Öffentliche Gelder für Privatsender?

ProSiebenSat.1 will mit einer „Medienordnung 4.0“ das Gebührensystem revolutionieren

Wenn sich die Privatsender in der Vergangenheit zum Thema Rundfunkgebühren geäußert haben, ging es meist um die Werbung bei ARD und ZDF oder die Einschränkung der öffentlich-rechtlichen Sendervielfalt. Nun hat sich ProSiebenSat.1-Vorstand Conrad Albert mit einem Vorschlag zur Wort gemeldet, den es in der gut dreißigjährigen Geschichte des deutschen Privatfernsehens in dieser Form noch nicht gegeben hat.

Der Manager fordert einen Gebührenanteil für die kommerziellen Sender. Albert begründet seinen Vorstoß mit dem nicht ganz unberechtigten Hinweis, junge Zuschauer_innen nähmen die Angebote von ARD und ZDF kaum noch wahr. Weil Sender wie ProSieben „die Grundversorgung vor allem in jungen Segmenten de facto mitübernehmen, finden wir es sachgerecht, dass diese Inhalte aus öffentlichen Mitteln finanziert oder mitfinanziert werden.“ Das klingt zwar wie ein typisches Sommerlochthema oder gar ein verspäteter Aprilscherz, aber Albert meint es ernst. Ihm schwebt gar ein regelrechter „Systemwechsel“ vor: „Die öffentliche Finanzierung darf sich nicht länger an der Institution fest machen, sondern am Inhalt.“

Selbst ein flüchtiger Blick ins ProSieben-Programm zeigt jedoch, dass es da nicht viel zu fördern gibt. Das Angebot besteht größtenteils aus stundenlangen Aneinanderreihungen amerikanischer Comedy-Serien wie „The Big Bang Theory“ oder „Two and a Half Men“, und das keineswegs nur in der Sommerpause. Allerdings denkt Albert bei seiner Forderung nach Förderung vor allem an sogenannte Public Service-Inhalte, also „gesellschaftlich relevante Inhalte, die demokratie- und vielfaltstiftend wirken.“ Auch in dieser Hinsicht hat ProSieben indes nicht viel zu bieten; mit viel Wohlwollen würde die Beschreibung allenfalls auf das Wissensmagazin „Galileo“ zutreffen. Die wegen des übertriebenen Schlankheitsideals umstrittene Castingshow „Germany’s Next Topmodel“ hingegen dürfte kaum eine Anerkennung als „Grundversorgung“ bekommen.

Als Instanz, die über die Unterstützung konkreter Sendungen entscheiden könne, bringt der ProSiebenSat.1-Manager die Landesmedienanstalten ins Spiel. Sollte Albert mit seinem Vorstoß in den Kreisen der für solche Fragen zuständigen Rundfunkkommission der Länder Gehör finden, käme auf die Aufsichtsbehörden der Privatsender viel Arbeit zu: „RTL aktuell“ wäre vermutlich förderwürdig, aber was ist mit den überwiegend aus bunten Meldungen bestehenden „RTL2 News“? Selbst ein Kabel-1-Format wie „Achtung Abzocke – Urlaubsbetrügern auf der Spur“ könnte eine gewisse Relevanz für sich beanspruchen, von Magazinen wie „stern TV“ (RTL) oder „akte 20.17“ (Sat.1) ganz zu schweigen, selbst wenn es sich bei den Beiträgen oft um Rot- oder Blaulichtreportagen handelt.

Albert hat bei seinem durchaus bedenkenswerten Vorstoß allerdings einen entscheidenden Fehler gemacht: Er hat mit Zahlen argumentiert, die nicht korrekt sind. ARD und ZDF haben seine Behauptung, nur fünf Prozent ihrer Zuschauer seien unter 30 Jahre alt, umgehend als falsch entlarvt. Gleiches gilt für seine Behauptung, die ProSieben-Nachrichten erreichten mehr Zuschauer zwischen 14 und 29 Jahren als „heute“ und „Tagesschau“ zusammen; die beiden Sendungen haben im Gegenteil fast doppelt so viel junges Publikum.

Die RTL-Mediengruppe hat Alberts Vorstoß übrigens bereits eine Absage erteilt, aber würde das Geld vermutlich trotzdem nehmen, wenn es welches gäbe; schließlich umfasst der Entwurf des Managers jedes Medienhaus, das gesellschaftlich relevante Inhalte liefere. Denkt man die Idee zu Ende, müssten dann allerdings auch Zeitungs- und Zeitschriftenverlage in den Genuss der Förderung kommen.

 

nach oben

weiterlesen

Öffentlich-Rechtliche: Auftrag und Erwartung

Gerade in Pandemiezeiten hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk Vertrauen und Wertschätzung beim Publikum gewonnen. Dennoch muss er weiterhin mit den Attacken seiner Gegner leben. „Das ist unser Programm!“ Unter diesem Titel diskutierten auf einer medienpolitischen Tagung von ver.di und DGB in Berlin Medienwissenschaftler und Journalist*innen über den „öffentlich-rechtlichen Rundfunk zwischen Auftrag und gesellschaftlichen Erwartungen“.
mehr »

ARD und ZDF gehen gegen Bild TV vor

ARD und ZDF ziehen rechtliche Konsequenzen aus der nicht genehmigten Nutzung ihrer Inhalte durch Bild TV am Wahlabend. „Wir haben uns entschlossen, rechtlich gegen Bild TV wegen der aus unserer Sicht rechtswidrigen Übernahme unserer Berichterstattung vorzugehen“, teilte die ARD dem Evangelischen Pressedienst (epd) jetzt mit. Ein Sprecher des ZDF sagte, der Sender ziehe „Konsequenzen aus der nicht genehmigten Übernahme von Teilen der ZDF-Wahlsendungen im linearen Angebot und auf der Website von BILD-TV am Wahlsonntag“.
mehr »

Wer bietet wem Paroli?

Weitreichende Entscheidungen in der deutschen Fernsehlandschaft: Das Bundesverfassungsgericht erklärt Sachsen-Anhalts Gebühren-Blockade für verfassungswidrig und stärkt die Position des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Der Springer Verlag startet Bild TV, auch als Kampfansage an ARD und ZDF. Bertelsmann beschließt die Fusion von Gruner + Jahr mit RTL. Zugleich eröffnen die privaten TV-Sender mit Unterstützung ehemaliger ARD-Kräfte eine „Informationsoffensive“.
mehr »

Medienpolitik quo vadis?

Wer trägt die Verantwortung dafür, dass in Deutschland jedes Jahr „rund 100.000 ungeborene Kinder getötet“ werden? Geht es nach dem kruden Weltbild der AfD, so finden sich die Killer indirekt unter anderem in den Medien, die es versäumen, ausreichenden „Respekt vor dem Leben und ein positives Bild von Ehe und Elternschaft“ zu vermitteln. „Freier Funk für freie Bürger“ bedeutet nach dieser Logik: Kahlschlag beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk hin zu einem „schlanken Heimatfunk“ mit „ca. einem Zehntel des bisherigen Umfangs“, etwa durch Abschaffung von „Zwangsbeiträgen“ und Werbung. Am nächsten kommt dieser Position noch die FDP, die den Rundfunkbeitrag…
mehr »