Alles digital, oder was?

Die Digitalisierung des klassischen Rundfunks in Deutschland kommt nur langsam voran – gemessen an dem Ziel, zwischen 2010 und 2015 komplett aus der analogen Übertragung auszusteigen. Der Umstieg mit neuen Geräten und Diensten wird wieder im Mittelpunkt der Internationalen Funkausstellung (IFA) stehen. Doch was kommt konkret auf die Macher und Verbraucher zu?

Die Zahlen sind nicht gerade berauschend: Erst 18 Prozent (6,42 Mio) der knapp 35 Millionen TV-Haushalte in Deutschland haben sich vom analogen Fernsehen verabschiedet. Trotzdem ist der Kölner Vermarkter IP der RTL-Senderfamilie optimistisch, dass nun langsam Schwung in den Umstieg kommt. Immerhin erhöhte sich die Zahl der Digitalhaushalte seit Januar dieses Jahres um 1,75 Millionen. Der Anstieg ist ganz einfach zu erklären: Nach dem weltweiten Vorreiter Berlin-Brandenburg sind nun auch andere Regionen und Ballungsräume hierzulande konsequent auf DVB-T (s. Kasten) umgeschwenkt: Norddeutschland, NRW, Rhein-Main und Bayern. Insgesamt nutzen nun über eine Million Haushalte digitales Antennenfernsehen, 3,48 Mio digitalen Satellit und 1,89 Mio digitales Kabel.

Was mit dem DVB-T-Komplettumstieg an der Spree vor über zwei Jahren begann ist deutschlandweit „eine Erfolgsstory“, jubelt auch die Industrie – sie hat bisher über 3,5 Mio Decoder für das „Überallfernsehen“ verkauft. Noch ist der Begriff etwas marktschreierisch, denn die DVB-T-Sendegebiete sind ein Flickenteppich. Zwar würden die öffentlich-rechtlichen Sender, besonders die ARD, das digitale Antennenfernsehen gern flächendeckend anbieten, doch die Privaten ziehen bei der zunächst kostenträchtigen Umrüstung nicht mit. Mittelfristig rechnet sich das aber nicht nur für die Boxenhersteller, sondern auch für die Sender: Sie können zweistellige Millionenbeträge jährlich einsparen, da über einen Kanal zeitgleich vier TV-Programme übertragen werden können. Noch effektiver ist die Digitalisierung bei Kabel und Satellit, den beiden anderen TV-Übertragungswegen. Da gehen bis zu 10 Programme in einen Kabelplatz bzw. über einen Transponder.

Torschüsse als Radio-Video

Trotzdem hinkt Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern beim Analog-digital-Umstieg hinterher. In Großbritannien etwa sind schon 60 Prozent aller Haushalte digital, etwa 40 Prozent via Antenne. Und auch das digitale Radio DAB hat auf der Insel schon Millionen Fans, während der Standard in Deutschland als gescheitert angesehen werden kann – trotz eines Sendenetzes, das fast 90 Prozent der Fläche abdeckt. Offenbar ist die Mehrheit der Verbraucher und Veranstalter mit dem alten UKW zufrieden und hat keine Lust, die etwa 250 Millionen analogen Radiogeräte durch überteuerte DAB-Kästen auszutauschen.

Kein Wunder, dass auf Initiative der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) nun landesweit eine medienpolitische DAB-Debatte läuft, in der sich drei Tendenzen abzeichnen. 1. Besteht Einigkeit darüber, dass das Radio um die Digitalisierung nicht drumherum kommt. 2. Ist DAB, zumindest in seiner ursprünglichen Form, nicht ausreichend, weshalb eine Kombination mit digitaler Lang-, Kurz- und Mittelwelle (DRM) sowie die Weiterentwicklung als Multimedia-Radio (DMB) nötig ist. 3. Als Nebenbei-Medium eignet sich Radio hervorragend, bei den drei digitalen DVB-Fernsehwegen (Satellit, Kabel, Antenne) mitübertragen und sogar als Zusatzdienst in Mobilfunknetze integriert zu werden.

Die Auswege aus dem DAB-Debakel werden zunächst die Berlin-Brandenburger, die Bayern sowie die Bewohner der drei Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen spüren: Im Freistaat sowie in Mitteldeutschland starten parallel zur IFA 2005 DMB-Projekte und in der Hauptstadtregion gibt’s künftig jeweils zwei Dutzend Radioprogramme via DVB-T bzw. DVB-H. Zur Fußball-WM 2006 wird gar bundesweit erwogen, die spannendsten Spiele via digitalem Multimediaradio DMB zu übertragen und Torschüsse als „Radio-Video“ anzubieten. Doch auch andere DVB-T-Gebiete wie Norddeutschland planen, einen Kanal für den „Handy-Rundfunk“ DVB-H zur Verfügung zu stellen. Und in Hessen läuft seit Sommer ein Handy-Hörfunk-Experiment von FFH und Nokia, das so genannte Visual Radio.

