Prince und Pop

Musikpresse hat schon bessere Zeiten gesehen

So richtig gut geht es der Musikpresse nicht. Kein Wunder, befindet sie sich doch in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis zur Musikindustrie. Die CD-Verkäufe der Musikfirmen schwächeln, neue Geschäftsmodelle im Internet können die Verluste längst nicht ausgleichen. Wenn die Industrie darbt, trifft das auch Magazine wie Musikexpress, Rolling Stone und Spex.


Was vermutlich die wenigsten Rockfans wissen: Zwei der bekanntesten deutschen Musikmagazine erscheinen im Axel Springer Verlag – der Musikexpress seit dem Jahr 2000, die deutsche Lizenzausgabe des Rolling Stone seit 2002. Nicht zu vergessen Metal Hammer, das Blatt für die Freunde des ganz harten Sounds. Vor einem Jahr zogen die Redaktionen von München nach Berlin um. Für Rainer Schmidt, in Personalunion Chefredakteur von Musikexpress und Rolling Stone, ein logischer Schritt. Als Standort für die Musikpresse sei Berlin nicht zu toppen. „Es gibt nirgends in der Republik eine lebendigere Szene, hier finden Sie Heavy Metal Konzerte genauso wie vielleicht den wichtigsten Club der Republik, das Berghain“, schwärmt Schmidt.
Näher dran an die Szene, heißt die Losung. Das ist auch nötig, denn sowohl Musikexpress als auch der altehrwürdige Rolling Stone haben schon bessere Zeiten gesehen. Die Auflage beider Blätter stagniert jeweils bei wenig mehr als 50.000 Exemplaren. Vor zehn Jahren lag sie noch doppelt so hoch. Beide Blätter leiden ein wenig unter Nachwuchsmangel. Speziell über den Rolling Stone lästern böse Zungen, er sei mittlerweile ein Blatt, in dem „alte Männer für alte Männer über alte Männer“ schreiben. Ein Klischee, winkt Chefredakteur Schmidt ab. „Das schreiben die Medien gern voneinander ab, weil es sich ja so gut anhört“, sagt er. Mit der Zusammensetzung der Redaktion und der inhaltlichen Ausrichtung der Zeitschrift habe dieses Vorurteil jedenfalls nichts zu tun. Tatsächlich wird die Redaktion eher von jüngeren Kräften bevölkert. Und thematisch wildert der Stone längst in allen Bereichen der Popkultur, seien es Kunst, Film oder Literatur.
Das gilt auch für andere Musikmagazine. Etwa für die nur noch zweimonatlich erscheinende Spex aus München, die sich konsequenterweise gleich „Magazin für Popkultur“ nennt. So widmete sich unlängst eine Ausgabe schwerpunktmäßig aktuellen Theatertendenzen, enthielt unter anderem das letzte Interview mit dem verstorbenen Christoph Schlingensief. Die Ausweitung des Themenspektrums komme nicht von ungefähr, findet Hagen Liebing, Musikredakteur des Berliner Stadtmagazins TIP. „Wenn man als Macher jetzt Mitte 40 ist, hat sich eben die ganze Erlebniswelt erweitert“, sagt er. Da genieße man auch gern mal Rotwein, gehe ins Theater oder in eine Ausstellung, nehme das Kulturleben in seiner ganzen Breite wahr. Dementsprechend sei auch die Bandbreite eines Magazins wie der Spex sehr gewachsen. Bislang zahlte sich die Hinwendung zu einem breiten Kulturbegriff für Spex allerdings nicht aus. Bis Ende 2010 war die verkaufte Auflage auf gerade mal 17.200 Exemplare geschrumpft.
Der Musikexpress wiederum hat sich in den letzten Jahren – schon um sich vom Rolling Stone abzugrenzen – stark auf den Indie-Bereich fokussiert, eine musikalische Öffnung auch zu Pop, Elektro, Hiphop vorangetrieben. Beide Blätter betreiben auch eine Art musikalische Nachwuchsförderung: Jeder Ausgabe liegt eine CD mit musikalischen Kostproben von Newcomer-Bands bei. Eine kleine Sensation war die exklusive Herausgabe der neuen Prince-CD in der vorjährigen August-Ausgabe des Rolling Stone. Ein Scoop, der dem Magazin die höchsten Verkäufe seit Jahren bescherte und die IVW-Zahlen für das III. Quartal 2010 auf über 70.000 hochschnellen ließ. Ein kurzlebiger Effekt, der schnell wieder verpuffte. Die Konkurrenz des World Wide Web mit seinen vielen musikalischen Links schreckt Rainer Schmidt nicht. Es gebe da gute und schlechte Sites, meint er. Er kenne aber noch nicht „diese eine, wo ich mit derselben Treffsicherheit die gleiche Qualität finde wie im Print“.
Angesichts der eher wuseligen Informationslage im Netz, findet er, komme den Musikredaktionen mehr denn je die Funktion zu, Leser und Fans zu orientieren, Spreu vom Weizen zu trennen. Auf diese Weise werde die eigene Marke gestärkt. Markenpflege betreibt der Stone auch durch die Herausgabe einer 12-teiligen Musik-DVD-Kollektion in Kooperation mit Arthaus. Konzert- und Festivalveranstaltungen sind weitere Wege, um die materiellen Folgen von Auflagenschwund und Anzeigenverlusten zumindest partiell auszugleichen. Wo auch das nicht reicht, wird gelegentlich Zuflucht bei den Mitteln des Boulevardjournalismus gesucht, wie der letztjährige Dezembertitel des Rolling Stone unter der reißerischen Headline „Kiffen, Koksen, Saufen“ eindrucksvoll belegt.
Seit jeher steht die Musikpresse im Verdacht, mit der Industrie unter einer Decke zu stecken, mehr für die Plattenfirmen zu schreiben als für die Fans. Da ist was dran. Schließlich werden die Magazine von den Labels mit aktuellen Produktionen bemustert, bekommen Konzertkarten und manches mehr. Aber: „Da das Anzeigengeschäft schwächelt, bekommen die Blätter paradoxerweise derzeit mehr Unabhängigkeit von der Industrie“, sagt TIP-Redakteur Liebing.
Das US-amerikanische Mutterblatt des Rolling Stone provozierte im vergangenen Juni sogar einen handfesten Politskandal. Auf eine Story über den damaligen NATO-Oberbefehlshaber Stanley McChristal und dessen abfällige Bemerkungen über die amerikanische Regierung reagierte US-Präsident Barack Obama mit dem Rauswurf des hochdekorierten Generals. Immerhin: Der deutsche Stone stellte eine Übersetzung des Textes online.

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