Interaktiv und pfiffig

20. Prix Europa beim RBB mit interessanten Online-Auftritten

In der Kategorie Internet zeigte sich beim diesjährigen Rundfunkwettbewerb Prix Europa beim RBB in Berlin: Verglichen mit den Nominierungen aus dem Ausland wirken die deutschsprachigen Online-Auftritte der Öffentlich-Rechtlichen oft altbacken.

Ist es ein verlegenes Lachen oder ein herzhaftes? Juraij Duris vom Studio für Radiokunst des slowakischen Radios in Bratislava kann sich jedenfalls kaum einkriegen, als er die Frage gestellt bekommt: Ob er das Recht hatte, sämtliche Schätze aus seinem Archiv online zu stellen und weltweit hörbar zu machen. Liebhaber experimenteller Radiokunst können sich freuen, z.B. die Aufnahme des Stückes „Tabu“ von Jozef Malovec aus dem Jahr 1970 per Mausklick anhören zu können (www.radioart.sk). 1970 konnte der Künstler wohl kaum nach den Internetrechten gefragt werden. Aber vielleicht haben die Kollegen aus Bratislava das ja nachgeholt?
Es ist wohl doch ein verlegenes Lachen des Kollegen. Denn seine Antwort lautet: „Es ist ein Dschungel in Osteuropa, es läuft nicht alles so geregelt wie im Westen“. Die West-Sender würden zwar auch gerne ein Großteil ihrer Archive zugänglich machen – so hat das Schweizer Radio DRS 2 nach Aussage seines Internet-Vertreters Thomas Weibel dafür bereits ein Viertel seines Archivs digitalisiert. Aber sie halten sich bisher an das Urheberrecht – und machen Lobbying-Arbeit beim Gesetzgeber, um das Recht für diese Nutzungsart möglichst billig von den Urhebern bekommen zu können. Auch der derzeitige Gesetzesentwurf des deutschen Justizministeriums enthält eine entsprechende Enteignungsklausel gegen die Urheber.
Stärker als das Urheberrecht wirken jedoch die Fesseln, welche die Rundfunkpolitiker den öffentlich-rechtlichen Internetmachern angelegt haben. Mit 0,75 Prozent der Rundfunkgebühren lässt sich im Internet nicht so viel weiter entwickeln, und Online bleibt weitestgehend auf zwei Funktionen beschränkt: Nachrichten aus der jeweiligen Region liefern und Begleitmedium für Radio und Fernsehen sein. Die interaktiven Elemente wie Foren, Chat sind da nicht viel mehr als Beiwerk. Vor allem die jungen Kolleginnen und Kollegen aus den Online-Redaktionen wirkten beim Empfang nach der Preisverleihung im Prix Europa-Wettbewerb geradezu frustriert. Einzelne klagten: „Alles was wir machen, muss mit irgendeiner Sendung zu tun haben“. Und „Die Senderedaktionen haben wenig Verständnis für die Funktionsweisen des Web.“

Feuerwerk an Online-Marketing

Respektvoll schauten sich die deutschsprachigen Redakteure an, welches Feuerwerk an Online-Marketing die BBC alleine für das Open-Air Festival „Radio 1 Big Weekend“ veranstaltet hat. Die Briten verschenkten VIP-Tickets für das Festival an Blogger, die dafür fleißig – und werbewirksam – ihre Beobachtungen der Online-Community mitteilten. Da reichte sogar das Hochladen von Fotos und Videos auf bekannte Portale und ihre Verlinkung mit der BBC. So erschienen einige hundert Videos und tausende Fotos bei youtube, googlevideo und flickr – und machten Werbung für das BBC-Spektakel. Als Portal und Schaltzentrale funktionierte die dazu gehörende Big Weekend-Website (www.bbc.co.uk/radio1/bigweekend06). Die Re­dakteure achteten ein bisschen darauf, dass die vielen urheberrechtlich bedenklichen Videoschnipsel der Festivalbesucher von den Bandauftritten zwar auffindbar waren, dass die Urheberrechtsverletzung aber nicht der BBC direkt angelastet werden konnte. Ergebnis des cleveren Coups: 600.000 Besucher klickten sich in den Audio- und Video-Stream des Dundee-Festivals oder besuchten das Festival selbst virtuell – in dem Spiel „Secondlife“. All das erhöhte den Datenverkehr im schottischen Internet während des Festivals um 13 Prozent. Und danach war nach Angaben von Redakteur Daniel Heaf das Festival vier Mal so bekannt als vorher.
Neidisch können ARD-InternetredakteurInnen auch auf die Online-Redaktion des schwedischen Rundfunks sein. Die hat es geschafft, ihre TV-und Radio-Kollegen davon zu überzeugen, dass es besser nur ein Meinungsforum auf der Website von SVT gibt statt mehrerer, denen jeweils einzelnen Sendungen zugeordnet sind (http://svt.se/opinion).
Fasziniert, aber nicht neidisch blick­ten deutschsprachige Redakteure hingegen auf das Webprojekt „thuis“ („Zu­hause“ – http://thuis.bnn.nl) des niederlän­­­dischen Jugendsenders BNN, in dem die beiden etwas durchgeknallten BNN-­Re­dakteure Dennis und Twan wöchentlich mindes­tens ein Video veröffentlichen, das im Fernsehen nicht zu sehen ist (siehe Bild oben). Vorzugsweise filmen die beiden WG-Bewohner quälende Streiche; so zieht Dennis seinem Kumpel mit Wachs-Klebeband das Kopfhaar ab, oder er schickt ihn zum Saufen in ein Strandcafé – Toilettengang verboten, denn Twan soll die Erwachsenenwindeln testen, die er sich angelegt hat. Thomas Weibel vom Schweizer Radio: „Wenn wir so etwas auf DRS 2 tun sollten, könnten wir uns reihenweise neue Jobs suchen.“
Den ersten Preis beim Prix Europa erhielt die Site „Fantastische Erzählungen“ (www.dr.dk/Fantastiske/forside.htm ) von Danmark Radio. Wer dort auf einen der roten Pünktchen auf der Dänemark-Karte klickt, der gelangt zu einer Geschichte, die an diesem Ort spielt – eine Geschichte von rund tausend. Die von unglaublichen Zufällen geprägten Stories haben die Dänen selbst erlebt und ihrem Sender zugeschickt. Die besten Geschichten wurden in Radio- und Fernsehbeiträgen umgesetzt und ebenfalls auf die Website gestellt. Auch der zweite Preis ging an eine nordeuropäische Site: Beim schwedischen Fernsehen lassen sich online leicht 500 Worte der Gebärdensprache erlernen, mit Hilfe von 500 kurzen Videoschnipseln (www.ur.se/teckensprak).

