paul Gillin. Andere Experten sehen das Geschäft noch kritischer: „Der Anzeigen-basierte Journalismus ist für immer tot“, so die Studie der Columbia University Graduate School of Journalism aus dem vergangenen Jahr.
Die darbende Zeitungs- und die boomenden Internetwirtschaft entwickeln sich diametral auseinander. Zeitungen waren zwischen 2007 und 2011 mit einem Minus von 28,4 Prozent der am schnellsten schrumpfende Wirtschaftsbereich der USA, während das Internet, nach den erneuerbaren Energien, mit 24,6 Prozent am kräftigsten wuchs, so der Wirtschaftsbericht des US-Präsidenten für das Jahr 2012. Die Folge: Zeitungen werden in großem Ausmaß abgestoßen. Die New York Times Company trennte sich etwa im Jahr 2011 von 16 kleineren Lokalzeitungen, um sich auf das eigentliche Geschäft mit dem Hauptblatt zu konzentrieren. Der Philadelphia Inquirer hat bereits den fünften Eigentümer innerhalb von sechs Jahren.
Die Auguren läuten das Totenglöckchen. 2009 sah das Fachblatt Columbia Journalism Review das „Endspiel der Zeitungswirtschaft“ angebrochen, ein Kampf auf Leben und Tod. Anfang 2016 werden in den USA nur noch eine Hand voll von rund 1.400 Tageszeitungen überlebt haben, prognostizierte Ende 2011 das Center for the Digital Future (UDF) der Universität von Südkalifornien in Los Angeles. „Es ist wahrscheinlich, dass dann nur vier große Tageszeitungen mit globaler Reichweite weiter gedruckt werden: die New York Times, USA Today, die Washington Post und das Wall Street Journal“, so UDF-Direktor Jeffrey Cole. Lokale Zeitungen dürften nur als Wochenblätter und online überleben.
Für den australischen Zukunftsforscher und Social-Media-Experten Ross Dawson gelten die USA zwar als das weltweit erste, aber nicht einzige Land, das ohne gedruckte Zeitung auskommen wird. Er prognostiziert den Tod der letzten gedruckten US-amerikanischen Tageszeitung für das Jahr 2017, Großbritannien und Irland sollen zwei Jahre später folgen. In Deutschland stirbt nach den Angaben Dawsons das letzte Blatt im Jahr 2030.
Diese Flucht ins Internet wird in den USA als so gravierend angesehen, dass die Bevölkerung sich um die Demokratie zu sorgen beginnt. Die Bürger New Orleans hätten sich gefragt, ob bei einem dreimaligen Erscheinen in der Woche Tageszeitungen überhaupt noch ihrer politisch-gesellschaftlichen Wächterfunktion gerecht werden können, schrieb die New York Times.
Wegen der gesellschaftlichen Bedeutung der Presse für das politische Gemeinwesen entstanden unterschiedliche Ideen, die Zeitungen vor dem kapitalistischen Niedergang zu retten. Etwa, indem hochwertiger Journalismus jenseits der Marktgesetze durch Spenden finanziert wird. Die Begriffe Non-profit-Journalismus und Non-profit-Zeitungen bewegen seither die Medientheoretiker in den USA.
Die von der Sandler-Stiftung finanzierte gemeinnützige Redaktion ProPublica betreibt etwa eigens eine investigative Redaktion, die sauber recherchierte Artikel anbietet. Auf der Webseite Spot.us werben US-Journalisten Spenden ein, um Geschichten und Recherchen finanzieren zu können. Die Los Angeles Times sicherte sich einen 1-Millionen-Dollar-Zuschuss von der Ford-Stiftung, um ihre Berichterstattung über Themen wie Einwanderung oder ethnische Minderheiten besser bearbeiten zu können.
Und seit einiger Zeit diskutiert die Öffentlichkeit darüber, ob nicht gemeinnützige Institutionen Zeitungen aufkaufen sollten, um die Blätter unbelastet von Markterwartungen, Schulden oder großen Gewinnspannen im Dienste der Allgemeinheit am Leben zu erhalten. So prüft etwa die wohltätige Abell-Stiftung, ob sie die 1837 gegründete Baltimore Sun kaufen solle, „um staatsbürgerliche Verantwortung zu übernehmen“. Die nationale Steuergesetzgebung und die Komplexität einer Umwandlung von kapitalistischen Zeitungsverlagen in Non-profit-Unternehmen behindern bislang einen solchen Schritt.

