Koordiniert und vernetzt in die Medienzukunft

Projektarbeit soll Zugang zu Beschäftigten im privaten Rundfunk und der Filmwirtschaft verbessern
Vom schwierigen Neuland der Industriegewerkschaft Medien (Teil III)

„Ihr müßt Eure Betreuungsstrukturen unmittelbar auf die Bedürfnisse der Beschäftigten der Privaten ausrichten und dabei völlig neue Formen entwickeln, sonst werdet Ihr im privaten Rundfunk und der Filmwirtschaft kaum Boden unter die Füße bekommen.“ Gemeint war die IG Medien. Dieser Kernsatz von Mitgliedern dieser Branchen pägte oft die Diskussionen in den Gremien, wenn es darum ging, Perspektiven zur Gewinnung neuer Mitglieder zu beschreiben.

Nach anfänglichen Erfolgen bei der Mitgliedergewinnung und der Arbeit mit Betriebsräten in Zusammenhang mit dem Abschluß von ersten Flächentarifverträgen Anfang der 90er Jahre stockte seit Jahren die Organisation von neu-en Mitgliedern. Im Spannungsfeld zwischen den großen gewerkschaftlichen und betriebsrätlichen Gestaltungsaufgaben, einem geringen Organisationsgrad und bis heute unzureichender Qualifikation vieler Hauptamtlichen für diese Zielgruppe wurden in der Fachgruppe Rundfunk/Film/AV-Medien Projekte zur Reorganisation der Betreuungsarbeit gestartet. „Aufbau einer zielgruppengerechten Betreuungsstruktur und Aufbau von Kompetenz bei der IG Medien durch koordinierte und vernetzte Arbeitsstrukturen sowie Hilfestellung und Service für die betrieblichen AkteurInnen“ sind die Leitbilder dieses Prozesses, der vor knapp zwei Jahren von den hauptamtlichen BetreuerInnen an den Hauptstandorten der Branche gestartet wurde und der heute erste Ereignisse und Erfolge zeigt.

Die aus SekretärInnen des Hauptvorstands, von Landesbezirken und Bezirken der Hauptstandorte Hamburg, Köln, München, Berlin, Hannover und Leipzig zusammengeschweißte Gruppe setzte sich zunächst mit den Rahmenbedingungen auseinander, bevor sie Pläne schmiedete. Neben dem bereits geschilderten geringen Organisationsgrad analysierte sie vor allem einen schwierigen Zugang der industriell geprägten Hauptamtlichen zu einer neuen Beschäftigungsklientel, die stark von Servicedenken und weniger von grundsätzlichem Solidaritätsbewußtsein geprägt ist. Hinzu kommt, daß die Branche des privaten Rundfunks und der Filmwirtschaft sehr heterogen ist. Ein gewerkschaftliches „Bearbeiten“ in allen Facetten vor dem Hintergrund der begrenzten personellen Ressourcen der IG Medien ruft geradezu nach einer räumlichen, personellen und qualifizierten Schwerpunktsetzung.

Räumlich bedeutet dies, auf den Anspruch zu verzichten, gleich Lösungen für alle Regionen und Probleme zu finden. Inhaltlich und personell heißt dies, sich zunächst auf die großen Einheiten der Branche zu konzentrieren, und die Strahlungswirkungen auf die „Satellitenunternehmen“ zu nutzen. Behindert wird die Gewerkschaftsarbeit auch durch ein negatives Image der IG Medien als medienpolitische Interessenvertreterin nur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Schließlich muß die Mitgliedererschließung im „Wettbewerb“ mit der Deutschen Angestelltengewerkschaft (DAG) und dem Deutschen Journalistenverband (DJV) realisiert werden.

Veränderungen bereits im Prozeß realisiert

Einig waren sich alle TeilnehmerInnen des Projektes, sich auf keine Spielwiese einzulassen. Im Prozeß erkannte Veränderungen wurden unverzüglich in die Tat umgesetzt. Schließlich soll die Projektarbeit aufgabenorientiert realisiert werden. Dies bedeutet Überwindung der hierarchischen Ebenen der IG Medien in der Projektgruppe. Außerdem folgt die Projektgruppe folgendem Grundsatz: „Erschließung neuer Mitgliedergruppen erfordert über die Betreuung hinaus Investitionen, Vorleistungen und systematisches, konzeptionelles Arbeiten. Der Koordinator beim Hauptvorstand ist nur „primus inter pares“.

