Radiomacher begreifen die Krise auch als Chance

Unterschiedliche Rezepte in der anhaltenden Konjunkturflaute

Radio ist im Kommen, möchte man meinen. Immerhin stieg in den letzten zehn Jahren die durchschnittliche tägliche Hördauer in Deutschland um über eine halbe Stunde auf rund 200 Minuten. Über 230 Stationen buhlen inzwischen um die Gunst der Hörerinnen und Hörer. Der ARD-Vorsitzende Jobst Plog erkennt gar eine „Renaissance des Radios“.

Doch wirtschaftlich scheint das Hoch schwer durchzuschlagen: Radio hat auch zu Werbeboom- Zeiten den kleinsten Teil am Werbekuchen abbekommen. Im vergangenen Jahr lag er bei mickrigen drei Prozent der Bruttowerbeeinnahmen. Private wie öffentlich-rechtliche Sender nahmen nur noch 897 Millionen Euro ein, im Jahr zuvor waren es mit 943 Millionen Euro noch drei Prozent mehr. Und im Höhenrausch des Jahres 2000 waren die Einnahmen sogar auf über eine Milliarde Euro angewachsen. Dass Radiomacher weniger jammern, glaubt der Vizepräsident des Verbandes Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT) und Geschäftsführer von Antenne Thüringen, Hans-Jürgen Kratz, darin begründet, dass die anderen Medien ihre erste große Krise erleben, während die Radiomacher schon krisenerprobt seien. So stellen Verlagshäuser dann auch schon mal ihre crossmedialen Höhenflüge im Zeichen der Krise hintan und verabschieden sich wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ ganz aus dem Radiogeschäft. Statt Sendernetz heißt es im Hellernhof wieder Konzentration auf das Stammgeschäft – und das ist die Zeitung. Dabei war das Wirtschaftsradio in Frankfurt erst im April 2002 gestartet. In München hatte man im Jahr zuvor „Focus“-Chef Helmut Markwort abhängen können. Der hat nach dem FAZ-Rückzieher in der bayerischen Landeshauptstadt auch abgewunken – zu viel Risiko, zu wenig Chancen auf Erfolg. Dennoch: so ganz hat Markwort seine Radiopläne nicht beerdigt, immerhin ist er als Geschäftsführer der Burda Broadcast an mehreren Sendern beteiligt und bewirbt sich momentan um eine Frequenz in Berlin. Auch ein anderer nutzte die Krise klar zum Wachstum: die RTL Group. Sie zog mit dem Kauf der Hörfunkbeteiligungen des Holtzbrinck-Konzerns den beeindruckendsten Radio-Deal des vergangenen Jahres durch.

Dass viele Radio als Chance begreifen, machen auch die 28 Bewerber um zwei Frequenzen in Berlin deutlich. Neben dem FAZ-Business- Radio wurde die Frequenz von Spreeradio ausgeschrieben, das nach einem jahrelangen programmlichen Schlingerkurs im vergangenen Jahr Insolvenz anmelden musste. Allerdings dämpft eine von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) in Auftrag gegebene Studie allzu hochfliegende Ambitionen: So sieht Gutachter Johannes Kors lediglich Platz für Spartenradios, die wegen der Wirtschaftlichkeit allerdings über einen bundesweiten Background verfügen sollten. In anderen Ländern dürfte aufgrund der wenigen privaten Angebote größerer Spielraum herrschen.

Weniger Programme

Kratz vermutet, dass Lizenzrückgaben auch in diesem Jahr die Ausnahme bleiben, allerdings könnten nach seiner Prognose bis zu zehn Sender ins Minus rutschen. Offensichtlich bleibt die Frage schwierig zu beantworten, warum gut laufende Unternehmen in Zeiten voller Kassen nicht Geld auf die hohe Kante packen können für Zeiten wie diese.