Prix Europa 2006

Der größte Rundfunkwettbewerb Europas findet seit 1997 alljährlich in Berlin statt. Um die 13 besten europäischen Fernseh-, Radio- und Internetproduktionen des Jahres mit jeweils 6000 Euro Preisgeld und den begehrten Stier-Trophäen rangen beim 20. Prix Europa 644 Einreichungen, von denen 241 aus 35 Ländern nominiert waren.
Die Gewinner des Jahres 2006 kommen aus acht Ländern: Deutschland (4 Preise), Niederlanden und Dänemark (jeweils 2 Preise) sowie Finnland, Großbritannien, Ungarn, Norwegen und Spanien (jeweils 1 Preis). Mit dem Beitritt des Österreichischen Rundfunk (ORF) hat sich die Trägerallianz auf 20 Institutionen erhöht. www.prix-europa.de

nach oben

weiterlesen

In Deutschland angekommen

Auch sie kamen in den Jahren 2014 oder 2015 in erheblicher Zahl nach Deutschland: Arabische Medienmacher*innen. Ich traf im Herbst 2015 vor allem syrische Journalist*innen und portraitierte sie für verschiedene Medien und ein eigenes Buch. Mit vielen von ihnen und ihren deutschen Unterstützer*innen blieb ich seitdem in Kontakt. Für „Menschen Machen Medien“ traf ich sie jetzt in Berlin und Frankfurt wieder und fragte, wie es  ihnen seitdem beruflich und persönlich in Deutschland ergangen ist.
mehr »

Gegen Visa-Kürzung für Korrespondenten

Der Europäische Journalistenverband (EFJ) und der Internationale Journalistenverband (IFJ) fordern gemeinsam mit der Europäischen Rundfunkunion (EBU) und 21 anderen Organisationen aus der ganzen Welt die US-Regierung auf, die vorgesehenen Visa-Beschränkungen für Korrespondenten aufzuheben. Mit dieser zeitlich verkürzten Akkreditierung werde die Arbeit ausländischer Journalist*innen in den Vereinigten Staaten „erheblich erschwert und verteuert“, erklärte EFJ-Generalsekretär Ricardo Gutiérrez.
mehr »

Wo der Journalismus an sein Limit stößt

„This is Media Now“ unter diesem Motto liefern die Münchner Medientage vom 24. bis 30. Oktober eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation der Branche – aufgrund von Corona erstmals auf einem digitalen Kongress. Eine Woche lang debattieren neben Vertretern klassischer Massenmedien auch neue Akteure wie YouTuber, Tik Tok-Kreative, Influencer und Podcaster über Markt- und Medientrends.
mehr »

Chance nicht vergeben: Whistleblowing regeln

Vor genau einem Jahr hat die Europäische Union eine Richtlinie zum Schutz von Personen, die Verstöße gegen das Unionsrecht melden, die sogenannte Whistleblowing-Richtlinie, verabschiedet. Die Umsetzung in nationales Recht kommt in Deutschland nicht voran. Statt Rechtssicherheit für Hinweisgeber*innen zu schaffen und damit auch investigativen Journalismus zu stärken, streiten die zuständigen Ministerien darüber, ob sie die Richtlinie überhaupt national anwenden oder auf EU-Recht beschränken sollen.
mehr »