Nicht nur hausgemacht

Der Offene Kanal Berlin steckt in einer tiefen Krise

„Der Offene Kanal Berlin sollte per se das Medium für die Darstellung der Lebendigkeit, Kreativität und Vielfältigkeit der Metropole Berlin sein“. Diese „Empfehlung“ findet sich am Ende eines Diskussionspapiers aus der Medienanstalt Berlin-Brandenburg“, das sich mit „Analyse und Entwicklungsoptionen“ für den OKB beschäftigt. Selten klaffen allerdings Wunschvorstellung und Realität so weit auseinander wie im Fall des hauptstädtischen Bürgerfunks.

Wer den OK nur stichprobenartig einschaltet, könnte gelegentlich den Eindruck gewinnen, in der Kapitale tummelten sich vorwiegend religiöse Eiferer, exotische Folkloreensembles und dröge Parteifunktionäre. Vereinzelt finden sogar in der Wolle gefärbte Neonazis im OK ein Forum der Selbstdarstellung. Dieses Panoptikum des Grauens schreckt offenbar zunehmend auch die Protagonisten ab. So sank die Zahl der Nutzer innerhalb von sechs Jahren um ein Drittel von knapp 400 (2000) auf 262 (2006). Im selben Zeitraum schrumpfte auch der Programmumfang um ein Drittel, von knapp 3.000 auf 2095 Sendestunden.

Ein eher ungeliebtes Kind

23 Jahre nach Aufnahme des Sendebetriebs steckt der Offene Kanal in einer tiefen Krise. Einer Krise, die nicht nur hausgemacht ist. „Die Grundidee, Laien einen Zugang zu elektronischen Medien zu verschaffen, unter Anleitung selbständig Radio und Fernsehen zu machen, überzeugt im Internetzeitalter nicht mehr“, sagt Anka Heinze, Referentin für Medienkompetenz und Ausbildung bei der zuständigen Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB). Kids und auch ältere User nehmen heute einfach ihre Digitalkameras und Foto-Handys und senden munter drauflos – und zwar nicht im Kuriositätenkabinett eines OK, sondern vor einer – potentiellen – Millionengemeinde von YouTube oder MySpace. Viele Offene Kanäle haben diese Entwicklung schlicht verpennt.
Was tun? Bei der MABB galt der OK zuletzt eher als ungeliebtes Kind. Eine Weile wurde über eine Reduzierung der Sendezeit zugunsten von kommerziellen Anbietern nachgedacht. Auch ein stärkeres Andocken an die in public-private-partnership von RBB und MABB betriebene Ausbildungsschmiede Electronic Media School (EMC) stand zur Debatte. Selbst eine Einstellung des OK schien nicht mehr ausgeschlossen. Vor kurzem ging der langjährige Leiter Jürgen Linke in den Ruhestand. Die MABB gibt ihm die Verantwortung für die Stagnation des Kanals. Umgekehrt war Linke zuletzt wegen kritischer Äußerungen über den Stellenwert, den der OK bei der MABB genießt, in Ungnade gefallen. Es habe „Irritationen“ gegeben, räumt MABB-Sprecherin Susanne Grams ein. Bei dem nicht spannungsfreien Auswahlverfahren hatten zwei durchaus qualifizierte Berliner Bewerber das Nachsehen. Seit dem 1. Februar ist Volker Bach, ein Kölner TV- und Videoproduzent, neuer OKB-Leiter. Er befindet sich noch in der Einarbeitungsphase, mag von seinen Plänen und Visionen noch nichts verraten.
Nach der langen Agoniephase des OK macht seit jüngstem auch die Politik Druck. Am 14. Februar votierte das Abgeordnetenhaus auf Antrag der Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen für die „Modernisierung und Qualifizierung des OKB als Teil der vielfältigen elektronischen Medienlandschaft in Berlin“. Wie ernst es um das Schicksal des Kanals bestellt war, verdeutlicht der Satz: „Der Offene Kanal Fernsehen soll im Kabelnetz seinen Sendeplatz behalten und nicht mit Verkaufskanälen o.ä. vermischt werden.“ Zugleich heißt es, der OKB solle „an allen technischen Übertragungswegen partizipieren“ können. „Wir finden die Institution Bürgerfunk nach wie vor gut“, bekennt Alice Ströver, medienpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion. „er muss aber anders beworben und kommuniziert werden“. Detaillierte Konzeptvorschläge der Grünen wie eine stärkere Dezentralisierung des OK sowie die inhaltliche Ausrichtung an regionalen Themen blieben im parlamentarischen Beratungsprozess auf der Strecke.
Bis Mitte des Jahres muss die MABB dem Abgeordnetenhaus über die Reformfortschritte berichten. Derzeit wird eine neue OKB-Satzung vorbereitet. Schwerpunkt der künftigen OK-Arbeit solle die „Ausbildung und Förderung von Medienkompetenz“ werden, sagt MABB-Referentin Anka Heinze. Zu den diskutierten programmlichen Reformen gehört die „Förderung von regionalen (Stadtteil-)Redaktionsgruppen“, der Ausbau des OK als Plattform für „junge Künstler, Bands und Kulturinitiativen“. Auch einige bisherige Glanzlichter des OK, etwa die Arbeit der Jugendredaktion „Treppe 5“ verdienen weitere Unterstützung. Doch nicht alle Überlegungen sind nachvollziehbar. So soll etwa das schon jetzt überreichlich präsente so genannte „Ereignisfernsehen“ weiter ausgebaut werden. Wird diese Drohung wahr gemacht, verstopfen künftig noch mehr Debatten-Dokus von Veranstaltungen der einschlägigen Parteienstiftungen den Kanal. Mit „Bürgernähe“ hat das 1:1-Abfilmen solcher „Events“ jedenfalls wenig zu tun. In der bisherigen Form ist es eher eine Art „Phoenix“ für Arme.

Beginn der digitalen Ära

Die attraktivsten Neuerungen dürfte jedoch der geplante „digital switchover“ bringen, also der Analog-Digital-Übergang des OKB: Digitale Produktion, Ausstrahlung und Bereitstellung auf einem digitalen Kanal, bei gleichzeitigem Zurückfahren der Sendezeit im analogen Kanal. Überfällig erscheint auch der Ausbau des Internet. Nachgedacht wird über Redaktionshomepages unter dem gemeinsamen Portal www.okb.de, über Kurse zur Erstellung von Blogs und Webseiten, sogar eine Video-on-demand-Plattform für einzelne Sendungen ist im Gespräch. Spätestens wenn der OKB über seine eigene „Mediathek“ verfügt, beginnt für den Bürgerfunk die digitale Ära.

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