Entwicklung verkaufte Gesamtauflage in Milliarden (rot) und Anzeigeneinnahmen in Milliarden (inflationsbereinigt) (blau) Datenquellen: Editor and Publisher International Yearbook (Auflagen); Mark J. Perry, School of Management/University of Michigan (Anzeigenumsätze).
Entwicklung verkaufte Gesamtauflage in Milliarden (rot) und Anzeigeneinnahmen in Milliarden (inflationsbereinigt) (blau) Datenquellen: Editor and Publisher International Yearbook (Auflagen); Mark J. Perry, School of Management/University of Michigan (Anzeigenumsätze).

Initiativen pro Zeitung

Um die hindernde Wirkung der Steuergesetzgebung auszuschalten, versuchte der demokratische Senator des Bundesstaates Maryland, Ben Cardin, eine Gesetzesänderung zu initialisieren. Das Ende der Zeitungsindustrie sei „eine echte Tragödie für die Gemeinden in der ganzen Nation und für unsere Demokratie“. Cardins Traum, durch steuerliche Besserstellungen Zeitungen als Non-profit-Projekt und Stiftungen den Einstieg und Betrieb eines Verlags zu ermöglichen, scheiterten jedoch im Senat.
Der Verleger des New Yorker Boulevardblattes Daily News, Mortimer Zuckerman, forderte vor drei Jahren gar vom US-Kongress, den Verlagen auf ihren Webseiten mit Hilfe von Glücksspielen und anderen Kasinoaktivitäten das Überleben zu ermöglichen.
Während sich das Land um die Tageszeitungen sorgt, sieht ein zu sehr viel Geld gekommener Investor deren Zukunft rosiger. Warren Buffetts Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway kaufte trotz mieser Branchenprognosen im Dezember 2011 erst die Omaha World-Herald aus Buffets Heimatstadt Omaha und anschließend im vergangenen Mai einen Anteil von knapp 20 Prozent am Medienunternehmen Media General Inc., das 63 Zeitungen vertreibt.
Als der Multi-Milliardär die erste Zeitung übernahm, dachte die Finanzbranche noch, der 82-jährige erfolgreiche Geldvermehrer habe sich auf seine alten Tage sentimental-feuchte Augen erlaubt und sich ein biografisch geprägtes Hobby zugelegt. Schließlich stammten schon Buffetts Eltern aus Zeitungshäusern und verdiente auch der kleine Warren als Zeitungsbote erste Dollar.
Als der drittreichste Mensch der Welt dann aber auf einen Schlag in jene Gruppe von Dutzenden Zeitungen investierte, erntete er mehr als Staunen. Das US-Wirtschaftmagazin Forbes diskutierte den Schritt als verrückt und nicht nachvollziehbar. Dagegen schrieb die Businessweek, „Buffett mag ein Faible für Zeitungen haben. Aber wenn es um das Investieren geht, ist er nicht sentimental.“ Buffett bestand trotz aller Hiobsbotschaften auf den guten Perspektiven der Branche: „Berkshire wird vermutlich in den nächsten Jahren weitere Zeitungen erwerben“, teilte er im vergangenen Jahr den Beschäftigten seiner neuen Zeitungsgruppe mit.
Das Internet habe zwar dafür gesorgt, dass Zeitungen ihre Vorrangstellung in Schlüsselbereichen wie nationalen Nachrichten und Sport, Wirtschaftsberichterstattung und auf dem Stellenmarkt verloren hätten. „Aber so ist das nun, und jetzt muss sich die Presse auf lokale Angelegenheiten konzentrieren.“ Damit sich die Zeitungsinvestition rechne, sei es die Aufgabe der Chefredakteure, ihr Blatt als Informationsmedium für den Nahbereich unentbehrlich zu machen, forderte Buffett.
Überleben werden auch nach Buffetts Auffassung längst nicht alle Zeitungen, eine Zukunft hätten aber Blätter in Städten mit einem starken Gemeinschaftssinn der Bevölkerung. Dort gebe es keine wichtigere Institution als die Lokalzeitung. „Daher werden wir uns auf kleine und mittlere Blätter in alteingesessenen Gemeinden konzentrieren.“ Buffetts Neuerwerbung Bryan-College Station Eagle aus dem texanischen 75.000-Einwohner-Städtchen Bryon hat eine Auflage von lediglich 20000, die Waco Tribune-Herald von gut 30.000 Exemplaren. Während sich weltweit die Zeitungen zu immer größeren Einheiten zusammenschließen, gilt für den Milliardär die Devise ‚small is beautiful’.

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