Ungeachtet dessen kommt die renommierte Beratungsfirma Mercer Management Consulting in ihrer aktuellen Studie über „Entwicklungsperspektiven in Deutschland“ zu dem Schluss, dass Kooperationen zwischen Netzbetreibern, Diensteanbietern und Medienhäusern unerlässlich sind, um der Digitalisierung einen kräftigen Schub zu geben“. Es fehle „eindeutig an einer treibenden Kraft“, konstatiert Alexander Mogg: „Solange der Konsument nicht absehen kann, in welche Technologie er zukunftssicher investieren soll, steht eine unüberbrückbare Hürde zwischen Endverbraucher und der neuen Mediengeneration.“

Ähnlich sieht es die EU – nicht nur für Deutschland. Viviane Reding, Kommissarin für Medien und Information, hat die Mitgliedstaaten aufgefordert, den Digital-Übergang beim Rundfunk zu beschleunigen. Nach Brüsseler Vorstellungen soll Anfang 2012 analog abgeschaltet werden, zumindest bei der terrestrischen Programmverbreitung. Bislang gab es in den einzelnen Ländern unterschiedliche Pläne, für Deutschland hatten sich schon vor acht Jahren Regierung und Industrie auf 2010 (TV) bzw. 2015 (Radio) als analoge Abschalttermine geeinigt. Für ihren Vorstoß hat die EU klare Wirtschaftsargumente: Digitaler Rundfunk braucht nur die Hälfte der vorhandene Sendekapazitäten – die andere Hälfte ließe sich für neue (Bezahl-)Dienste nutzen. Außerdem kurble der Geräte-Ersatzbedarf von jährlich mindestens 20 Milliarden Euro das Geschäft von Industrie und Handel an.

Genau damit rechnen die Hersteller, die jetzt schon Umsatzsteigerungen von fast vier Prozent vermelden – und strömen in neuer Rekordzahl zur Internationalen Funkausstellung 2005 Anfang September nach Berlin. Die IFA als weltgrößte Messe ihrer Art ist voll ausgebucht, erweitert die Ausstellungsfläche um 20 Prozent und sieht sich als „Impulsgeber für Consumer Electronics“, wie Messe-Chef Christian Göke jubelt. Seiner Meinung nach sei neben Flachbildtechnik, Heimvernetzung und neuer Mobiltechnik „der Qualitätssprung HDT“ dieses Jahr prägender IFA-Trend. Ähnlich sieht es Georg Kofler und startet mit seiner Premier-Pay-TV-Plattform im November ein eigenes Bouquet von drei Kanälen für das hochauflösende Fernsehen. Der Medienmanager mit Näschen fürs Geldverdienen befindet sich damit im Einklang mit Mercer Management, die in ihrer jüngsten Studie „attraktive Inhalte und Mehrwert“ fordern, um „den Konsumenten sukzessive aus der Gratis- in die Bezahlkultur zu führen“.

Genau das ist die eine Hälfte der Digitalisierung: Neben der Einsparung von Übertragungskosten spülen die Geräteanschaffung durch die Konsumenten und verführerische Bezahl-Dienste zusätzliche Milliarden in die Kassen von Herstellern, Programmveranstaltern und Netzbetreibern. Letztere liefern sich gerade beim Kabel heftige Verteilkämpfe – angeheizt durch internationale Investmentfonds, die auf Rendite drängen. Andererseits bringt die Digitalisierung für die Kunden auch Vorteile: Abgesehen von besserer Ton- und Bildqualität und höherer Mobilität durch DVB-T/-H wächst die Vielfalt der Rundfunkprogramme. Drei Dutzend neue Digital-Programme bei Radio und TV sowie etliche neue Dienste wie T-Vision (Video via DSL), Radio, TV und Telefonie bei AOL oder die TV-Dienste der Mobilfunkbetreiber befriedigen inzwischen nahezu jedes Interessen noch so kleiner Zielgruppen: Ob Weinkenner, Wettfan oder Erotiker.

