Jugendmedienschutz: Machtlos im Netz

Bild: Pixabay

Wenn Jugendliche an der Kinokasse ihren Ausweis zeigen müssen, im Internet aber problemlos Zugang zu Pornografie haben, dann hat der Jugendmedienschutz ein Problem. Jetzt hat auch noch die einzig nennenswerte Jugendschutz-Software ihre Anerkennung verloren. Das Internet droht damit im Nutzungsalltag endgültig zum rechtsfreien Raum zu werden.

Bei Internetangeboten aus dem Ausland genügt es, mit einem Mausklick zu versichern, dass der Nutzer volljährig ist. Auf diese Weise haben auch Kinder jederzeit Zugriff zu Darbietungen, die selbst auf manche Erwachsene eine verstörende Wirkung haben können, weil der menschlichen Fantasie nun mal keine Grenzen gesetzt sind. Schon seit geraumer Zeit beschäftigen sich Jugendschützer*innen mit der Frage, was sich dagegen unternehmen lässt. Die Hoffnungen des Gesetzgebers, die Pornoflut mit Hilfe von Filtersoftware einzudämmen, haben sich jüngst in Luft aufgelöst: Die für die inhaltliche Aufsicht über Privatfernsehen und Internet zuständige Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) hat das Jugendschutzprogramm JusProg für unwirksam erklärt. Dabei klingt diese Software wie die Lösung aller Probleme, denn sie lässt nur solche Angebote durch, die auch für Kinder freigegeben sind. Das Programm funktioniert aber natürlich nur, wenn es auch installiert worden ist; die wenigsten Eltern wissen jedoch von seiner Existenz. Maßgeblich für die Entscheidung der KJM sei vor allem der Umstand gewesen, dass JusProg nur auf Windows-Rechnern funktioniere. Dieses Argument kann Stefan Schellenberg, Gründer und Vorsitzender des Vereins JusProg, jedoch nicht nachvollziehen, schließlich werde die Software bereits seit 2016 im Apple Store angeboten; Filterlösungen für Smartphones und Tablets, die auf der JusProg-Filterliste basierten und bei iOS und Android funktionierten, gebe es ebenfalls.

Die Entscheidung der KJM steht zudem im Widerspruch zur Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM), die JusProg anerkannt hat. Sollten sich die beiden Einrichtungen nicht einigen können, hätte der Jugendmedienschutz ein Problem. Während sich beispielsweise ARD und ZDF auch im Internet an die für die TV-Ausstrahlung gültige Sendezeitbeschränkung halten, konnten die Privatsender dank JusProg bislang bereits tagsüber Sendungen in ihren Mediatheken anbieten, die im Fernsehen erst am späteren Abend laufen dürfen. Damit wäre dann Schluss, und das stelle das Prinzip des zeitlich unabhängigen Zugangs im Internet auf den Kopf, findet Joachim von Gottberg, bis Ende 2018 Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF). Er hofft daher, dass KJM und FSM noch zu einer Einigung finden: „Auch wenn JusProg noch verbesserungsfähig ist, so ist es doch von der Idee her die einzige Möglichkeit, den klassischen Jugendschutz auch im Internet zu realisieren.“ Dass Jugendliche Pornos anschauen, hält der Theologe und Pädagoge übrigens nicht für bedenklich: „Die Suche nach stimulativen Reizen ist in diesem Alter ganz normal. Sexualwissenschaftler sehen zwar die Gefahr, dass Jugendliche ihre Vorstellung davon, wie Sex zu sein hat, aus der Pornografie ableiten könnten, aber das ist eher die Ausnahme. In den überwiegenden Fällen nutzen männliche Jugendliche Pornos zur sexuellen Stimulanz. Der Konsum endet, sobald sie eine Freundin haben.“

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung vertritt eine ähnliche Haltung: Jugendliche seien durchaus in der Lage, zwischen solchen Darstellungen und der Wirklichkeit zu differenzieren. Es gibt allerdings auch Studien, die erschreckend klingen: Regelmäßiger Pornokonsum könne die Neigung zu abweichender Sexualität sowie zur Anwendung sexueller Gewalt erhöhen. Tatsächlich zeigen die erfolgreichsten Pornofilme männliche Dominanz, Demütigung und Gewalt gegen Frauen; das dürfte erklären, warum die Konsument*innen dieser Ware zu achtzig Prozent Männer sind.

Laut einer Studie der Universitäten Münster und Hohenheim hat die Hälfte der Jugendlichen schon Pornografie im Internet gesehen, viele bereits mit zwölf Jahren. Die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Maschke (Philipps-Universität Marburg) hat bei einer Befragung von 3.000 hessischen Schülern zwischen 14 und 16 Jahren herausgefunden, dass die sexuelle Gewalt unter Jugendlichen deutlich zugenommen hat. Sie sieht einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem häufigen Pornokonsum männlicher Jugendlicher und der Ausübung von sexueller Gewalt.

Hinzu kommt eine Eskalation der Inhalte: Die Produktion der Ware ist preiswert, die Konkurrenz unter den Produzenten nimmt zu, weshalb die Grenzen der Darbietungen buchstäblich zum Leidwesen der Darstellerinnen immer weiter verschoben werden. Doch während die erwachsenen Nutzer*innen für Treiben und Triebe in erster Linie selbst verantwortlich sind, hat es sich die Gesellschaft zur Aufgabe gemacht, ihre schwächsten Mitglieder zu schützen. In den Bereichen Kino und Fernsehen funktioniert der Jugendmedienschutz ziemlich gut. Seit Jahren beklagen Jugendschützer*innen allerdings, dass sich ihr Metier zunehmend unglaubwürdig mache, weil im Internet zumindest aus Sicht der Nutzer*innen anscheinend alles erlaubt sei.

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