Porträt: Schlüsselerlebnis

Julia Oelkers Dokumentarfilm „Can’t Be Silent“ erhielt DGB-Filmpreis – aber keine Förderung

Als 1991 in Hoyerswerda Flüchtlinge und Vertragsarbeiter eine Woche lang vom Mob und vom Biedermann belagert wurden, war Julia Oelkers in den USA. Sie, eine Studentin der Freien Universität Berlin und gerade mal 24 Jahre, war noch unsicher, für welche Art von Publizistik oder Journalismus sie sich später mal entscheiden wird. So betrachtet kann man Hoyerswerda als Schlüsselerlebnis bezeichnen. Sie beschloss, an einem Film über diese Ereignisse mitzuarbeiten. Sie lernte den Kameramann Lars Maibaum kennen. Das war der Anfang einer längeren Geschichte und der Beginn einer Liebe zum Dokumentarfilm.

Julia Oelkers Foto: Lars Maibaum
Julia Oelkers
Foto: Lars Maibaum

In den achtziger Jahren waren im Westteil Berlins eine ganze Reihe Videowerkstätten entstanden, die dem deutschen Dokumentarfilm neue Impulse verliehen. „Autofocus“ war eine von ihnen und mit diesem Medienkollektiv produzierte Julia Oelkers ihre erste Videodokumentation. Im Mittelpunkt stand Manuel Nhacutou, Vertragsarbeiter aus Mocambique, den sie zwanzig Jahre später noch einmal mit der Kamera nach Hoyerswerda begleitete. Daraus entstand eine eher düstere Erinnerung an eine Vergangenheit, die in die Gegenwart reicht, weil manches sich nicht geändert zu haben scheint.
Dokumentarfilme fristen hierzulande ein zu wenig beachtetes Dasein. Sie werden nur selten gefeiert und mit Preisen bedacht, sie sind meistens unterfinanziert und leben fast immer davon, dass engagierte Leute sich selbst ausbeuten. Im Jahr 2012 wurden Kinofilme mit 185,46 Millionen Euro gefördert, Dokumentarfilme mit 5,92 Millionen.
Julia Oelkers, die unter anderem als freie Journalistin für den Rundfunk Berlin-Brandenburg arbeitet, hat im Juni 2013 den DGB-Filmpreis bekommen. Es ist ein mit 7.000 Euro dotierter Publikumspreis. Der Film, von dem das Publikum des Internationalen Filmfestes Emden-Norderney so begeistert war, heißt „Can’t Be Silent. On tour with the Refugees“. Er erzählt ein Stück sehr deutsche Wirklichkeit. Im Guten, wie im Schlechten: Heinz Ratz ist ein Musiker und seine Band heißt „Strom & Wasser“. 2012 ist die Band zusammen mit Flüchtlingen aus Afrika, Russland, Afghanistan und vom Balkan durch Deutschland getourt. Julia Oelkers und ihr Team haben die Musiker begleitet. Wären die Gesetze für Flüchtlinge in Deutschland nicht so, wie sie seit dem 26. Mai 1993 sind – an dem Tag beschloss der Deutsche Bundestag de facto die Abschaffung des Asylrechts und ersetzte es durch ein demütigendes Asylbewerberleistungsgesetz –, hätte dies ein durchweg optimistischer Film über ein tolles Projekt, tolle Menschen und eine Gesellschaft, die sich Notleidender annimmt, sein können.

Foto: www.mm-filmpresse.de
Foto: www.mm-filmpresse.de

So aber ist es ein Film über ein tolles Projekt, tolle Menschen und das bedrückende, kräftezehrende und von Demütigungen und Angst geprägte Leben von Flüchtlingen geworden, die in der Trostlosigkeit deutscher Flüchtlingslager leben und von Ausweisung und Abschiebung bedroht sind. Es ist ein guter Film, der mit dem Neue Visionen Filmverleih einen verlässlichen Partner gefunden hat und in vielen – eher kleineren – Kinos seit dem 15. August gezeigt wird. Ins Fernsehen ist er nicht gekommen.
Heinz Ratz, den Bandleader von „Strom & Wasser“, hatte Julia Oelkers in Hoyerswerda kennengelernt. „Die Gruppe hatte in Hoyerswerda keine Auftrittsgenehmigung bekommen. Bei uns gibt es keine Nazis, hieß es und man wolle nicht riskieren, in schlechten Ruf zu geraten“, berichtet sie. „Ich sah die Band dann in Berlin und hörte von dem Projekt, mit Flüchtlingen auf Tournee zu gehen und eine CD zu machen. Ich habe meinem Kollektiv davon erzählt und gesagt, es gäbe zwar noch kein Geld, aber dies sei so ein tolles Projekt, dass man bestimmt eine Finanzierung auf die Beine stellen kann.“
Julia Oelkers hat sich geirrt – was das Geld anbelangt. Man fuhr nach Hamburg und drehte drei Tage bei Proben und bei einem Auftritt der Band, interviewte die Protagonisten. „Es war wie ein Sog und das Team hat gesagt: Lass uns weitermachen, auch wenn kein Geld in Sicht ist.“ Wie macht man dann weiter? Man arbeitet auf Rückstellung – das heißt, es wird ein Honorar verabredet für den Fall, dass der Film erfolgreich ist und Geld einbringt. Gleichfalls wird versucht, mit Hilfe von Crowdfunding ein bisschen Geld zu beschaffen, was bei „Can’t Be Silent“ gelungen ist. „Wir freuen uns, dass wir das so hingekriegt haben“, sagt die Regisseurin, „aber so kann man nicht arbeiten. Das ist Bettelei.“
Preise, wie der DGB-Filmpreis, tragen dazu bei, dass viele Menschen sich einen solchen Film anschauen. Julia Oelkers schätzt das hoch ein, weiß aber auch, dass sich dadurch strukturell nichts ändert. „Wir brauchen eine kulturelle Filmförderung“, sagt sie. Die Filmemacherin denkt zum Beispiel über einen Dokumentarfilm über das Abschiebelager ZAST im Brandenburgischen Eisenhüttenstadt nach. Aber auch dann kann es ihr passieren, dass Fernsehsender sagen: Das sei schon ein wichtiges Thema, aber man habe jetzt bereits eine Dokumentation über Rostock-Lichtenhagen eingeplant. Und vielleicht meinen, das reiche dann auch für dieses Jahr. „Can’t Be Silent“ und die begeisterten Reaktionen des Publikums sollten ein überzeugender Beweis dafür sein, dass gute Dokumentarfilme verlässliche und ausreichende Förderung brauchen.

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