Die Projektziele wurden wie folgt festgelegt:

  • Optimierung des Betreuungssystems
  • Mitgliedergewinnung
  • Motivation der Aktiven

Dies soll sich in den nachstehenden Elementen der Schwerpunktaktion ausdrücken:

    • Qualifizierung und Vernetzung der Hauptamtlichen
    • Entwicklung eines Serviceangebotes für Aktive und Mitglieder
    • Durchführung einer Mitgliederwerbeaktion
    • Anschub von mitgliederorientierten Projekten an den einzelnen Standorten
    • Erfolgskontrolle

Was konnte in den letzten beiden Jahren an Einzelmaßnahmen verwirklicht werden? Die Bilanz kann sich sehen lassen!

Qualifizierung und Vernetzung der Hauptamtlichen

Die hauptamtlichen SekretärInnen kommen regelmäßig mindestens drei Mal pro Jahr zusammen, tauschen ihre Erfahrung aus, setzen gemeinsam Schwerpunkte Ihrer Arbeit fest und beschreiben neue Projektziele. Zwischen diesen Treffen werden zu aktuellen Fragestellungen Telefonkonferenzen durchgeführt und gemeinsam Problemlösungen erarbeitet. In bestimmten Zeitabständen werden sogenannte brainstorming-Tagungen mit Beschäftigten der Branche durchgeführt, um mit ihnen Ziele und Aufgaben des Projektes zu reflektieren und notfalls Korrekturen einzuleiten. Bisher wurden zwei solcher Treffen organisiert und zwar bei der Festlegung der Projektziele und -elemente sowie zur Medienpolitik (siehe Teil II). Zur Verbesserung der Kommunikation untereinander haben sich die ProjektakteurInnen vernetzt. Entsprechende Schulungen zur Nutzung des Solinet wurden durchgeführt. In gewissen Abständen verständigen sich die Projektteilnehmer zu eigenen externen Qualifizierungsmaßnahmen, um sich für bestimmte Schwerpunktthemen wie beispielsweise Arbeitszeitflexibilisierung, Technikgestaltung, neue Managementstrategien zu schulen. Im Team laufen die unterschiedlichen Erkenntnisse zusammen. Während des Projektverlaufes wurden von der Gruppe auch ein Anforderungsprofil an die Qualifizierung der Hauptamtlichen entwickelt. Eine Basiserhebung der Struktur der Branche und der gewerkschaftlichen Durchdringung wurde mit Hilfe eines Praktikanten durchgeführt (siehe Teil I).

Entwicklung eines Service-Angebotes

Auf Wunsch von Betriebsräten werden nach Bedarf außerhalb der Angebote im zentralen Bildungsprogramm kurzfristige Betriebsrätetreffen zu aktuellen Problemen organisiert. Solche Jour-fix-Treffen gab es beispielsweise zur Lohnfortzahlung. Die Bildungsangebote in den Bildungsstätten wurden auf die speziellen Bedürfnisse der Zielgruppen überarbeitet. Vor allem finden an den Hauptstandorten verstärkt regionale Betriebsräteschulungen statt. Das Angebot auf Bundesebene wird deshalb auf zentrale, strategische Fragen reduziert. Für interessierte Mitglieder und Betriebsräte wurde ein mailbox-Angebot im Solinet und auf einer Homepage im Internet eingerichtet. Darüber hinaus werden Interessierte über die mailinglist „Spotline“ und Gremienmitglieder über die mailinglist „Topline“ über aktuelle Entwicklungen und Termine informiert. Im Rahmen eines schriftlichen newsletters „Spotline“ erhalten Betriebsräte und Gremienmitglieder Hintergrundinformationen für ihre Arbeit. Für die großen Unternehmen der Branche wie beispielsweise RTL und SAT1 wurden Konzernbetreuer eingesetzt, die die Betreuungsarbeit bundesweit koordinieren. An den Standorten Hamburg und München werden Schwerpunktaktionen für wichtige Medienzusammenballungen gestartet (Studio Hamburg/Unterföhring). Zur Mitgliederwerbung wurden spezielle Werbefaltblätter entwickelt. Dies gilt auch für die aktuelle Betriebsratswahl. Hier wurde ein Faltblatt des Verlagsobjektes mit wenigen Änderungen übernommen.

