Die Themen werden bleiben

Karin Junker: Raus aus der Politik, rein in den freien Journalismus

Es wird gestapelt und gepackt in Karin Junkers Düsseldorfer Wohnung, gleichzeitig 15 Jahre Büro der SPD-Europaabgeordneten. Umbrüche und Umzüge stehen an im Leben der 63jährigen, die nicht mehr für das Europäische Parlament (EP) kandidiert hat, nach 12 Jahren nicht mehr als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) angetreten ist.

Beschäftigungslosigkeit aber ist das geringste Problem der Frau, deren Markenzeichen immer die Farbe Lila in allen Schattierungen war, durchaus ihr lieb auch als einstmals feministisches Farbsignal. Junker räumt auf und sortiert ihr Leben neu, das sie zu den Wurzeln zurückführen soll: „Ich will mich wieder als freie Journalistin etablieren.“ Ausgebildet als Tageszeitungsredakteurin, hat sie als Pauschalistin gearbeitet, einen Pressedienst betrieben. „Immer Print, dabei bleibe ich, wenn ich 20 Jahre jünger wäre, würde ich noch Fernsehen lernen.“ In den 25 Jahren, in denen sie zunächst zum Gelsenkirchener Oberbürgermeister ging, später ins Straßburger Parlament, in den SPD-Parteivorstand und dessen Medienkommission, in den WDR-Rundfunkrat, hat sie „immer gerne geschrieben, einen Artikel, einen Buchbeitrag, natürlich immer honorarfrei.“ Jetzt also: Bei der Zeitung xy anrufen, Thema anbieten? „Kein Problem, verkaufen kann ich mich“, findet die gebürtige Düsseldorferin. „Ich weiß genau, wie die Arbeitsbedingungen von Freien sind, ich habe mit 10 Pfennig Zeilenhonorar angefangen.“ Wie es Freien heute geht, weiß sie auch, weil sie im WDR-Rundfunkrat seit 1997 Vorsitzende des Programmausschusses ist: „Das ist ein Amt, das mir auf den journalistischen Leib geschneidert ist. Meine Themen sind immer Frauen und Medien, Europa und Entwicklung gewesen, da kann ich viel bewegen und diese Themen werden mein journalistisches Fachgebiet bleiben.“ Sie hat Werkstattgespräche im Ausschuss eingeführt, beispielsweise zum Frauenbild in den Medien. Weiter mitarbeiten will sie im deutsch / französischen Programmbeirat der ARTE G.E.I.E.. Die sozialdemokratische Fraktion im EP hat ihre medienpolitische Sprecherin verloren, will aber deren Kompetenz als Beraterin nutzen. Die Brüsseler Wohnung will sie auch deshalb behalten, man „bekommt vieles schneller mit“. Solch medienpolitisches Interesse vermisst Junker bei ihren Berufskolleg/innen: „Ich kenne kaum Journalisten, die sich wirklich in der Medienpolitik auskennen, obwohl sie doch die Rahmenbedingungen unserer Arbeit bestimmt.“ Das will sie, noch ganz Politikerin, natürlich ändern und sich in ver.di, „ich bin mindestens 30 Jahre Mitglied“, für europäische Medienpolitik engagieren. In der Europäischen Kommission gehörten bislang die Zuständigkeiten für Kultur und Medien zusammen. „Medien als Kulturfaktor hieß das. Jetzt ist die Kultur mit der Bildung zusammen und die Medien sind nur noch ein kleiner Bereich unter dem großen Apparat, der ‚Informationsgesellschaft‘ heißt, da geht’s um Anbieter, Hardware, Netze, immer weniger um Inhalte, um demokratische Meinungsbildung durch unabhängige Medien. Es geht wirklich ans Eingemachte.“

Kaum Jemand kennt sich so gut in der medialen Infrastruktur Afrikas und dem mangelnden Zugang der weiblichen Menschheitsmehrheit zur globalen Kommunikation aus wie sie, als Vizepräsidentin der „Paritätischen Parlamentarischen Versammlung AKP/EU“ war sie im Dezember vergangenen Jahres auf dem Weltinformationsgipfel in Genf. Jetzt will sie diese Erfahrungen nutzen, um mitzuhelfen, den gewerkschaftlichen Blick nach Osteuropa zu lenken: „Dort gibt es kaum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wir müßten mit gewerkschaftlichen Kooperationen unabhängige Medien fördern.“ Da will sie dabei sein, als Journalistin und Kollegin. Konflikte mit ihrer Arbeit in der SPD-Medienkommission sieht sie nicht: „Ich habe oft andere Positionen als andere vertreten, Kompromisse kann ich gut, Diskussionen zusammenführen auch.“ Wie sie derzeit mit der Politik ihrer Partei zurecht kommt? Ein Seufzer, dann ein Lächeln: „Ich bin jetzt eine unabhängige Journalistin“, sagt sie vergnügt und fügt ehrlich hinzu: „Ich muß nicht davon leben.“ Was noch unabhängiger macht.

 

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