Medienbibliothek: Eine Adresse für alle

Grafik: Petra Dreßler

Sender und Printverbände reagieren eher skeptisch auf das Modell einer „Super-Mediathek“

„Wir sind eins“: Der aktuelle Slogan der ARD mag seine Berechtigung haben, aber im Grunde gilt er nur für das erste Programm. Im Internet kocht jedes Mitglied des Senderverbunds sein eigenes Süppchen. Wer Sendungen zu einem bestimmten Thema sucht, muss alle Mediatheken einzeln abklappern. Das soll sich ändern, findet der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm. Ihm schwebt eine regelrechte „Medienbibliothek“ vor, in der auch die Privatsender vertreten sind. Es gibt aber ein Modell, das noch weiter geht.

Leonhard Dobusch hat eine Erklärung dafür, warum es noch keine ARD-Mediathek gibt: „Es wird viel zu sehr in eigenen Königreichen gedacht.“ Der Organisationstheoretiker (Universität Innsbruck) ist Mitglied des ZDF-Fernsehrats und möchte die beiden öffentlich-rechtlichen Systeme in eine gemeinsame Internet-Zukunft katapultieren. Sein Entwurf ist allerdings nicht mit dem irreführend „Super-Mediathek“ genannten Modell zu verwechseln, in dem der amtierende ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm (BR) neben den Angeboten sämtlicher deutscher TV-Sender auch die Inhalte der großen Zeitungs- und Zeitschriftenverlage anbieten will. Für Dobusch hat Wilhelms Idee einen entscheidenden Denkfehler: Die Medienbibliothek des BR-Intendanten orientiere sich nicht an der Logik einer Internetplattform. Dobusch, der sein Konzept gemeinsam mit dem Duisburger Politikwissenschaftler Christoph Bieber (ehemaliges Mitglied des WDR-Rundfunkrats) entwickelt hat, schwebt vielmehr ein öffentlich-rechtliches Pendant zu YouTube und Facebook vor: Die Nutzer wären nicht nur Konsumenten, sie könnten auch eigene Inhalte ins Netz stellen. Entscheidender Unterschied zu den kommerziellen Plattformen sei ein öffentlich-rechtlicher Algorithmus, der Inhalte anders sortiert, um eine demokratische Öffentlichkeit zu gestalten. Drei Viertel des Gesamtbudgets (500 Millionen Euro) sollen „nach draußen“ vergeben werden, um zusätzlichen Inhalt für die Plattform herstellen zu lassen.

Eine Art „europäisches digitales Ökosystem“

Dobuschs Vorschlag kommt zu einer Zeit, da das klassische Fernsehen immer mehr zu einem Medium des letzten Jahrhunderts wird. Der Wissenschaftler geht zwar davon aus, dass es „auf Jahre hinaus seine große Bedeutung behalten und auch entsprechende Reichweiten erzielen“ werde, aber eben nicht bei jüngeren Generationen. Selbst die öffentlich-rechtlichen Mediatheken hätten bei den „Millennials“ keine Chance gegen YouTube oder Facebook. Gegen die Dominanz der amerikanischen Unternehmen will BR-Intendant Wilhelm mit einer Art „europäischem digitalen Ökosystem“ antreten, das auf der Basis eines gewachsenen Wertesystems gestaltet und fortentwickelt werde. Deshalb korrigiert seine Sprecherin Sylvie Stephan auch die Bezeichnung „Super-Mediathek“: Wilhelms Vorschlag gehe deutlich über den Gedanken einer reinen Mediathek hinaus, weil sein Modell auch für Verlage, Privatsender sowie Einrichtungen aus Kultur und Wissenschaft offen sei, „gepaart mit Elementen à la Facebook, einer guten Suchfunktion und garantierter Datensicherheit.“

Das Projekt hätte nicht zuletzt den Charme einer großen Reichweite, die laut Wilhelm „vor allem für die werbetreibenden privaten Partner der Plattform wichtig“ wäre. Genau darin sieht Dobusch jedoch ein grundsätzliches Manko, weshalb die Beteiligung von Privatsendern nur ein letzter Schritt sein dürfe. In seinem Modell gehe es darum, „wie Inhalte auf eine ganz bestimmte Weise aufbereitet, kuratiert und sortiert werden, die keinen kommerziellen Bedingungen unterworfen ist. Wir brauchen eine Alternative, die es den Beitragszahlern erlaubt, Inhalte zugänglich zu machen, ohne sich der restriktiven verwertungsgetriebenen Logik kommerzieller Plattformen zu unterwerfen. Ich wüsste nicht, wie das gelingen könnte, wenn man Privatsender mit dazu nimmt, denn die streben selbstverständlich eine Klick-Maximierung an.“ Dobusch vermutet, die Privatwirtschaft sei nur deshalb eingeladen, damit sie nicht wegen Wettbewerbsverzerrung gegen das Projekt vorgehe.

Abwarten und eigene Pläne bei den Privaten

Einigen der potenziellen Partner, die Wilhelm gern mit ins Boot holen würde, sind die Pläne ohnehin noch zu unausgegoren. Die Verbände der Zeitschriften- und Zeitungsverleger signalisieren zwar Gesprächsbereitschaft, wollen jedoch erst mal abwarten, bis das Modell konkrete Formen annimmt. Ganz ähnlich äußert sich ein Sprecher der Mediengruppe RTL Deutschland: „Grundsätzlich sind wir offen für Kooperationen und Allianzen, wenn sie zu unserem Geschäftsmodell passen und wenn sie rechtlich darstellbar sind. Wir konzentrieren uns konsequent auf unsere eigene Strategie, den Ausbau von TV Now, und möchten dabei nicht an Geschwindigkeit verlieren. Das schließt aber nicht aus, dass wir auch Gespräche führen.“

Bei ProSiebenSat.1 hat man ebenfalls eigene Pläne. Das Unternehmen hat gerade erst gemeinsam mit dem US-Konzern Discovery für 2019 den Start einer Streaming-Plattform bekannt gegeben. Das Angebot soll neben der senderübergreifenden Mediathek der ProSiebenSat.1-Familie (7TV) auch das Portal Maxdome (Video on Demand) sowie den Eurosport Player enthalten, über den Discovery seine Rechte an den Spielen der Fußballbundesliga auswertet. Die Plattform soll in den ersten zwei Jahren zehn Millionen Nutzer gewinnen. Zu Wilhelms Modell heißt es aus der Konzerzentrale: „Mit der direkten Einladung an ARD, ZDF und RTL zum Beitritt hat ProSiebenSat.1 die Wichtigkeit einer offenen Plattform bekräftigt.“ Von ZDF-Intendant Thomas Bellut kommt dagegen eine deutliche Absage: „Das ZDF wendet viel Kraft auf, um die eigenen Onlineangebote kontinuierlich zu modernisieren und noch mehr Nutzer der ZDF-Mediathek zu gewinnen. Ein überzeugendes Modell für eine ‚Super-Mediathek’ sehe ich nicht. Eine neue Mediathek braucht einen Betreiber, sie braucht erhebliche Investitionen. Das ist weltfremd.“ Angesichts der Debatte über die Höhe des Rundfunkbeitrags werde sich das ZDF mit Forderungen zurückhalten, eine neue Organisation aufzubauen. Bellut hält es zudem für „fern jeder Praxis, Zuständigkeiten für klassische Inhalte einerseits und die digitale Aufbereitung und Verbreitung anderseits aufzuteilen.“

 

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