Politiker im Pinocchio-Test

Factchecking – ein Mittel journalistischer Recherche in Wahlkampfzeiten

Gerade in Wahlkampfzeiten neigen Politikerinnen und Politiker dazu, uneinlösbare Wahlversprechen zu machen oder den politischen Gegner mit haltlosen Behauptungen zu traktieren. Eine neue journalistische Methode macht aus dieser Not eine Tugend: das Factchecking – auch eines der Themen auf der diesjährigen Jahrestagung von netzwerk recherche. Widersprüchliche Politikeraussagen werden mit den Mitteln journalistischer Recherche auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft und das Ergebnis, häufig auch graphisch aufbereitet, im eigenen Blatt oder in der Nachrichtensendung, vor allem aber im Internet nutzerfreundlich veröffentlicht.

Foto: elgris / Fotolia.com
Foto: elgris / Fotolia.com

Gleich drei Große der journalistischen Zunft machen sich im Wahljahr 2013 daran, Politikerthesen mal genauer unter die Lupe zu nehmen:
Der „Faktomat“ des ZeitMagazins fordert Leserinnen und Leser auf, Politikerbehauptungen mitzuteilen, die der Überprüfung wert wären. Der Faktencheck von heute.de will unter dem Titel „ZDFcheck“ ebenfalls Wahlkampfaussagen von Politikern checken. Mit an Bord sind neben dem ZDF auch der Spartenkanal Phoenix sowie Wikipedia, was im Vorfeld für Aufregung sorgte. Einige Wikipedianer fühlten sich vom öffentlich-rechtlichen Sender vereinnahmt und ausgenutzt. Dass die Überprüfung von Tatsachenbehauptungen zum journalistischen Handwerk wesentlich dazu gehört, zeigt die gut ausgestattete Dokumentationsabteilung des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Deren Leiter, Hauke Janssen, veröffentlicht einmal die Woche auf Spiegel Online den „Münchhausen-Check“.
So ähnlich die verschiedenen Factchecking-Ansätze der Redaktionen inhaltlich sind, so verschieden sind sie in den Herangehens- und Präsentationsweisen. Sowohl das ZDF als auch das ZeitMagazin setzen auf User-Beteiligung – jedoch an sehr verschiedenen Punkten des Prozesses. Die Zeit lässt auf der Internetseite ihre Nutzer darüber abstimmen, welche Themen und Thesen überhaupt untersucht werden sollen. Sie nutzen dabei die Software Adhocracy des Vereins Liquid Democracy. Bekannt geworden ist dieses Programm vor allem als internes Abstimmungstool der Piratenpartei. Die eigentliche Recherche wird dann von den beiden Redakteuren durchgeführt, die den Faktomaten betreuen und die sich gegebenenfalls Hilfe aus den Fachredaktionen der Zeit holen. Den Usern traue man in puncto professioneller Informationsbeschaffung letztlich nicht genug fachliche Expertise zu, erklärt Martin Kotynek, einer der verantwortlichen Redakteure. Die Möglichkeit der User-Beteiligung löst beim Faktomat nicht gerade einen Run aus: an den Abstimmungen beteiligen sich selten mehr als 60 Leser. Die Recherche-Ergebnisse werden auf der Internetseite sowohl als Bericht als auch graphisch in Form einer Ampel dargestellt: Grün, wenn die geprüfte Aussage richtig ist, gelb, wenn sie teilweise wahr ist, und rot, wenn sie falsch ist. Auf diese Weise wurde die Behauptung der Arbeitsministerin von der Leyen, die von den Grünen geplante Erhöhung der Hartz-IV-Sätze ziehe eine Million Menschen in die Arbeitslosigkeit, als falsch widerlegt. Auch SPD-Chef Gabriel wurde von den Zeit-Faktencheckern bereits einer falschen Aussage bezichtigt. Dafür wurden Bekundungen zur Steuerpolitik sowohl der Grünen wie der FDP im Kern für wahr befunden.