Zauberwort Triple-Play

Allerdings warnt Alexander Moog die Wettbewerber: „Einseitige Kooperationen oder gar Einzelkämpfertum verringern die Chancen, den TV-Konsumenten aus der Gratis- in die Bezahlkultur zu führen“. Damit der Mediennutzer „zum zahlungswilligen und langfristigen Kunden wird, muss eine kontrollierte Migration der attraktiven Inhalte vom Free-TV ins Pay-TV erfolgen – gepaart mit neuen und auch interaktiven Sendeformaten.“ Ein Zauberwort der Wettbewerber ist das so genannte Triple-Play, also das Angebot von drei Diensten aus einer Hand. So wird Kabel Deutschland, die schon in Konkurrenz bzw. Ergänzung zu Premiere ein eigenes Digital-TV-Programmpaket anbieten, künftig auch großflächig Telefonie und Internetnutzung übers Rundfunkkabel offerieren. Im Gegensatz dazu wollen Telefonanbieter in Deutschland nach dem Vorbild von Nachbarländern wie Schweiz und Frankreich auch DSL-Fernsehen den Kunden schmackhaft machen. „Produktbündel werden die nächste Phase des TV- und Kommunikationsdienste-Marktes entscheidend prägen“, so Philipp Geiger, Breitbandexperte der Beratungsfirma Solon Management Consulting. Er schätzt, dass sich der europäische Triple-Play-Markt von derzeit 0,7 Milliarden Euro in den nächsten fünf Jahren auf über sieben Milliarden verzehnfachen könnte.

Während die Beschäftigten in der sich wandelnden Medien- und Kommunikationsbranche auf Berufsverbände und Gewerkschaften als Interessenvertretung zurückgreifen können, steht der Verbraucher oft einer verwirrenden Vielfalt gegenüber. Leisten Stiftung Warentest und diverse Fachmagazine noch tatkräftig Kaufberatung bei Geräteanschaffungen, sieht es bei der Frage, welche Dienste für mich als Kunde passend (und erschwinglich) sind, schon schwächer aus. Zumal die Anbieter ihr Heil oft in der Bündelung und in Kombidiensten suchen und dies zum Teil auch über bestimmte Plattformen im Markt durchzusetzen versuchen. Da ist die Medienaufsicht gefragt, sagt Wolfgang Thaenert, Chef der Hessischen Landesmedienanstalt LPR: „Digitalisierung und die Konvergenz der Medien stellen uns vor neue Herausforderungen“. Als Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) hat er eine Strukturreform initiiert, bei der ab Herbst durch die „Neuordnung bundesweiter Zuständigkeiten Bürokratieabbau und Synergieeffekte erzielt“ werden sollen. Stimmen die für Medienpolitik zuständigen Bundesländer zu, könnten sich die Landesmedienanstalten als eine Art „Verbraucherschützer“ beim Analog-digital-Übergang profilieren.

 


Begriffserklärung

DVB (-C, -T, -S) Digitales Fernsehen; Bewegtbild- und Toninformationen werden im Gegensatz zum analogen Rundfunk als Datenstrom ausgestrahlt; alle drei Übertragungswege haben einen eigenen Standard – das Kürzel C steht für Kabel, T für terrestrisch (Empfang via Antenne) und S für Satellit

DAB / DRM Digitaler Hörfunk, Toninformationen werden im Gegensatz zum analogen Radio (UKW) als Datenstrom ausgestrahlt, wobei zusätzlich auch programmunabhängig Textdaten und Grafiken terrestrisch verbreitet werden können, die auf einem kleinen Bildschirm am Radiogerät sichtbar sind; für Mittel- und Kurzwelle gibt’s den Digital-Standard DRM (digitales Weltradio)

DMB Digitaler Multimedia-Rundfunk; diese Weiterentwicklung von DAB kann neben Ton- und Textdaten gleichzeitig Stand- und Bewegtbilder übertragen und eignet sich wie DVB für die Verbreitung von Hörfunk und Fernsehen über eine(n) Kanal/Frequenz

DVB-H Digitales Fernsehen für kleine tragbare Geräte (Handhelds) wie moderne Mobiltelefone und Westentaschen-PCs; Standard eignet sich zur komprimierten Ausstrahlung von dutzenden Radio- und Fernsehprogrammen über eine terrestrische Sendeanlage; durch die Mobilfunkanbindung der Empfangsgeräte besteht ein Rückkanal zum Sender, so dass interaktive Dienste in Rundfunkprogramme integriert werden können

DXB Erweiterter Digitaler Rundfunk; dieser terrestrische Übertragungs-/Empfangsstandard soll eine einheitliche Grundlage für mobil nutzbaren digitalen Rundfunk (Fernsehen, Radio) als DAB / DMB / DRM, Internet (IP) und modernen Mobilfunk (UMTS) bilden

HDTV Hochauflösendes, digitales Fernsehen mit besonderer Bild- und Tonqualität; die hohe Datenmenge schmälert allerdings den Effekt von DVB, wo mehrere Fernsehprogramme auf einer Frequenz gleichzeitig verbreitet werden können.

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