Projektarbeit

Schließlich wurde im Rahmen der obengenannten Basiserhebung auch eine Bedürfnisumfrage bei den Beschäftigten des privaten Rundfunks und der Filmwirtschaft durchgeführt. Ein „Lernprojekt“ am Standort Köln mit Kolleginnen und Kollegen von RTL, VIVA und dem technischen Dienstleister Cologne Broadcasting Center (CBC); das mit professioneller Unterstützung einer Organisationsentwicklungsspezialistin angeleitet wurde, brachte wesentliche Erkenntnisse über Aufgaben und Anforderungen aus Sicht der Privatfunkbeschäftigten. Über den Verlauf dieses Projekts und seine wichtigsten Ergebnisse wird in einer der nächsten Ausgaben von „M“ ausführlich berichtet werden. Ein zweites Projekt zur Mitgliedergewinnung soll 1998 in Berlin-Brandenburg gestartet werden.

Am 8./9. Mai 1998 werden die Erfahrungen zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus ähnlichen Projekten in der IG Medien (Verlage/Kino) auf einer Projekttagung der IG Medien zur Diskussion stehen. Interessierte können sich wenden an die Geschäftsstelle der Fachgruppe Rundfunk/Film/AV-Medien, Peter Völker, Friedrichstraße 15, 70174 Stuttgart, Tel. 0711/2018114/-117, Fax -199.

nach oben

weiterlesen

Mehr Mitbestimmung für Freie in Sendern

Arbeitnehmerähnliche Personen bei den Rundfunkanstalten Deutsche Welle, Deutschlandradio, MDR und RBB erfahren mit dem am 15. Juni in Kraft tretenden, novellierten Bundespersonalvertretungsgesetz (BPersVG) eine Stärkung ihrer Mitbestimmungsrechte. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) begrüßt das als echten Fortschritt und als Erfolg der beharrlichen Forderungen von Gewerkschaften und Personalräten.
mehr »

Ein „Klima vor 8“ oder vielleicht mehr ARTE?

Die ARD will über die eigene Zukunft debattieren. Was Bürger*innen von den öffentlich-rechtlichen Sendern perspektivisch erwarten, hatte ARD-Vorsitzender und WDR-Intendant Tom Buhrow bereits am 8. Mai mit zufällig Ausgewählten in einer Videokonferenz besprochen. Inzwischen ist die öffentliche Plattform ard-zukunftsdialog.de freigeschaltet, wo sich Interessierte bis 27. Juni in verschiedenen Themenräumen mit Ideen und Kommentaren beteiligen können. Ein Podcast soll vernetzen. Jetzt gab es eine erneute Live-Diskussion.
mehr »

Schnüffeln mit schwer kalkulierbaren Folgen

Die Vereinte Dienstleitungsgewerkschaft (ver.di) kritisiert den Gesetzentwurf zur Anpassung des Verfassungsschutzrechts als schweren Eingriff in das IT-Grundrecht sowie die Grundrechte auf Telekommunikationsfreiheit und Pressefreiheit. Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages sollten das umstrittene Gesetz in der vorliegenden Form ablehnen, fordert ver.di.
mehr »

Fair und transparent im digitalen Wahlkampf

Ein Bündnis aus 21 zivilgesellschaftlichen Organisationen drängt auf einen Verhaltenskodex für den digitalen Bundestagswahlkampf 2021. „Campaign Watch“ fordert von allen demokratischen Parteien: volle Transparenz, umfassenden Grundrechtsschutz, keine Desinformation und keine digitale Gewalt. Dr. Julian Jaursch, Projektleiter „Stärkung digitaler Öffentlichkeit“ bei der Stiftung Neue Verantwortung (SNV), zu den Vorschlägen für einen demokratischen und fairen Digitalwahlkampf.
mehr »