Die Weisheit der Massen

Beim ZDFcheck gibt andersherum die Redaktion Politiker-Thesen vor. Bei der Recherche vertrauen die öffentlich-rechtlichen Redakteure um Eckart Gaddum auf die Weisheit der Massen. Insbesondere die Wikipedia-Community ist eingeladen, sich an den Recherchen zu beteiligen. Dafür gibt es eigens einen „Wikipedian in Residence“, den Münsteraner Kommunikationswissenschafts-Studenten Tim Moritz Hector. Auf dessen Wiki-Seite können Check-Vorschläge eingereicht und Projekte, die in Arbeit sind, eingesehen und nachvollzogen werden. Die Ergebnisse werden im Internet graphisch mit einer Fiebersäule illustriert, die von rot (stimmt nicht) bis grün (Thesen stimmen) reicht. Parallel werden die Ergebnisse einzelner Checks auch in der „heute“-Sendung vorgestellt, was sich auf die Klickzahlen im Internet äußerst positiv auswirkt. „Wenn wir im Fernsehen waren, dann gehen die Nutzerzahlen stark nach oben“, erklärt Redaktionsleiter Gaddum, „da hat das Fernsehen als echtes Massenmedium einfach immer noch die stärkere Ausstrahlung“. Allerdings hält sich die Zahl der Mitwirkenden auch beim ZDF in Grenzen: Mit 66 Hinweisen ist die These Jürgen Trittins, mit den grünen Steuerplänen würden 90% der Steuerzahler entlastet (stimmt fast), momentan der Spitzenreiter. Die öffentlichen Diskussionen im ZDFcheck-Forum sind auch nach Ansicht Eckart Gaddums überraschend ausgewogen und diszipliniert. Dennoch steht zur Sicherheit ein Team von vier Redakteuren im Berliner Hauptstadtstudio des ZDF bereit, um moderierend einzugreifen.
Beim Münchhausen-Check des Spiegels ist User-Beteiligung nicht gefragt. Hier machen Journalisten ihre Arbeit. Die rund 70 Redakteure der Dokumentationsabteilung leisten nichts Geringeres als die Verifikation aller zur Veröffentlichung vorgesehenen Beiträge, das heißt die Überprüfung aller Fakten, insbesondere Namen, Zahlen, Zitate und Orte, auf Richtigkeit und Plausibilität und Folgerichtigkeit des Zusammenhangs. Seit Oktober 2012 werden auf Spiegel Online Politikerzitate mit der ganzen Power dieser Dokumentationsredaktion auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Die Ergebnisse werden auch nicht graphisch aufbereitet, sondern klassisch als Report ins Netz gestellt. Am Ende jedes Beitrags wird der Wahrheitsgehalt der strittigen Äußerungen mit Schulnoten beurteilt. Hauke Janssen, der Leiter der Spiegel-Dokumentation, überlegt aber, hier formal nachzulegen und künftig auch mit Visualisierungen zu arbeiten. Themen des Münchhausen-Checks sind zum Beispiel Angela Merkels Äußerung, Deutschland sei kein „Überwachungsstaat“ (ungenügend, Note 6), oder die Behauptung der SPD-Vizechefin Manuela Schwesig, gute Bildung hänge in Deutschland vom Geldbeutel der Eltern ab (nicht ausreichend, Note 5).

Visuelle Darstellung

Die Anregung zum Factchecking von Politiker-Äußerungen erhielt Hauke Janssen vor zwei Jahren, als er bei einem Journalistentreffen im italienischen Perugia den amerikanischen Journalisten Bill Adair kennenlernte. Adair ist der Gründer von Politifact.com, der ersten Plattform fürs journalistische Factchecking der neuen Art. Er war Washington-Korrespondent der Tampa Bay Times. Politifact.com startete im Jahr 2007 während des ersten Obama-Wahlkampfs. Das Augenmerk liegt aber nicht nur auf den Wahlkämpfern um die US-Präsidentschaft. Man versteht sich als Überprüfungsinstanz für Äußerungen von Kongressabgeordneten, dem Weißen Haus, Lobbyisten und anderen Interessengruppen. Von Anfang an wurden bei der Plattform die Ergebnisse visuell mit dem sogenannten Truth-O-Meter dargestellt, das von „true“ über „half true“, „mostlyfalse“ und „false“ bis zum Wahrheitskiller-Urteil „pants on fire“ reichte. Mit der letzten Klassifizierung werden besonders lächerliche Falschaussagen bewertet, sie rührt von einem amerikanischen Kinderreim her: „Liar, liar, pants on fire“ (Lügner, Lügner, die Hose im Feuer). Das „Obameter“ prüft darüber hinaus, ob Präsident Obama die über 500 Wahlversprechen, die er seit 2008 abgegeben hat, auch einhält. In der Washingtoner Redaktion arbeiten mittlerweile 40 Redakteure. „Unsere Form von Factchecking ist die erste echte neue Darstellungsform von Journalismus im Internet“, erklärt Bill Adair. „Darum bemühen wir uns stark um die graphische Darstellung und arbeiten eng mit Programmierern zusammen“. Bei den TV-Duellen Obama contra Romney beim vergangenen US-Präsidentschaftswahlkampf waren die Faktenchecker die klaren Gewinner: Schon während der Ausstrahlung zählte das Stichwort #factcheck im Kurznachrichtendienst Twitter zu den „trendingtopics“.
Der Faktencheck in Wahlkampfzeiten hat, wie leicht einzusehen ist, nicht nur Freunde. Es wurden einige gewichtige prinzipielle Einwände gegen das factchecking erhoben: Den US-Faktencheckern wird vorgeworfen, unausgewogen zu sein und ein bestimmtes politisches Lager vorzuziehen. In den USA korrespondiert das mit dem beliebten Vorwurf des „news bias“ (Tendenz Vorurteil), der auch in Deutschland gerne in der Politikberichterstattung erhoben wird (E. Noelle-Neumann, „Schweigespirale“).
Eine Studie an der University of Minnesota hat die politischen Kräfteverhältnisse bei Politifact.com untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass Aussagen von republikanischen und demokratischen Politikern in einem recht ausgewogenen Verhältnis unter die Lupe genommen werden. Allerdings sind weitaus die meisten Äußerungen, die der Lüge überführt wurden, solche von republikanischen Politikern. Ein eigener Dienst im Internet hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Factchecking seinerseits zu checken (www.politifactbias.com). Das Wappentier der Republikanischen Partei ist der Elefant, und „Elefantenjagd“ wird darum den Faktencheckern vorgeworfen. Verteidiger von Politifact.com führen dagegen an, dass republikanische Politiker vielleicht überproportional dazu neigen, Unwahrheiten zu verbreiten.
Es gibt auch einen systematischen Einwand gegen das journalistische Factchecking. Viele Politikeraussagen eignen sich demnach gar nicht für die Überprüfung, weil es in ihnen gar nicht oder zum überwiegenden Teil nicht um solche Inhalte gehe, denen simple wahr/falsch-Werte zugewiesen werden könnten. Noch weiter gehen die Vorwürfe des Wallstreet Journals gegen Politifact, die dem Dienst vorwerfen, „Politifiction“ zu betreiben: Politifact stehe für einen Trend im Journalismus, Politikeraussagen generell für Desinformation anzusehen, anstatt die Möglichkeit verschiedener Weltanschauungen und verschiedener Perspektiven auf ein und dieselbe Tatsache in Betracht zu ziehen.
Dem Erfolg von Politifact.com tut dies keinen Abbruch. Die Website wurde nicht nur mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, sondern hat mittlerweile auch Ableger in Texas und in Australien. Verschiedene US-amerikanische Tageszeitungen haben sich dem Recherchepool von Politifact.com angeschlossen. Ob den deutschen Factcheckern in den Redaktionen von Zeit, Spiegel und ZDF ähnlicher Erfolg beschieden sein wird, das wird die heiße Wahlkampfphase im Sommer ‘13 zeigen.