Noch ein Trend verstärkt sich zu Zeiten anhaltender Konjunkturflaute: Der Informationsanteil, ohnehin bei vielen Privatradios spärlich gesät, wird weiter ausgedünnt. Zwar sei der Wortanteil pro Forma stabil, doch ersetzten Service wie Wetter, Verkehr und mehr sowie eine Flut von Trailern die harten News, beobachtet Wille Bartz von connexx.av und verweist auf eine Hörfunkstudie in Niedersachsen, wonach der Informationsanteil auf kaum zu ertragende zehn Prozent im Vergleich zu 1987 eingestampft wurde. Dafür braucht man weniger Mitarbeiter. FFN habe beispielsweise vor fünf Jahren noch 170 beschäftigt, heute seien es lediglich 90. Hinzu kommt die Vorliebe vieler Sender, Volontären und Praktikanten ein Gros der Arbeit zu überlassen.

Bemerkenswert bleibt, dass niemand eine ernsthafte Prognose für 2003 wagt. Nachdem viele bereits im vergangenen Jahr zumindest auf einen Aufschwung im dritten oder wenigstens im vierten Quartal hofften, scheinen jetzt auch die letzten Optimisten verstummt. Kratz verweist auf die vielen Faktoren: innenpolitisch seien keine Reformen in Sicht. Käme noch der Irak-Krieg, würde sich das in weiterer Kaufzurückhaltung bemerkbar machen. Er hofft, dass 2003 nicht schlechter als das Vorjahr wird. Seine Devise: „Stahlhelm aufsetzen und durch“. Noch befindet sich sein Sender im schwarzen Bereich. Aber nach 2001 ging der Umsatz auch im Vorjahr wieder runter. Das letzte rote Jahr liegt aber länger zurück: 1994.

Die Rezepte gegen die anhaltende Konjunkturflaute sind unterschiedlich: Kratz steuert gegen, indem geplante Investitionen wie etwa für ein Verkaufssteuerungssystem oder der Umbau des Nachrichtenstudios aufgeschoben werden. Entlassen müsse er nicht, noch im Vorjahr hatte sogar er zwei Neue eingestellt. Auch fürs Große haben Kratz und der VPRT ein Heilmittel gefunden: die öffentlich-rechtliche Konkurrenz muss in ihre Schranken verwiesen und an ihren Grundauftrag erinnert werden. Auch die Hälfte der Hörfunksender der ARD wäre ausreichend, die wegfallenden Werbeeinnahmen der Verbleibenden könnten durch die Kostenumverteilung kompensiert werden.

Keine Kürzung bei Freien

Ohne auf diese Werbe-Diskussion einzusteigen, wird aus Kostengründen auch bei den Öffentlich-Rechtlichen über die Zahl der Programme laut nachgedacht. So geschehen mit dem neuen Intendanten des Hessischen Rundfunks, Helmut Reitze. Letztlich fand er einen weniger rigorosen Weg, um seine ARD-Anstalt vor einem Fehlbetrag am Ende der Gebührenperiode zu bewahren. Wegen der Insolvenz der Taurus Film Produktion, an der der HR mit 60 Prozent beteiligt ist, muss Reitze zehn Millionen Euro abschreiben. Trotz kleinerer Abstriche am Hörunfketat wird es bei den sieben UKW-Wellen und dem achten Mittelwellensender bleiben. Um den Erfolg zu steigern, soll aber beispielsweise hr skyline von einem Wirtschaft- zu einem Nachrichtenradio umgebaut werden. Auch bei der Fusion von SFB und ORB zum Rundfunk Berlin-Brandenburg wird über die Zahl der Hörfunkprogramme debattiert. Sechs der teilweise schon gemeinsam gestalteten Wellen sollen fortgeführt werden. Die zwei Kulturwellen werden zu einer verschmelzen. ORB-Hörfunkdirektorin Hannelore Steer rechnet damit, dass der Etat im Wesentlichen unverändert bleibt. Das bedeute auch keine Kürzungen für die freien Mitarbeiter, deren Honorare einen großen Teil des Etats ausmachen. Und mit Blick auf die Einteilung der Rundfunkgebühren zeigt sie sich überzeugt, dass der wachsende Druck auf das Fernsehen – etwa durch kostenintensivere Zulieferungen für die Unterhaltungsschiene des Ersten – nicht auf den Radiobereich abgewälzt werden kann. Auf die Werbezeiten der Öffentlich-Rechtlichen zielt auch der Geschäftsführer des Berliner Marktführers r.s.2, Carsten Neitzel. Er wiederholt seine Forderung, die Werbezeiten im öffentlich-rechtlichen Radio auf die hörerschwachen Tageszeiten nach 18 Uhr zu legen. Neitzel erinnert daran, dass die Werbezeiten schlicht nach der Primetime im Fernsehen festgelegt wurden.