Weblinks:

Der ZDFcheck im Netz:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wikimedia_Deutschland_e._V./ZDFcheck
Münchhausen-Check von Spiegel-Online
www.spiegel.de/thema/muenchhausen_check/
Faktomat des ZeitMagazins
https://faktomat.adhocracy.de/instance/faktomat
Der amerikanische Dienst Politifact

nach oben

weiterlesen

Unmut der Filmfrauen

Das Internationale Frauenfilmfestival (IFFF), das vom 14. bis 19. April in Dortmund stattfand, war auch in eigener Sache aktiv. 1987 hatte es sich aufgrund der ständigen Benachteiligung der Frauen in der Branche gegründet. Nun ist die Debatte um Gleichstellung in der Filmindustrie wieder aufgeflammt. Vertreterinnen von „Pro Quote Regie“, eines Zusammenschlusses von etwa 300 Regisseurinnen, forderten in Dortmund ein Ende der Ungerechtigkeiten.
mehr »

Fragwürdige Kehrtwende

Die Deutsche Welle forciert den angestrebten Umbau zu einem globalen Informationsanbieter. Doch die ehrgeizigen Ziele der Intendanz sprengen das vorhandene Budget. Die riskante Konzentration auf einen englischsprachigen Newskanal geht zu Lasten bisheriger Kompetenzen und sorgt schon jetzt für beschäftigungspolitischen Kahlschlag bei den Freien. Zudem schlägt der umstrittene Pakt mit Chinas Staatsfernsehen CCTV hohe Wellen.
mehr »

Aufgescheucht: Verdacht auf Scheinselbstständigkeit

Plötzlich werden Pauschalisten bundesweit Festanstellungen in Zeitschriften- und Zeitungsverlagen angeboten, Freie müssen gehen oder andere Vertragsklauseln akzeptieren. Auslöser sind gezielte Kontrollen von Behörden und Zoll. Auch die Ankündigung der Bundesarbeitsministerin, Gesetze zu verschärfen, scheucht die Branche auf. Man sucht Lösungen für das Problem Scheinselbstständigkeit. Mit mehr Rechtskonformität bei Beibehaltung größtmöglicher Flexibilität. Problematisch wird das da, wo zu lausigen Bedingungen eingestellt wird oder Neuregelungen dazu führen, dass Freie auf der Strecke bleiben.
mehr »

Wechsel der Perspektiven

Aus Anlass des 50jährigen Bestehens der Afrikanischen Union (AU) hat das „Dritte Welt Journalisten Netz“ (DWJN) seinen 5. Globalen Karikaturenwettbewerb organisiert. An dem Wettbewerb zum Thema: „Change the Perspective: Afrikanische Einheit – Trugbild und Täuschung oder Notwendigkeit und Chance“ beteiligten sich 68 Karikaturisten aus 20 afrikanischen Ländern.
mehr »