Dabei macht er sich nicht allzu große Hoffnungen, was den VPRT-Vorstoß zum Thema angeht. Die öffentlich-rechtlichen Sender seien den Ministerpräsidenten wohl doch sehr heilige Kühe. Immerhin müsste eine solche Änderung im Rundfunkstaatsvertrag abgesegnet werden. Mit seinem eigenen Sender steht Neitzel nicht schlecht da: 2002 habe er wieder eine „Punktlandung hinbekommen“. Der Umsatz sank im Vergleich zu 2001 nur um 0,7 Prozent, das entspricht 167.000 Euro. „Wir gucken stärker denn je auf die eigenen Aufwendungen und überlegen, wieviel Werbedruck wo nötig ist.“

Jedoch lässt er sich wie alle anderen nicht wirklich in die Karten schauen. Zu den „wichtigsten und vernünftigsten Einsparungen“ zählt Neitzel die zurückgegebene DAB-Lizenz. Sein Ableger Rock IT war sogar auf Sendung. Fast alle Berliner und Brandenburger Sender haben zurückgegeben, bevor sie hätten wirklich bezahlen müssen. Denn das erste Jahr im Regelbetrieb ging auf Kosten der Deutschen Telekom. Und Neitzel erfeut das Verständnis seitens der MABB über diesem Schritt. Seit 1995 lief das DAB-Pilotprojekt, seit November 2001 war es im Regelbetrieb. Die MABB schoss hier zwischen 36 Prozent in Berlin und 64 Prozent in Brandenburg zu, insgesamt im ersten Jahr 363.000 Euro. Bislang haben nur BB Radio und 104.6 RTL ihre DAB-Lizenzen nicht zurück gegeben, so Uwe Hense, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Förderung der Rundfunkversorgung (GARV). Er beziffert die Kosten für einen Programmplatz in Berlin im Schnitt auf rund 43.000 Euro im Jahr.

Zeit für runden Tisch

Die Sender hätten ihren Schritt unter anderem mit Problemen bei den Werbeeinnahmen begründet. Bundesweit, so der bayerische Rechnungshof, gebe es lediglich 15.000 DAB-Geräte. Nach Hense dürfte es bestimmt das Doppelte sein, was dennoch nicht für die Durchsetzung der Technik spreche. Der Chef der Thüringischen Landesemedienanstalt, Victor Henle, fordert deshalb einen Schnitt, zumindest was die öffentliche Förderung angeht. So flossen laut „Süddeutscher Zeitung“ 72 Millionen Euro von EU und Bund, mehr als 70 Millionen von den Ländern und rund 80 Millionen an Gebührenmitteln der ARD in die auserkorene Zukunftstechnologie. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident und Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, Kurt Beck, hat einen Runden Tisch vorgeschlagen. Der sollte alle Beteiligten schon im November vereinigen und ist jetzt auf März verschoben. Der ARD-Vorsitzende Plog, der schon mal von „Investitionsruinen“ sprach, will ihn zur IFA. Da könnte schon alles zu spät sein. In der Hauptstadtregion fließt das DAB-Geld derweil in das terrestrische Digitalfernsehprojekt. Dort wäre Platz für Radioprogramme, solche wie das NDR-Programm N-Joy, Radio 1 oder das SFB-Integrationsprogramm Multikulti waren schon im Pilotprojekt. Klar ist, auch der Hörfunk muss digitalisiert werden, manch ein Landesmediengesetz hat das sogar zeitlich verankert. Skeptisch steht Hense allerdings Projekten wie der digitalisierten Mittelwelle gegenüber, weil hier noch die Rahmenbedingungen fehlten, die eine internationale Konferenz erst noch schaffen will. Zudem könnte auf einer Frequenz nur ein Programm abgestrahlt werden – obgleich das dann „klar wie die Callas“ rüber kommt, wie Ohrenzeuge Neitzel zu berichten weiß. Und ähnlich wie bei DAB käme laut Hense das Problem der Empfangsgeräte neben dem der „nicht mehr so üppigen Mittelwellen-Frequenzen“ hinzu.

 

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